https://www.faz.net/-gtl-7wgid

Im Gespräch: Lutz Wagner : „Lieber keinen Schiedsrichter als einen schlechten“

  • Aktualisiert am

Klare Worte: Lutz Wagner sprichjt über Mitverantwortung der Schiedsrichter Bild: Jan Huebner

Gerade im Amateurbereich kämpfen Fußball-Schiedsrichter mit den Problemen wie Gewalt und Respektlosigkeit. Der ehemalige Bundesliga-Unparteiische Lutz Wagner spricht im Interview über Täter mit Migrationshintergrund und die Mitverantwortung der Schiedsrichter.

          7 Min.

          Lutz Wagner hat von 1992 bis 2010 in den deutschen Profiligen Spiele als Schiedsrichter geleitet. Er ist heute Mitglied der Schiedsrichterkommission des Deutschen Fußball-Bunds und und verantwortlich für die Arbeit an der BAsis. Der 51 Jahre alte Hesse hat deshalb einen guten Einblick in die Situation im Amateurfußball, wo Gewalt immer öfter zum Problem wird.

          Der Fußball boomt, jeder Junge will kicken. Aber zu wenige wollen Schiedsrichter werden, es herrscht ein besorgniserregender Mangel. Was sagt uns das?

          Grundsätzlich bleibe ich Optimist: Wenn es dem Fußball gut geht, dann geht es auch allen Beteiligten am Spiel gut. Also auch den Schiedsrichtern. Es gilt für uns, die positive Stimmung nach dem Weltmeisterschaftssieg zu nutzen und auch uns positiv darzustellen. Wir müssen uns darum bemühen, den Schiedsrichter nicht nur als den Mann erscheinen zu lassen, der Fehler macht. Vielmehr müssen wir Schiedsrichter als Menschen zeigen, die Respekt verdienen durch ihre Spielleitung.

          Was meinen Sie damit?

          Wir müssen mehr darstellen, was beim Schiedsrichter die Persönlichkeit ausmacht. Ein junger Schiedsrichter hat mich mal gefragt, wie er es hinbekommen kann, dass seine Entscheidungen akzeptiert werden. Er meinte, dass er durch eine richtige Entscheidung in einer schwierigen Situation Vertrauen aufbaut. Da habe ich ihm gesagt: Vergiss es. Diese Entscheidung bleibt auch zwei Wochen später noch umstritten. Das Vertrauen baust Du vorher bei kleinen, vergleichbar einfachen Dingen auf, die Vertrauen schaffen bei den Spielern. Dann wird auch später die strittige Entscheidung akzeptiert. Das ist bei den Zuschauern übrigens nicht viel anders. Pierluigi Collina war nicht so erfolgreich als Unparteiischer, weil er die Regeln besser beherrschte oder mehr sah. Bei ihm wurden auch Fehler akzeptiert, weil er zuvor bei kleinen Dingen Akzeptanz aufgebaut hatte durch sein Auftreten

          In der Jugend gilt: Ins Tor geht der Dicke, weil er nicht laufen kann. Weitergedacht wird der Schiedsrichter, den man nicht mal im Tor gebrauchen kann. Ist das so?

          Tatsächlich ist das oft so: Vereine rufen mich an und sagen, dass sie mir drei Jungs schicken. Hintergrund ist oft: Egal wer, Hauptsache eine Meldung, sonst droht ja eine Strafe. Und wenn eben Jungs nicht gut genug kicken können und auch zum Platzabstreuen nicht zu gebrauchen sind dann werden sie halt als Schiedsrichter gemeldet. Ich weise dann immer darauf hin, dass sie mir bitte nur die schicken sollen, die sie auch gerne bei ihrem Verein als Spielleiter begrüßen würden.

          Aber diesen Luxus kann sich der Fußball doch gar nicht leisten! Schiedsrichter sind doch Mangelware?

          Ich bin der Meinung, dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir nur wegen eines Mangels jeden auf den Platz lassen und Leute akzeptieren, die nicht geeignet sind. Mit jedem Schiedsrichter, der dieses wichtige Amt schlecht ausfüllt, machen wir uns nur schlechte Kritiken. Dann lieber keinen Schiedsrichter als einen schlechten. Wir werden nämlich an den Schlechten gemessen. Ich sage meinen Lehrwarten: Es ist nicht Deine Aufgabe, alle Teilnehmer durch den Lehrgang zu bekommen. Deine Pflicht ist es, Leute für eine verantwortungsvolle Aufgabe auszusuchen. Wer die Kriterien nicht erfüllt, darf nicht zugelassen werden. Das Amt des Schiedsrichters muss einen Qualitätsanspruch erfüllen. Dadurch wird manchem auch bewusst, wie wichtig der Schiedsrichter ist. Und dann wird das Image besser.

          Werden dann auch Diskussionen um Fehlentscheidungen weniger, wenn das Image besser wird?

          Wenn das Image besser wird, dann wird es  auch weniger Diskussionen geben. Davon bin ich überzeugt. Wenn früher ein wohlbeleibter Schiedsrichter auf dem Platz stand, dann riefen alle, wenn er mal aus dem Mittelkreis herauslief: „Übergetreten!“. Auch das schadet dem Image des Schiedsrichters. Natürlich kann ich weniger sportliche, Schiedsrichter ein F-Jugend-Spiel pfeifen lassen. Aber im Aktivenbereich müssen Schiedsrichter auch sportliche Leistungsstandards erfüllen. Es wird eher die falsche Entscheidung eines fünf Meter entfernten Schiedsrichters akzeptiert als die richtige eines 70 Meter entfernten. Wenn wir diese Ansprüche nach unten schrauben, machen wir den Wert unserer Schiedsrichterei kaputt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ringen um Abschlusspapier : Scheitert die Klimakonferenz?

          Es geht um die Absichtserklärung für mehr Klimaschutz: Die fast 200 Staaten können sich nicht einigen. Die Verhandlungen, die Freitag enden sollten, gehen in die zweite Nacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.