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Levin Öztunali bei U-21-EM : Uwe Seelers Enkel als Veteran der Junioren

Wie ein Jungbrunnen: Levin Öztunali im DFB-Team der U-21-Junioren. Bild: dpa

Auf dem Weg ins Endspiel der U-21-EM trifft die DFB-Elf auf Rumänien. Levin Öztunali, der Enkel von Uwe Seeler, ist bei den Deutschen unumstritten. In der Bundesliga in seinem Verein ist das anders.

          Man könnte sich bei dieser U-21-Europameisterschaft um 21 Jahre zurückversetzt fühlen, zur Weltmeisterschaft 1998. Damals, in Frankreich, spielten Enrico Chiesa, Lilian Thuram, Gheorghe Hagi. Nun, in Italien, spielen Federico Chiesa, Marcus Thuram, Ianis Hagi. Chiesa ist wie sein Vater ein geborener Torjäger, auch wenn seine drei Treffer das Aus des Heimteams nicht abwenden konnten. Thuram dagegen ist etwas aus der Art geschlagen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Während sein Vater in 141 von 142 Länderspielen torlos blieb und nur, als sein Land es auf dem Weg zum WM-Titel am nötigsten hatte, im Halbfinale gegen Kroatien, traf, und dann gleich doppelt zum 2:1-Sieg, ist aus dem Verteidigersohn ein gefragter Stürmer geworden. An diesem Donnerstag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur U-21-EM und im ZDF) spielt er gegen Spanien um den Einzug ins EM-Finale. Hagi junior wiederum, der mit Rumänien im anderen Halbfinale gegen Deutschland steht, kann man nicht nur wegen der 10 auf dem Rücken manchmal mit dem alten Hagi verwechseln. Wie der größte Fußballrumäne ist auch der kleine Hagi, vom Vater beim FC Viitorul trainiert, mit Haut und Haaren der Typ des unberechenbaren Spielmachers.

          Einen solchen Fußballersohn hat das deutsche Team nicht. Aber einen Fußballerenkel. Als Levin Öztunali aus Hamburg nach Leverkusen wechselte und mit 17 in der Bundesliga debütierte, hätte es des Großvaters Uwe Seeler gar nicht bedurft, um ihm die Aufmerksamkeit zu sichern – er galt als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Dass er sechs Jahre später immer noch bei den Junioren mitspielt, ohne je in die Nähe einer Nominierung für das A-Nationalteam gekommen zu sein, erweckt allerdings den Eindruck, als sei die Zeit an diesem Talent ein wenig vorbeigegangen. Zumindest für diese Woche lässt sie sich vielleicht noch einmal anhalten.

          Im dritten Jahr bei Mainz 05 hat Öztunali, meist im Mittelfeld aufgestellt, nur noch 16 Spiele gemacht und ist in die Rolle eines Verkaufskandidaten gerückt, mögliches Ziel Augsburg. Im dritten Jahr in der deutschen U 21 ist er so unumstritten wie eh und je. Von seiner „Einstellung und Laufbereitschaft“ schwärmt Bundestrainer Stefan Kuntz. „Levins Rolle in der U21 ist sehr wichtig. Schade, dass er die Rolle noch nicht so in der Bundesliga einnehmen kann.“ In der Vorrunde machten die Sturmkollegen Luca Waldschmidt und Marco Richter die Tore und die Schlagzeilen, doch auch Rechtsaußen Öztunali glänzte mit Pässen, Vorlagen, Dribblings.

          Auf ihn, den Veteranen der Junioren, wirkt das Juniorteam, so scheint es, wie ein Jungbrunnen. „Der Trainer hilft einem enorm weiter, er gibt gute Tipps“, sagt Öztunali. „Man hat ein gutes Gefühl bei ihm.“ Bei vielleicht keinem anderen fruchtet das mentale Wellness-Programm, mit dem die U 21 unter Kuntz erschöpfte Jungprofis aufpäppelt und in ein bestärkendes Kollektiv einfügt, so gut wie beim sensiblen Seeler-Enkel. Hier wird man nicht kleingemacht, sondern großgeredet. Das ist recht durchschaubar und funktioniert trotzdem. Gerade bei Öztunali. Dass Kuntz sogar dessen „Torgefahr“ lobt, ohne das, wie sonst gern bei seinen Ausführungen, mit einem Schmunzeln zu begleiten, ist schon eine Leistung.

          In den letzten 21 Spielen für U 21 hat Öztunali vier Mal getroffen. Es waren die einzigen Tore, die er überhaupt geschossen hat in den vergangenen zwei Jahren. Für Mainz traf er seit April 2017 nicht mehr – eine bizarre Bilanz für einen Offensivspieler, dessen Opa einer der größten deutschen Torjäger war. Aber solche Vergleiche helfen nicht weiter. Öztunali räumt ein, „an der Effektivität noch arbeiten“ zu müssen. Gegen Serbien traf er die Latte und hofft nun, „dass das Glück zurückkehrt und mal einer reingeht“. Und am besten bei dem, was nun kommt, den „Alles-oder-nichts-Spielen, wo man als Mannschaft noch wachsen kann“.

          „Özi“, wie sie ihn nennen, ist alles andere als eine Mumie. Er war schon beim Titel 2017 dabei und zählt zu denen, die dem Team Ruhe und den Jüngeren Halt geben. Und sich dabei selbst Schwung holen. Zum letzten Mal allerdings. Das Halbfinale wird sein 73. Spiel im DFB-Trikot, bestritten in allen Junioren-Auswahlteams von der U 15 bis zur U 21. Spätestens nach dem Finale am Sonntag ist für den 23-Jährigen Schluss als Junior – und damit wohl auch mit der internationalen Bühne. Es sei denn vielleicht, er entschlösse sich, für die Türkei zu spielen. Doch im Gegensatz zu sechs Kollegen im deutschen EM-Kader, die zwei Staatsbürgerschaften besitzen und noch für ein anderes Land spielen könnten, kommt das für Öztunali nicht in Frage. „Mein Vater ist Deutscher, aber seine Familie kam aus der Türkei“, sagt er. „Ich habe nur einen deutschen Pass. Ich denke, dass ich gar nicht wechseln könnte. Das war aber auch nie ein Thema für mich.“ Sein Großvaterland ist auch sein Vaterland.

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