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Analyse nach WM-Aus : Viele Worte, wenig Neues

Bundestrainer Joachim Löw (links) und Team-Manager Oliver Bierhoff bei der Pressekonferenz in München. Bild: dpa

Nach dem WM-Debakel haben Joachim Löw und Oliver Bierhoff ihre Analysen und den neuen DFB-Kader vorgestellt. Dabei äußerten sich beide auch zur Causa Özil. Große Überraschungen blieben bis auf zwei Personalien aus.

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          Es gab keinen Espresso für Joachim Löw, sondern Wasser aus Karaffen. Auch großformatige Werbetafeln fehlten, kein „#zsmmn“, kein „Best NeVer Rest“, nirgends. Und die Pressekonferenz zur Lage des deutschen Fußballs fand auch nicht in einem Autohaus statt, sondern in einem Fußballstadion. Man muss nicht in jedem Detail einen Akt der Symbolik sehen, aber am Ende der Ausführungen und Antworten von Joachim Löw und Oliver Bierhoff im Mediensaal der Münchner Allianz Arena, die ziemlich exakt so lange dauerten wie ein Fußballspiel samt Halbzeit und Nachspielzeit, 110 Minuten, war schon klar, dass die Nationalmannschaft und ihr Apparat künftig ein anderes Bild abgeben sollen als zuletzt: bodenständiger, volksnäher und, ja, auch von einigem Ballast und Zierrat befreit, der sich über die Jahre so angesammelt hat. Nationalmannschaft unplugged, das schien am Mittwoch in München die ungefähre Richtung zu sein, wie es weitergehen soll – zumindest, was die Form angeht.

          Was den Inhalt angeht, das (Zusammen-) Spiel auf der Fußballbühne, waren es vergleichsweise moderate Änderungen, die der Bundestrainer und der Teammanager verkündeten. Besucher des Bastian-Schweinsteiger-Abschiedsspiels am Vorabend am selben Ort hatten noch darüber spekuliert, ob Thomas Müller ein Opfer des sportlichen Neuanfangs werden könnte. Doch als die „Bild“-Zeitung, zuletzt verlässlich aus den Kreisen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ins Bilde gesetzt, um kurz vor zwölf den ersten „Jogi-Hammer“ verkündete, handelte es sich zwar tatsächlich um einen Thomas, allerdings um den mit Nachnamen Schneider.

          Der bisherige Co-Trainer wird künftig als Leiter der Scoutingabteilung fungieren, seine Stelle im Trainerteam wird nicht nachbesetzt. Doch das war natürlich nicht das, was die Fußballnation gespannt auf Löws und Bierhoffs Erläuterungen blicken ließ, die sie am Mittwoch, mehr als acht Wochen nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM in Russland, präsentierten. Es ging um alles – aber am Ende kam gar nicht so furchtbar viel Neues heraus. Ein Überblick:

          Was ist in Russland schiefgelaufen?

          Es gebe „nichts zu beschönigen“, stellte Löw zu Beginn seines etwa 25-minütigen Vortrags fest. „Wir sind alle weit unter unseren Möglichkeiten geblieben und haben zu Recht die Quittung dafür erhalten.“ Was die konkreten Gründe für das Scheitern angeht, schilderte Joachim Löw das Bild einer Mannschaft, die fußballerisch ihre Mitte verloren hat. Genau jene – die „goldene“ – habe das Team vier Jahre zuvor beim Triumph in Brasilien ausgezeichnet. Dort hatten Ballbesitz- und Umschaltfußball bei defensiver Stabilität die richtige Mischung ergeben.

          In Russland jedoch war das in erhebliche Schieflage geraten – was Löw auch sich selbst ankreidete. Dass er auf „totale Dominanz“ gesetzt habe, sei seine „allergrößte Fehleinschätzung“ gewesen, sagte er. Zwar habe sich die Mannschaft nach dem WM-Triumph in Brasilien gegen immer defensivere Gegner in diese Richtung entwickeln müssen, aber in Russland sei das Modell gescheitert. Auch, weil bei seinem eigenen Team die „Rahmenbedingungen“ nicht gestimmt hätten. Mit anderen Worten: Um mit diesem Fußball zum Erfolg zu kommen, hätte seine Mannschaft mental und physisch frischer sein müssen. Oder weniger träge.

          Das unterfütterte der Bundestrainer mit ein wenig Zahlenmaterial, so lag die durchschnittliche Zeit zwischen Ballannahme und -weitergabe bei 1,51 Sekunden – gegenüber 1,19 Sekunden 2014 und 1,2 Sekunden 2010. So lässt sich keine kompakte Abwehr auseinandernehmen. Gemessen daran ist es fast ein Wunder, dass das Team zwar zu 24 Torabschlüssen pro Spiel kam, aber auch deren Qualität sagt am Ende etwas über die Gesamtqualität. Löw bemängelte schließlich auch, dass das nötige „Feuer“ und der „Enthusiasmus“ gefehlt hätten. Weil all diese Mängel aber schon in Russland offenkundig waren, stellte sich die Frage, warum der Bundestrainer auf all das nicht schon viel früher reagiert hat.

          Welchen Anteil am Scheitern sieht Löw bei sich?

          Dass es ohne eine Portion Selbstkritik nicht gehen würde, war zuvor schon klar gewesen. Löw wurde dann auch recht deutlich, als er es als „schon fast arrogant“ bezeichnete, wie er sein Mantra des Ballbesitzfußballs verfolgte. „Ich wollte das auf die Spitze treiben und perfektionieren“, sagte er und klang in diesem Moment mehr wie ein (gescheiterter) Missionar denn wie ein Fußballtrainer. Auch den Mangel an Leidenschaft kreidete er sich in Teilen an. „Es wäre auch meine Aufgabe gewesen, das innerhalb der Mannschaft zu forcieren und einzufordern.“ An anderen Stellen hingegen klang er eher wie der alte Löw, der ein wenig trotzig seine Sicht verteidigt.

          Thomas Schneider (rechts) wird künftig nicht mehr Ko-Trainer von Joachim Löw sein.
          Thomas Schneider (rechts) wird künftig nicht mehr Ko-Trainer von Joachim Löw sein. : Bild: dpa

          Die Nachfrage, warum er nicht früher eingegriffen habe, beantwortete er jedenfalls eher dünn: Man dürfe die Eindrücke im Trainingslager nicht zu hoch hängen, behauptete er zum Beispiel. Wobei es auch Kenner gibt, die sagen, dass genau da schon zu erkennen sei, wohin die Richtung geht. Auch auf die Erkenntnis, dass auch das erste WM-Spiel in gewisser Weise schon ein K.o.-Spiel sei und man die Mannschaft entsprechend darauf hätte vorbereiten müssen (weniger Risiko), hätte man früher kommen können. Was die Personalauswahl angeht, wollte der Bundestrainer keine Fehler im eigentlichen Sinne sehen. Von Leroy Sané sei er zum Zeitpunkt der Nominierung nicht überzeugt gewesen, und er glaube auch nicht, dass ein, zwei andere Personalien etwas am Gesamtbild geändert hätten, so Löw. Die Mannschaft habe „in der Summe versagt“.

          Wie gestört war die Atmosphäre?

          Löw bestätigte das, was im Grunde jeder sehen und spüren konnte: Dass es nicht den besonderen Teamgeist wie etwa 2014 gegeben habe. Der aber entstehe normalerweise auch erst im Laufe eines Turniers – anders gesagt: Dafür waren die Deutschen diesmal nicht lange genug dabei. Löw legte aber Wert darauf, dass die Mannschaft sich „sehr professionell“ verhalten habe und „gut miteinander ausgekommen“ sei, eine „Cliquenbildung“ habe er „nicht identifizieren“ können, jedenfalls nicht in Form von „unüberbrückbaren Differenzen“ – und Rassismus schon gar nicht. Was das angeht, wurde Löw regelrecht emotional, als er betonte, dass es in seiner Zeit bei der Nationalmannschaft „nie auch nur einen Ansatz von Rassismus“ gegeben habe.

          Wird zumindest in den beiden anstehenden Länderspielen nicht im Kader stehen: Sami Khedira (rechts).
          Wird zumindest in den beiden anstehenden Länderspielen nicht im Kader stehen: Sami Khedira (rechts). : Bild: dpa

          Und was ist mit Özil?

          Dieses Thema hat den Bundestrainer getroffen. Es war der letzte Punkt seiner Ausführungen, und der Bundestrainer gab sich gar keine Mühe, seine Verletztheit darüber zu verbergen, dass nicht Özil selbst am Apparat gewesen war, um seinen Rücktritt mitzuteilen, sondern dessen Berater. Löw sagte in diesem Moment „der Spieler“ und nicht „der Mesut“ – worin allein schon das Ausmaß der Bitternis zum Ausdruck kam. Das wurde jedoch noch deutlicher, als Löw erläuterte, dass Özil auch seither auf Versuche der Kontaktaufnahme per Telefon oder SMS nicht reagiert habe – eine tiefe menschliche Enttäuschung, womöglich auf beiden Seiten. Dem Fußballer Özil aber rief Löw hinterher, dass er „einer der besten deutschen Spieler ist, die es in den vergangenen 20, 30 Jahren gab“. Was die Erdogan-Affäre als solche betraf, räumte Löw – wie später auch Bierhoff – ein, die Brisanz „absolut unterschätzt“ zu haben. „Das Thema hat uns Kraft gekostet“, sagte er. „Es war nervenaufreibend.“

          Wie soll es jetzt weitergehen?

          Wie es ihm eigentlich gehe, wurde Löw ziemlich am Ende gefragt. „Gut“, sagte er, „gut, oder erwecke ich einen anderen Eindruck?“ Der Eindruck, den Löw erwecken wollte, war zuvor schon deutlich geworden: Dass er, bei aller Selbstkritik, weiterhin der Richtige sei. Und somit auch für den nun fälligen Neuanfang. Wobei der auch ein, zwei Nummern kleiner ausfällt, als man das auch nach Löws eigenen Ankündigungen unmittelbar nach dem Aus („tiefgreifende Veränderungen“) hatte erwarten können. Für das erste Spiel in der Nations League, am Donnerstag kommender Woche in München gegen Weltmeister Frankreich, nominierte Löw drei Neue: Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain), Nico Schulz (1899 Hoffenheim) und Kai Havertz (Bayer Leverkusen). Auch die kurz vor der WM aus dem Kader gestrichenen Sané (Manchester City), Nils Petersen (SC Freiburg) und Jonathan Tah (Bayer Leverkusen) sind wieder dabei. Nach den Rücktritten von Özil und Mario Gomez verzichtete der Bundestrainer lediglich auf die Dienste von Sami Khedira. Ein echter Umbruch sieht anders aus. Es brauche den nötigen Mix aus jungen und erfahrenen Spielern, sagte Löw. Er setzt seine Hoffnungen auf eine verbesserte Einstellung („Jetzt-erst-recht-Gefühl“) und ein variableres Spielsystem. Er freue sich, dass es wieder losgehe, sagte er noch. Aber: „Wir stehen alle unter einem besonderen Druck.“

          Was wird jetzt aus „Die Mannschaft“?

          Was den Markenbegriff angeht, ist das noch nicht geklärt. Oliver Bierhoff sagte, dass er die vielfach geäußerte Kritik ernst nehme, aber auch hier erst in aller Ruhe analysieren wolle. Gegen manchen Vorwurf, der ihm persönlich gemacht wurde, wehrte er sich – so sei er für das Abschließen von Sponsoring-und Fernsehverträgen gar nicht zuständig, und es habe in Russland auch nicht mehr Marketingaktivitäten als in Brasilien gegeben. Aber an der Feststellung, dass das Erscheinungsbild des Nationalteams insgesamt gelitten habe, kam er nicht vorbei.

          Selbstkritisch bei der WM-Analyse: Bundestrainer Joachim Löw.
          Selbstkritisch bei der WM-Analyse: Bundestrainer Joachim Löw. : Bild: dpa

          Bierhoff räumte ein, dass die Mannschaft zuletzt „selbstgefällig aufgetreten“ sei. „Wir haben den Erfolg und die Unterstützung der Fans für selbstverständlich gehalten“, sagte er und kündigte an, dass es künftig mehr „Nahbarkeit und Bodenständigkeit“ geben solle. Einen ersten konkreten Schritt verkündete er auch schon: frei zugängliche Trainingseinheiten – allerdings erst bei den Spielen im Oktober und November. Jetzt sei die Zeit zu knapp. Und vielleicht auch das, was gegen Frankreich auf dem Spiel steht, zu viel.

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