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Lionel Messi : Genie ohne Wahnsinn

Der Beste, aber nur im Kollektiv: Lionel Messi Bild: AFP

Lionel Messi ist ein grandioser Solist, aber einer, der für seine Kunst wie auch an diesem Dienstagabend (20.45 Uhr) im Champions-League-Halbfinale bei Bayern München das beste Orchester der Welt braucht. Deshalb ist er nicht der Beste, den es je gab.

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          Es gibt eine populäre These im Weltfußball. Sie ist nicht ganz neu, klingt aber so, als wäre sie bald mehrheitsfähig. Am Mittwoch zum Beispiel kam sie wie selbstverständlich aus dem Munde von Javi Martinez, dem Spanier des FC Bayern. Von Journalisten nach Lionel Messi befragt, sagte er: „Messi ist der beste Spieler der Welt. Vielleicht der beste in der Geschichte des Fußballs.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dem ersten Teil der Behauptung wird kaum jemand widersprechen. Die Verehrung Messis ist inzwischen so weit von Erfolg oder Misserfolg abgekoppelt, dass er selbst in schlechteren Jahren überlegen zum „Weltfußballer“ gewählt wird. So wie 2010, als er mit dem FC Barcelona in der Champions League scheiterte und beim 0:4 im WM-Viertelfinale fest im Griff der deutschen Defensive war.

          Oder wie 2012, als Barça den spanischen Meistertitel an Real Madrid verlor und in der Champions League an Chelsea scheiterte - weil Messi im Hinspiel den entscheidenden Ball gegen Lampard verlor und im Rückspiel den Elfmeter verschoss, der zum Aus führte. Doch er blieb der Beste der Welt, keine Frage.

          Aber der Beste der Geschichte? Es ist eine bekannte Selbsttäuschung, die Taten eines Menschen, den man als Zeitgenossen erlebt, intensiver wahrzunehmen und deshalb höher zu bewerten als die, deren Erinnerungswert schon langsam verblasst - außer wiederum bei denjenigen, die einst die Taten ihrer Helden ebenfalls als begeisterte Zeitgenossen wahrgenommen und in bleibender Verklärung im Gedächtnis konserviert haben.

          Die Zeitgenossen von di Stefano werden di Stefano als den Größten sehen, die von Pelé Pelé, von Cruyff Cruyff, von Maradona Maradona. Und alle haben recht. All diese phantastischen Fußballer waren zugleich Produkte einer Fußball-Ära und Wegbereiter einer neuen. Spieler wie di Stefano, Pelé, Cruyff oder Maradona definierten den Fußball neu. Messi noch nicht.

          Genie der Gemeinschaft

          Am interessantesten ist der Vergleich zwischen Messi und Maradona - beide Argentinier, beide gleich groß, von gleicher Statur und Wendigkeit; und beide völlig unterschiedliche Figuren aus völlig unterschiedlichen Zeiten. Maradona kam aus einer Fußballwelt, in der das Geniale noch dem Einzelnen vorbehalten war. Man erwartete es von ihm und vergötterte ihn dafür.

          Im argentinischen Team machtlos: Messi beim 0:4 gegen Deutschland bei der WM 2010 (im Duell mit Schweinsteiger)

          Messi wuchs von klein auf in eine neue Ära hinein, in die des Barça-Fußballs. Darin ist Genie das Genie der Gemeinschaft, eines Schwarmes von Spielern, die an perfekten Tagen zu einem einzigen Organismus verschmelzen. Es wirkt wie eine fast hilflose Geste, wie ein Reflex einer vergangenen Zeit, aus einem solch vollkommenen Gebilde einen einzelnen herausheben zu müssen.

          Maradona prägte ein schlechtes Team

          Diese Suche nach dem Solitär im Kollektiv wird Barça nicht gerecht und Messi auch nicht - weil er diese Mannschaft nie so überragen kann, wie es ein Maradona beim SSC Neapel konnte, den er von einem mittelmäßigen Team in den Meister der damals stärksten Liga der Welt verwandelte. Oder so wie Maradona aus einer durchschnittlichen argentinischen Nationalelf ein Weltmeisterteam machte.

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