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Löws Differenzierung : Begrenzter Reichtum

Lässt laufen: Löw und die Nationalspieler Bild: dpa

Zwar ist die deutsche U-21-Generation noch nicht soweit wie gedacht. Doch Löws Weltmeister machen wieder Lust auf mehr. Der letzte Schritt in der EM-Qualifikation sollte in dieser Verfassung nicht schwerfallen.

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          Auf etwas zu verzichten, was man sich jederzeit leisten könnte, kann der wahre Luxus sein. Joachim Löws freiwillige Selbstbeschränkung beim mitreißenden 3:1 gegen Polen aber war etwas anderes. Es kommt selten genug vor, dass Trainer ihr Wechselkontingent nicht voll ausschöpfen. Bei Löw aber hatte man am Freitag das Gefühl, er wäre im Zweifel sogar ganz ohne frische Kräfte gut ausgekommen: Dass er Gündogan für Bellarabi brachte, lag auch an der Verletzung des Leverkuseners, allerdings nutzte der Dortmunder seine Chance auf imponierende Weise. Der Last-Minute-Tausch von Podolski für Götze war dagegen vor allem eine Geste des Bundestrainers, um dem Doppel-Torschützen den verdienten Sonderapplaus zu verschaffen. Ansonsten lief ja alles, warum also ohne Not etwas ändern?

          Man kann es aber, gerade weil es das Schlüsselspiel um Qualifikation und Gruppensieg war, auch ein bisschen anders lesen. Dass Löw nämlich klar und kühl differenziert. Zwischen den zwölf, dreizehn Spielern, denen er auf höchstem Niveau vertraut, und einer praktisch genauso großen Gruppe, die nur für größere Notfälle parat steht. Das ist zwar nicht ganz neu, auch bei der WM waren einige Teilnehmer ohne echte Chance auf einen Einsatz. In Brasilien aber gab es noch die Kategorie der „Spezialkräfte“: Männer also, von denen Löw wusste, dass sie vielleicht noch etwas würden bewegen können, wenn es mal nicht nach Plan funktionierte. Gegen Polen kam das Nationalteam, bedingt auch durch Verletzungen wie die von Marco Reus, als Zwei-Klassen-Gesellschaft daher.

          Von verschwenderischem Luxus im Land des Weltmeisters kann also, zumindest nach Löws Standards, nicht die Rede sein. Das dürfte zugleich ein wesentlicher Grund dafür sein, warum er zuletzt den Blick demonstrativ über die EM 2016 hinaus gerichtet und die WM 2018 in Russland zum Maßstab allen Handelns gemacht hat. Bis dahin glaubt er, sein Team noch einmal einen Schritt voranbringen zu können. Schneller geht es nicht, weil der Fortschritt nach seinen neuesten Erkenntnissen nicht in taktischen Anpassungen besteht, sondern in der individuellen Qualität der Spieler - und das braucht Zeit. Mit Blick auf die hoch gehandelte U-21-Generation musste Löw ernüchtert feststellen, dass sie doch noch längst nicht so weit sei.

          Das Gute ist, dass Löws WM-Generation, wie sie am Freitag bewiesen hat, noch längst nicht zum alten Eisen gehört - und allem Anschein nach auch wieder den nötigen Hunger verspürt. Der letzte Schritt in der EM-Qualifikation sollte in dieser Verfassung nicht mehr schwerfallen. Die wirbelnde Offensive, allen voran Thomas Müller und Mario Götze, hat die jüngsten Zweifel an ihrer Durchschlagskraft mit Macht zerstreut, dazu kommen weitere positive Signale: In der Defensive vermag Jonas Hector die Vakanz auf einer der Außenstellen in der Abwehr adäquat zu füllen. Und mit Ilkay Gündogan, den Löw am Sonntag in der Form der Polen-Partie für demnächst unverzichtbar erklärte, steht mehr als nur eine höchst interessante Alternative für eine der zentralen Positionen im Mittelfeld bereit. Löw mag die EM in Frankreich zur „Zwischenetappe“ auf dem Weg zur WM 2018 erklärt haben. Das Gelbe Trikot darf und muss dabei trotzdem der Anspruch sein.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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