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Nationalmannschaft : Löw geht in die Innovationsoffensive

Blick nach vorne: Bundestrainer Löw offenbar seine Pläne Bild: dpa

Das WM-System ist dem Bundestrainer nicht mehr gut genug. Er will neue Reize setzen gegen die Bequemlichkeit seiner Spieler. Gegen Gibraltar sollen sie Spaß haben und eines Weltmeisters würdig spielen.

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          Feiern und gefeiert werden, das war, wenn auch mit Unterbrechungen für sportliche Aktivitäten, Alltag für die deutschen Fußball-Nationalspieler seit dem Sommer. Lorbeerblatt, Laureus, Bambi - gerade in den vergangenen Tagen konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich der Schwerpunkt des öffentlichen Wirkens vom grünen Rasen auf den roten Teppich verlagert hat.

          Am Donnerstag, dem Tag, an dem auch der WM-Film „Die Mannschaft“ in die Kinos kam, versuchte Joachim Löw, einen Schlusspunkt unter all das zu setzen. Die Pressekonferenz vor den beiden letzten Länderspielen des Jahres nutzte der Bundestrainer, um den Erfolg von Brasilien abschließend und endgültig zu einem historischen Stoff zu erklären und sich dezidiert neuen Aufgaben zuzuwenden. „Wir sind Weltmeister, und wir bleiben Weltmeister“, sagte er in Nürnberg. „Aber wir müssen lernen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen.“

          Dass dies nicht nur so dahingesagt war, sondern programmatischen Charakter besaß, machte er mit seinen weiteren Ausführungen deutlich, die durchaus den Charakter einer Reformagenda trugen. So wollte Löw sich auch mit der Gegenwart nicht weiter aufhalten. Gegen Gibraltar an diesem Freitag (20.45 Uhr/ live in RTL und F.A.Z.-Liveticker) solle die Mannschaft nach den beiden Oktober-Enttäuschungen gegen Polen (0:2) und Irland (1:1) ein Spiel zeigen, das „eines Weltmeisters auch würdig ist“, und dabei, wenn möglich, mehr als nur das eine oder andere Tor erzielen.

          Künftig mal 3-5-2?

          Und natürlich erwartet der Bundestrainer auch im Prestigeduell am Dienstag in Vigo gegen Spanien von seinen Spielern, „das WM-Jahr zu einem positiven Abschluss zu bringen“. Löws Botschaft des Tages aber richtete sich in Nürnberg schon auf die Zukunft. Die heißt perspektivisch, bei der EM 2016 in Frankreich ein Wörtchen um den Titel mitreden zu können. Und um dieses Ziel zu erreichen, kündigte Löw für das Jahr 2015, das für sein Team mit dem Qualifikationsspiel am 29. März in Georgien beginnt, eine Innovationsoffensive an. „Wir alle müssen uns weiterentwickeln“, sagte er. Die Mannschaft habe zwar über die vergangenen Jahre eine „Idee und eine Spielweise“ verinnerlicht, die nicht nur „hervorragend funktioniert“, sondern gar „die ganze Welt beeindruckt“ habe. Doch der Fußball entwickle sich nun einmal weiter, und so seien „Anpassungen“ und „einige Veränderungen“ dringend nötig, um das erreichte Niveau halten zu können.

          EM-Qualifikation : Selbstkritik von Löw vor Gibraltar-Spiel

          Allzu konkret wurde Löw dabei zwar nicht - er sprach davon, dass man es künftig vielleicht einmal mit dem 3-5-2-System probieren könne, also mit einer Dreierkette in der Abwehr, wie es auch der FC Bayern immer wieder praktiziert, sowie mit zwei Angreifern. An der Dringlichkeit seiner Botschaft aber ließ er keinen Zweifel. „Wir müssen im Hier und Jetzt sein und die Dinge vorantreiben“, sagte er. Wie wichtig es ist, von Zeit zu Zeit eine neue Entwicklungsstufe zu erreichen, hatten der Trainer und seine Spieler auch während der Tage von Brasilien deutlich gemacht. So sei es nötig gewesen, das auf überfallartige Konter ausgelegte Spiel, das Erbe der Klinsmann-Ära, zu einem produktiven und vor allem gewinnenden Ballbesitzfußball zu transformieren.

          Auch wenn Löw an Donnerstag davon sprach, dass es einen „roten Faden“ gebe, der beibehalten werde, klang es ein bisschen, als werde im neuen Jahr „Löw 3.0“ vom Labor über die Versuchsphase bis zur Marktreife gebracht. Eigentlich, sagte Löw, habe er diesen Prozess schon früher einleiten wollen. Doch die wechselnde Personalsituation bei den Länderspielterminen seit der WM habe ihn bewogen, zunächst auf Bewährtes zu setzen. Wobei es ihn in der Dringlichkeit seines Vorhabens zumindest bestätigt haben dürfte, dass dieses Bewährte nicht genügt hatte, um gegen Irland und Polen für klare Verhältnisse zu sorgen: „Wir waren in diesen Spielen einfach auch nicht gut genug“, betonte der Bundestrainer.

          Initiative durch Zukunftsprogramm

          Nachdem mancher Beobachter nach dem Titelgewinn von Rio schon vom „Nimbus der Unschlagbarkeit“ gesprochen habe, sei man „auf dem harten Boden der Realität gelandet“, sagte Löw - und auch wenn er seinen Spielern attestierte, „hungrig auf Erfolg“ zu sein und sich „mit nichts zufriedenzugeben, nicht einmal mit einem WM-Titel“, klang das doch auch nach einem kleinen Warnschuss an seine Weltmeister, es sich nicht allzu kommod einzurichten. Auch der Trainer, so scheint es, hat nach der WM erst seinen Weg finden müssen: zwischen der allzu menschlichen Neigung, den Erfolg auszukosten, auf der einen Seite und dem Blick für neue Herausforderungen auf der anderen. Mit dem wenn auch noch etwas wolkigen Zukunftsprogramm hat Löw demonstrativ wieder die Initiative ergriffen, vielleicht auch, um nicht wie das eine oder andere Mal in der Vergangenheit den Eindruck des Sich-treiben-Lassens zu erwecken.

          Neue Worte: Der Bundestrainer und sein Team im Training
          Neue Worte: Der Bundestrainer und sein Team im Training : Bild: dpa

          So ein Spiel gegen Gibraltar wirkt bei all dem eigentlich wie aus der Zeit gefallen - ein Anachronismus, der aber wenigstens Spaß machen soll. „Wir müssen sie so fordern, dass sie überfordert sind“, sagte Löw und kündigte an, „nicht allzu viele defensive Leute“ auflaufen zu lassen. Das Publikum jedenfalls scheint noch einmal auf Party eingestellt: Das Nürnberger Stadion ist, anders als zuletzt in Dortmund und Gelsenkirchen, ausverkauft.

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