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Manchester besiegt Liverpool : Das wertvollste Kunstwerk des Leroy Sané

Leroy Sané war der strahlende Sieger bei Manchester City. Bild: EPA

Nach dem bitteren Verpassen der WM ist der Nationalspieler bei Manchester City nun sehr wichtig. Er entscheidet das Topspiel gegen Klopps FC Liverpool. Danach gibt es nicht nur ein Sonderlob von Guardiola.

          Pep Guardiola ging ganz tief in die Hocke, um das Kunstwerk seines Spielers zu begutachten. Als es vollendet war, sprang der Trainer von Manchester City aufgekratzt durch seine Coaching-Zone, deren Begrenzung er bisweilen sowieso nur als freundliche Empfehlung erachtet. Leroy Sané hatte im Top-Duell mit dem FC Liverpool soeben das 2:1 erzielt. Dabei blieb es. Manchester City schöpft Hoffnung im Titelrennen in der englischen Premier League durch den Sieg über den Spitzenreiter. Der Abstand von vier Punkten zur Elf von Jürgen Klopp scheint überbrückbar bei noch 17 ausstehenden Spielen.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          „Wir sind froh, dass wir den Abstand durch den Sieg verkürzt haben“, sagte Guardiola bei Sky Sports. „Jetzt ist wieder alles offen. Der Sieg gibt uns sehr viel Selbstvertrauen.“ Denn der Druck war immens für seine Mannschaft. Bei einer Niederlage, wohl auch bei einem Remis, wäre es schwierig geworden, den Rückstand auf Liverpool im restlichen Verlauf dieser Saison wettzumachen. Zumal der Sieg über die „Reds“ keineswegs grandios herausgespielt war. Der Respekt von City vor dem Tabellenführer war zu spüren. Erst das 1:0 durch eine starke Einzelleistung im Strafraum von Sergio Agüero (40. Minute) löste den Knoten beim Meister aus Manchester.

          Doch Liverpool kam zurück. Roberto Firmino köpfte aus kurzer Entfernung zum Ausgleich (64.) ein. Das letzte Wort aber hatte Sané. Der deutsche Nationalspieler nahm einen starken Pass von Raheem Sterling auf seiner linken Seite auf, visierte die lange Ecke an – und traf via Innenpfosten ins Glück (72.). „Ich wollte einfach nur einen sehr guten ersten Kontakt haben“, sagte Sané bei DAZN. „Dann habe ich nur noch daran gedacht abzuschließen. Am Ende war ich natürlich sehr glücklich, dass ich noch den Pfosten getroffen habe und dass der Ball reingegangen ist.“

          Dabei hatte die Partie gar nicht so gut begonnen für Sané. Zwar lief fast jeder Angriff von Guardiolas Elf, bei der Ilkay Gündogan in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, über Sanés linke Seite. Dort kam er mit seinen Dribblings ab und zu durch, doch dann fanden die Hereingaben keinen Abnehmer in einem himmelblauen Trikot. Ansonsten fiel er vor allem durch Fehlpässe, Missverständnisse und kleine technische Fehler auf, über die er, wütend auf sich selbst, sich an der Seitenlinie einmal lautstark monierte. Sané steckte jedoch nicht auf, verbesserte sein Spiel – und wurde belohnt.

          Das gilt nicht nur für das Duell mit Liverpool, sondern auch seine Entwicklung seit seinem Wechsel für knapp 50 Millionen Euro von Schalke 04 nach Manchester im Jahr 2016. Die Höhe der Ablösesumme war ein Versprechen. Wer so viel Geld kostet, muss doch ziemlich viel draufhaben. Das hat Sané, er zeigte es aber zunächst zu selten. Im Sommer 2018 wurde Sané zum besten Nachwuchsspieler der Premier League gewählt. Seine Entwicklung war unverkennbar. Umso mehr überraschte manche, dass der Bundestrainer ihn aus dem Kader für die WM in Russland strich. Doch in der Nationalelf war seine Leistung nicht wechselhaft, sie war schlecht, vor allem in den Tests vor dem großen Turnier.

          Das entscheidende Tor: Sané trifft in die lange Ecke zum 2:1. Bilderstrecke

          Sané verfolgte die deutsche WM-Blamage aus der Ferne und zog die richtigen Schlüsse aus Löws Nichtnominierung. Seit September ist Sané, der bald 23 Jahre alt wird, wieder fester Bestandteil des DFB-Teams und steht mit seiner Schnelligkeit und Dribbelkunst im Verbund mit Timo Werner und Serge Gnabry für die stürmische Zukunft der Nationalmannschaft. Auch in Manchester ist er in der Stammelf gesetzt. Es ist das Ergebnis eines Prozesses, der auch durch das private Glück der Geburt seiner Tochter Rio Stella im Herbst gefördert wurde. Selbst die Debatte vom Sommer 2017, als er sich vier Tage lang ein Tattoo seines eigenen Torjubels auf den Rücken stechen ließ und nicht nur von Kollege Sterling Spott anhören musste, hat ihn reifen lassen. Inzwischen macht er nur noch durch Kunstwerke auf dem Rasen von sich reden.

          „Wir arbeiten eine Menge mit Leroy, um ihm zu helfen“, sagte Guardiola. „Er hat etwas Einzigartiges: seine Schnelligkeit.“ Damit die zur fußballerischen Waffe wird, muss aber auch der Kopf mitspielen. Inzwischen weiß Sané ziemlich genau und gut, wie er seine Qualitäten gewinnbringend einsetzt, auch durch Unterstützung der Kollegen in der Defensive. Das erkennt auch sein erfahrener Kapitän Vincent Kompany: „Leroy hat in dieser Saison schon oft gezeigt, dass er ein guter Spieler ist“, sagte der frühere Hamburger. „Das war einfach wichtig – ein großer Spieler in einem großen Spiel.“

          Danach darf auch ein wenig gefeiert werden. „Wir haben ein bisschen Party gemacht, wir haben uns riesig gefreut“, sagte Sané. „Jeder wusste, wie wichtig das Spiel ist, um an Liverpool dranzubleiben.“ Jetzt seien es nur noch vier Punkte und er setze auf die anderen Mannschaften, damit die „Reds“ noch das ein oder andere Mal nicht gewinnen. Denn zum direkten Duell wird es in dieser Saison in England nicht mehr kommen, das Hinspiel in Liverpool endete Anfang Oktober bereits 0:0. Für Manchester geht es am Sonntag ohnehin erstmal im FA-Cup bei Zweitligaverein Rotherham United weiter.

          Dann wird auch Guardiola den Sieg über Liverpool hinter sich gelassen haben. „Das war ein Finale für uns. Ich danke meinen Spielern, sie haben Herz gegen ein unglaubliches Team gezeigt“, sagte der frühere Bayern-Trainer, der bisweilen zu Übertreibungen neigt, die sich diesmal sogar mathematisch widerlegen ließen. „Liverpool kassiert keine Tore – wir schießen zwei.“ Liverpool bekam tatsächlich die wenigsten Tore der Liga, nun sind es insgesamt aber doch zehn. Das bislang letzte schoss Sané, dessen Vater Souleymane Sané, einst in der Bundesliga für Nürnberg und Wattenscheid auf Torejagd, auf der Tribüne saß. Ob nun noch eine Spielanalyse mit dem Papa folge, wurde Sané junior gefragt: „Nee“, sagte er und verschwand müde und lächelnd in den Feierabend. Sein wertvolles Kunstwerk aus der 72. Minute sagte schließlich mehr als alle Worte.

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