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Aufregung in Frankreich : Der Fußball wird zur Gerichtssache

Thomas Tuchel steht mit Paris ganz oben in der Tabelle der Ligue 1, über zwei andere Team entschied nun ein Gericht. Bild: EPA

Eine Liga mit 22 Vereinen? Richter verhindern den Abstieg von Toulouse und Amiens aus der obersten französischen Profiliga. Das gefällt längst nicht jedem – und noch immer bleiben wichtige Fragen unbeantwortet.

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          Über Auf- und Abstieg wird in Frankreich nicht mehr auf dem Rasen entschieden, sondern vor Gericht. Der Conseil d’Etat, eine Art französisches Bundesverwaltungsgericht, hat sich in dieser Woche gegen den Abstieg der Erstligavereine Toulouse und Amiens ausgesprochen. Unter Umständen wird die oberste französische Profiliga die kommende Saison daher mit 22 statt 20 Vereinen bestreiten. Denn der Aufstieg der zwei besten Zweitligavereine Lens und Lorient soll nach derzeitiger Lage weiter Bestand haben. Hintergrund ist der Abbruch der Fußballsaison infolge der Coronavirus-Krise nach 28 statt 38 Spieltagen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Drei Klubs hatten dagegen geklagt. Amiens und Toulouse bekamen Recht, nicht aber Lyon. Der streitbare Präsident von Olympique Lyonnais, Jean-Michel Aulas, wollte sich nicht mit dem siebten Platz begnügen, denn damit bleibt dem Klub die Teilnahme an internationalen Wettbewerben verwehrt. Das Einfrieren der Tabellenstände sei unfair, hatte er argumentiert. Der Fünftplazierte Nizza beispielsweise hätte mehr Heimspiele als Lyon gehabt und spielte nur einmal gegen den übermächtigen Meisterklub Paris St. Germain. PSG und Strasbourg kamen auch nur auf 27 Spiele, weshalb die Funktionäre für den abschließenden Tabellenstand die Punkte durch die Zahl der Spiele teilten. Manche Vorwürfe richteten sich sogar gegen Präsident Emmanuel Macron: Er habe seinem Lieblingsklub Marseille, der als Zweiter endete, einen Platz in der Champions League sichern wollen. Der Elysée-Palast dementierte umgehend.

          Schadenshöhe nicht gleich bewertet

          Der Conseil d’Etat hat die Schadenshöhe der drei klagenden Vereine in seinem Urteil nicht gleich bewertet. Es besagt im Grunde genommen, dass der Abstieg nach einer Rumpfsaison mit all ihren offenen Fragen erheblicher härter sei als eine mögliche Benachteiligung auf den vorderen Plätzen. Die Kohärenz des Richterspruchs leuchtet nicht allen Experten ein, doch er ist nun hinzunehmen. „Ich glaube, das Urteil des Conseil d’Etat ist eine Geste der Menschlichkeit gegenüber Toulouse und Amiens“, sagte der Anwalt Redouane Mahrach der Sportzeitung „L’Équipe“.

          Die Fußballfunktionäre müssen nun die knifflige Frage beantworten, wie viele Vereine in der kommenden Saison um die Meisterschaft spielen dürfen. Das Verwaltungsgericht wies darauf hin, dass die aktuelle Übereinkunft des Profiliga-Verbandes und des französischen Fußballverbandes (FFF) über eine Begrenzung der obersten Liga auf 20 Klubs nur bis einschließlich 30. Juni 2020 und damit nicht für die nächste Saison gelte. Dass die Verbände am 20. Mai diese Übereinkunft auf die kommende Saison verlängert hatten, ließ das Gericht unerwähnt. Würde man weiter mit 20 Klubs spielen, müsste man die vermeintlichen Aufsteiger enttäuschen. Bei 22 Vereinen in der Ligue 1 würden sich dagegen die Fernseheinnahmen auf mehr Vereine verteilen, was auch für Unmut sorgen könnte. In der französischen Fußballverbands-Welt, die ohnehin durch viele Gezänk gekennzeichnet ist, stehen schwierige Verhandlungen an.

          Olympique-Chef Aulas warnt vor bleibenden wirtschaftlichem und sportlichem Schaden für die französischen Vereine. Die Funktionäre hoffen, dass die noch ausstehenden Endspiele der beiden französischen Pokalwettbewerbe im Sommer bei mehr als 5000 Zuschauern – der heutigen Obergrenze – stattfinden dürfen. Doch die Regierung hat bisher keine Signale in diese Richtung gegeben.

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