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Fußball-Nationalmannschaft : Stillos und ohne Anstand

DFB-Präsident Reinhard Grindel (links) und Bundestrainer Joachim Löw. Bild: Picture-Alliance

Nach der hässlichen Scheidung von drei früheren Weltmeistern ist der Teufel los im deutschen Fußball. Im Fokus stehen persönliche Befindlichkeiten, nicht aber die Zukunft der Nationalelf. Das verheißt nichts Gutes.

          Kaum ist das schwarze Jahr des deutschen Fußballs vergangen, sind dessen lange Schatten zurückgekehrt. Bundestrainer Joachim Löw hat am Faschingsdienstag die drei Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng auf dem Vereinsgelände des FC Bayern wissen lassen, dass er sie nach bald zehn Jahren, zusammen rund 250 Länderspielen und großen Diensten für den deutschen Fußball, nicht mehr gebrauchen könne. Es war ein endgültiger Abschied, ganz auf die Schnelle, gleichwohl orchestriert mit offiziellen und längst abgesprochenen Stellungnahmen auch des DFB-Präsidenten.

          Spätestens seit Müller dem Bundestrainer mangelnde Wertschätzung wegen dieser stillosen Abschiedsvorstellung vorwarf, ist im deutschen Fußball der Teufel los. Seit Tagen wird im Internet, am Arbeitsplatz, auf dem Schulhof, am Familientisch und am Kneipentresen über die hässliche deutsche Fußball-Scheidung diskutiert. Das aber ist ein Glück.

          Es gibt in Deutschland nicht viele Ereignisse, bei denen die Leute so verlässlich zusammenfinden, wie das bei der Nationalmannschaft noch immer der Fall ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man sich andere Institutionen anschaut, die, wie Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften, schon lange an Bindekraft verloren haben. Selbst vor dem Fernseher kommen die Deutschen nur noch beim Tatort wie bei der Nationalelf zusammen.

          Über die drei frisch aussortierten Weltmeister reden in diesen Tagen, genauso wie über Mesut Özil im trüben WM-Sommer oder zuvor über den „Nachbarn“ Boateng, nicht nur die vielen Millionen Fußballfans in diesem Land. Wohl und Wehe der Nationalmannschaft sind vielmehr eines der wenigen Themen, die so etwas wie einen nationalen Gesprächskreis zusammenbringen. Auf der Folie des Fußballs werden dabei auch gesellschaftliche Themen verhandelt, und auf diesem Feld vollzieht sich wie nebenbei immer wieder ein Akt der Selbstvergewisserung, was in diesem Land geht und was nicht. Zum Beispiel: Welche berechtigten oder unberechtigten Erwartungen hat man in Deutschland an seine Bürger und Repräsentanten mit unterschiedlichen Wurzeln?

          Diese Debatte entzündete sich an der Frage, ob Nationalspieler die Nationalhymne mitsingen sollen, oder in der Beziehung zu einem Autokraten wie Erdogan. Der Fall Gauland brachte die Frage hervor, wie man auf rassistische Provokationen reagiert, die in der deutschen Politik Einzug gehalten haben. An das sportliche und sportpolitische Scheitern bei der WM in Russland knüpfte sich die Debatte, welche Übernahme persönlicher Verantwortung man von Führungskräften erwartet, die eine solche Unternehmung komplett in den Sand gesetzt haben.

          Jetzt geht es im Kern um die Frage, was der angemessene Umgang mit Menschen ist, die sich ein Berufsleben lang um eine Sache verdient gemacht haben, von denen Vorgesetzte aber glauben, dass sie nicht mehr leistungsfähig genug sind. Offenbar spüren viele, dass über Wertschätzung mehr geredet als danach gehandelt wird, auch in der Nationalelf. Oder, um es auf den Status von Müller, Hummels und Boateng zuzuspitzen: Wie hält man es mit Ehre und Anstand gegenüber Helden des (Fußball-)Vaterlands, wie man früher, allzu pathetisch vielleicht, gesagt hätte?

          Angesichts der symbolischen Debatten, die rund um den Fußball geführt werden, ist es nicht übertrieben, wenn man von der Nationalmannschaft als einem Kulturgut spricht. Deswegen muss man sorgsam mit ihm umgehen. Von dieser Verantwortung ist in der sportlichen Führung und im DFB seit dem vergangenen Sommer allerdings nicht viel zu spüren. Seit dem Scheitern in Russland sind dem Bundestrainer und DFB-Präsident Grindel alle Debatten entglitten; der Schaden reicht weit über die sportlichen Niederlagen hinaus. Ein Korrektiv ist nicht vorhanden. Die Spitzen in der Nationalelf und beim DFB haben offenkundig das Gefühl dafür verloren, worauf es im Fußball ankommt. Aber nicht nur da.

          Auch die Debatte im aktuellen Fall geht über sportliche Fragen hinaus. Selbstverständlich muss eine Mannschaft immer wieder mit jungen Spielern aufgefrischt werden. Das war schon vor der WM zu erkennen; ebenso, dass Müller, Hummels und Boateng ihre besten Zeiten schon zu diesem Zeitpunkt hinter sich hatten. Löw sah das anders. Der Bundestrainer, der sich vor der erhofften Titelverteidigung selbst noch als „Visionär“ bezeichnete, hat in Wahrheit seitdem Tomaten auf den Augen, wie man im Fußball flapsig sagt.

          Auch nach der WM, als der richtige Zeitpunkt für eine notwendige Korrektur gekommen war, ist er bei seinem alten Kurs geblieben, den er unter dem Druck der Verhältnisse im Herbst erst halbherzig und nun radikal änderte. Im Zuge dieser Selbstbezogenheit stürzen nun sogar die großen Lieblinge von gestern reihenweise vom Sockel. Das mag niemand mitansehen. Es rächt sich bitter, dass dem DFB nach der WM die Kraft zu einem echten Neuanfang fehlte. Im Mittelpunkt des deutschen Fußballs stehen seither persönliche Befindlichkeiten, nicht aber die Zukunft der Nationalelf. Das verheißt nichts Gutes für das vielleicht letzte große Gemeinschaftserlebnis im Fußball-Land.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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