https://www.faz.net/-gtl-7wgid

Im Gespräch: Lutz Wagner : „Lieber keinen Schiedsrichter als einen schlechten“

  • Aktualisiert am

Ein Schiedsrichter wie der legendäre Ahlenfelder war nicht der fitteste, aber ein sehr respektierter Schiedsrichter …

Aber Ahlenfelder gehörte in seine Zeit. Damals konnte man noch wie er mit dem erhobenen Zeigefinger und einem guten Spruch zumindest kurzzeitig Autorität gewinnen. Der moderne Schiedsrichter ist ein Spielmanager, der viel psychologisches Einfühlungsvermögen braucht. Er muss mit Menschen umgehen können. Somit muss ich recht früh in der Ausbildung selektieren, wer das kann.

Glauben Sie, dass dann auch Übergriffe auf Schiedsrichter in Kreisligen weniger werden?

Bei solchen unverzeihlichen Aktionen ist natürlich der Täter immer der Schuldige. Ich werde auch niemals müde werden die  sinkende Schwelle zur Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft und insbesondere im Amateurfußball anzuprangern und auch gleichzeitig die Unterstützung der Sportgerichtsbarkeit mit drastischen Strafen einzufordern. Andererseits gilt es aber auch, nicht nur zu klagen, sondern auch unseren Teil zur Verbesserung des Miteinanders auf den deutschen Sportplätzen beizutragen. Ich bin mir sicher, dass ein gut ausgebildeter Schiedsrichter oftmals Entwicklungen auf dem Platz frühzeitig erkennen kann und daraus seine Schlüsse zieht und somit deutlich weniger Gefahr besteht, dass etwas aus dem Ruder läuft. Wenn es in einem Spiel Schwierigkeiten gibt, dann analysieren wir Schiedsrichter auch, wieso es dazu kam. Vielleicht hat auch der Schiedsrichter manchmal seinen Anteil daran, indem er in der Anfangsphase nicht genug dafür getan hat, dass die Spieler ihm folgen. Berechtigtes Klagen ist erlaubt, aber nur die eine Seite. Seine Hausaufgaben zu machen, das ist die andere Seite und die Pflicht der Schiedsrichter.

Wie sehen die Hausaufgaben konkret aus?

Ich sage Schiedsrichtern immer, dass Sie sich schon vor dem Spiel Respekt verschaffen können. Sie sollten auf den Platz gehen und sich dort in der Nähe der Spieler warm machen. Das verschafft Akzeptanz als Sportler. Zum zweiten hat man die Gelegenheit, die Mannschaften zu beobachten. Das sind meist hierarchische Gebilde. Ich spreche etwas plakativ gerne von Privatpatienten und Kassenpatienten. Die Privatpatienten werden wie im alltäglichen Leben immer vorrangig behandeln. Das ist beispielsweise der eine, der bei der Freundin steht und den Ball hochhält, während sich die zehn anderen warmmachen. Ich darf nun keinesfalls vorurteilsbehaftet sein gegenüber diesem Spieler, aber ich bin vorbereitet. Er nimmt sich ein Vorrecht heraus, das könnte auch im Spiel passieren. Das zieht sich von der Kreisliga bis in die Bundesliga. Überall spielen besondere Charaktere mit. Und für mich als Schiedsrichter muss es Motivation sein, diese heterogenen Gruppen zu führen.

Gilt das für die Bundesliga auch?

Ja, auch wenn es hier nicht um körperliche Übergriffe geht sondern um die Akzeptanz generell. Ich habe in einem meiner ersten Bundesligaspiele Dortmund gegen Leverkusen mit Leuten wie Bernd Schuster oder Rudi Völler auf der einen und Andreas Möller oder Chapuisat auf der anderen Seite die ersten 20 Minuten wie ein Wilder geackert, damit ich von denen anerkannt und akzeptiert werde. Sonst wäre ich in einem solchen Spiel vielleicht untergegangen. Mit Sicherheit ist das nicht eins zu eins zu vergleichen, da die Auswüchse im Amateurbereich doch wesentlich gravierender sind.

Ist das möglich in Großstädten, wo man von Problemen in unteren Klassen hört?

In einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet und besonders einer großen Stadt wie Frankfurt oder Berlin ist es natürlich schwieriger, allerdings gibt es auch hier viele positive Beispiele. Die vielen verschiedenen Kulturen bringen Probleme mit sich und das hat wohlgemerkt nichts damit zu tun, dass Deutsche sich generell besser verhalten als Ausländer. Aber in den ländlichen Bereichen ist der Spielbetrieb oftmals geordneter, weil die Vereine meist viel gefestigter sind, mehr Kontinuität haben und meist Ämter vom Opa auf den Vater zum Kind vererbt werden. Dadurch herrscht mehr Ordnung, die Spieler übernehmen in der Regel mehr Verantwortung für den Verein. B- und C-Klasse Frankfurt ist hingegen Überlebenstraining. Dort schicken wir sicher nicht junge Talente hin. Nicht umsonst hat mein vor Jahren getätigter Satz: „Die wahren Helden pfeifen auf roter Erde“  heute noch Gültigkeit hat.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klug gewählte Metapher: Auf jeder deutschen Notbremse steht „Missbrauch strafbar“.

Corona-Notbremse : Es brennt

Unheilspropheten sehen in der geplanten bundesweiten Notbremse einen Anschlag auf die Demokratie. Dabei ist sie kein Putschgesetz, sondern ein pragmatisches Instrument. Jeder Tag zählt.
Im rheinland-pfälzischen Wissen wird Fichtenholz zum Transport nach China in Überseecontainer verladen.

Zunehmende Knappheit : Panik am Holzmarkt

Auf Baustellen wird das Holz knapp. Sägewerke kommen nicht mehr nach, Amerikaner zahlen das Dreifache – und das „Käferholz“ wandert containerweise nach China. Klar ist nur eins: Bauen wird teurer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.