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Analyse nach WM-Aus : Viele Worte, wenig Neues

Wird zumindest in den beiden anstehenden Länderspielen nicht im Kader stehen: Sami Khedira (rechts).
Wird zumindest in den beiden anstehenden Länderspielen nicht im Kader stehen: Sami Khedira (rechts). : Bild: dpa

Und was ist mit Özil?

Dieses Thema hat den Bundestrainer getroffen. Es war der letzte Punkt seiner Ausführungen, und der Bundestrainer gab sich gar keine Mühe, seine Verletztheit darüber zu verbergen, dass nicht Özil selbst am Apparat gewesen war, um seinen Rücktritt mitzuteilen, sondern dessen Berater. Löw sagte in diesem Moment „der Spieler“ und nicht „der Mesut“ – worin allein schon das Ausmaß der Bitternis zum Ausdruck kam. Das wurde jedoch noch deutlicher, als Löw erläuterte, dass Özil auch seither auf Versuche der Kontaktaufnahme per Telefon oder SMS nicht reagiert habe – eine tiefe menschliche Enttäuschung, womöglich auf beiden Seiten. Dem Fußballer Özil aber rief Löw hinterher, dass er „einer der besten deutschen Spieler ist, die es in den vergangenen 20, 30 Jahren gab“. Was die Erdogan-Affäre als solche betraf, räumte Löw – wie später auch Bierhoff – ein, die Brisanz „absolut unterschätzt“ zu haben. „Das Thema hat uns Kraft gekostet“, sagte er. „Es war nervenaufreibend.“

Wie soll es jetzt weitergehen?

Wie es ihm eigentlich gehe, wurde Löw ziemlich am Ende gefragt. „Gut“, sagte er, „gut, oder erwecke ich einen anderen Eindruck?“ Der Eindruck, den Löw erwecken wollte, war zuvor schon deutlich geworden: Dass er, bei aller Selbstkritik, weiterhin der Richtige sei. Und somit auch für den nun fälligen Neuanfang. Wobei der auch ein, zwei Nummern kleiner ausfällt, als man das auch nach Löws eigenen Ankündigungen unmittelbar nach dem Aus („tiefgreifende Veränderungen“) hatte erwarten können. Für das erste Spiel in der Nations League, am Donnerstag kommender Woche in München gegen Weltmeister Frankreich, nominierte Löw drei Neue: Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain), Nico Schulz (1899 Hoffenheim) und Kai Havertz (Bayer Leverkusen). Auch die kurz vor der WM aus dem Kader gestrichenen Sané (Manchester City), Nils Petersen (SC Freiburg) und Jonathan Tah (Bayer Leverkusen) sind wieder dabei. Nach den Rücktritten von Özil und Mario Gomez verzichtete der Bundestrainer lediglich auf die Dienste von Sami Khedira. Ein echter Umbruch sieht anders aus. Es brauche den nötigen Mix aus jungen und erfahrenen Spielern, sagte Löw. Er setzt seine Hoffnungen auf eine verbesserte Einstellung („Jetzt-erst-recht-Gefühl“) und ein variableres Spielsystem. Er freue sich, dass es wieder losgehe, sagte er noch. Aber: „Wir stehen alle unter einem besonderen Druck.“

Was wird jetzt aus „Die Mannschaft“?

Was den Markenbegriff angeht, ist das noch nicht geklärt. Oliver Bierhoff sagte, dass er die vielfach geäußerte Kritik ernst nehme, aber auch hier erst in aller Ruhe analysieren wolle. Gegen manchen Vorwurf, der ihm persönlich gemacht wurde, wehrte er sich – so sei er für das Abschließen von Sponsoring-und Fernsehverträgen gar nicht zuständig, und es habe in Russland auch nicht mehr Marketingaktivitäten als in Brasilien gegeben. Aber an der Feststellung, dass das Erscheinungsbild des Nationalteams insgesamt gelitten habe, kam er nicht vorbei.

Selbstkritisch bei der WM-Analyse: Bundestrainer Joachim Löw.
Selbstkritisch bei der WM-Analyse: Bundestrainer Joachim Löw. : Bild: dpa

Bierhoff räumte ein, dass die Mannschaft zuletzt „selbstgefällig aufgetreten“ sei. „Wir haben den Erfolg und die Unterstützung der Fans für selbstverständlich gehalten“, sagte er und kündigte an, dass es künftig mehr „Nahbarkeit und Bodenständigkeit“ geben solle. Einen ersten konkreten Schritt verkündete er auch schon: frei zugängliche Trainingseinheiten – allerdings erst bei den Spielen im Oktober und November. Jetzt sei die Zeit zu knapp. Und vielleicht auch das, was gegen Frankreich auf dem Spiel steht, zu viel.

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