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Leiter für Fanprojekte : „Fußballfans sind die Schmuddelkinder“

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Volker Goll: „Fans müssen zu einem Kernbereich der Vereine werden“

Und dann wird alles gut?

GOLL: Natürlich kann es bei so vielen Menschen immer Probleme geben, aber keine unlösbaren. Es ist auch was in Bewegung. Als in der Europa League in Kopenhagen beim Stuttgart-Spiel Pyro auf den Platz flog, haben die Ultras, die in Stuttgart schon lange eine verantwortungsvolle und konstruktive Rolle spielen, öffentlich erklärt: Wir waren das nicht. Das hat es bis vor kurzem nicht gegeben. Früher hätten alle mit verschränkten Armen geschwiegen. Die Ultras haben Position bezogen. Das hat es auch dem Verein leichter gemacht, mit diesem Fall umzugehen.

GABRIEL: Die Vereine müssen nur nach Rostock oder Frankfurt schauen, was geschieht, wenn sie keinen Zugang zu ihren Fans finden. In Rostock ist der Hauptsponsor wegen der Probleme abgesprungen, der Verein ist in seiner Existenz bedroht. Frankfurt hatte offensichtlich Schwierigkeiten, einen Hauptsponsor zu finden. Das hat massive Auswirkungen auf das Kerngeschäft. Was derzeit in der Diskussion viel zu sehr im Vordergrund steht, ist die Orientierung an einer absoluten Minderheit. Das ist der völlig falsche Weg. Es muss darum gehen, die große Mehrheit der Zuschauer zufriedenzustellen. Es lohnt sich anzuschauen, wie sich das Problem der Fans der englischen Nationalmannschaft über die Jahre verändert hat. Als man begonnen hat, sich um die Bedürfnisse der Fans zu kümmern, hat das deren Bereitschaft erhöht, sich von Hooligans zu distanzieren. Die können nicht mehr einfach so verschwinden wie ein Fisch im Schwarm. Der Psychologe Clifford Stott von der Universität Liverpool hat diesen Effekt wissenschaftlich belegt.

Was könnte in Deutschland ein Erfolgsrezept sein?

GOLL: Es wird oft von „Isolieren“ gesprochen, aber „Isolieren“ ist das falsche Wort; aber wenn die große Masse zufrieden ist, dann ist sie auch bereit zu regulieren. Das ist unsere Erfahrung. Dann gehen Fans auch auf andere zu, man kennt sich ja. Von Politik und Polizei wird dann gerne einer obendrauf gesetzt: Die müssen die doch ausliefern. Das wird natürlich nicht passieren. Aber was an jedem Spieltag passiert, aber kaum jemand registriert: Es wird dazwischengegangen in der Kurve, zum Beispiel bei Diskriminierungen. Dazu gehört Zivilcourage, und das erleben wir bei jedem Spiel. Auch die Würfe von Bengalen auf den Platz sind zurückgegangen, sie werden zunehmend von den Rängen unterbunden. Da drohen Fans einander, wenn sie werfen wollen - und sie sagen: „Du spinnst, unserem Verein so zu schaden.“ Unserer Wahrnehmung nach fliegen weniger Bengalen auf den Platz.

GABRIEL: Eine Auslieferung an die Polizei wird es nicht geben. Die sogenannten normalen Fans, die Ultras und teilweise auch die Hooligans fahren seit 15 Jahren gemeinsam zu den Spielen, sie machen 15 Jahre gemeinsame Erfahrungen in der Unterstützung ihres Vereins. Das schafft eine enge Verbindung. Da muss einer schon extrem schlimme Dinge tun, bis einer sagt: „Ich zeige dich an.“ Aber was passieren kann: Wenn die Leute etwas zu verlieren haben, sagen sie: „Dieses Verhalten wollen wir nicht mehr haben.“ Dass der Hooliganismus sich aus den Stadien rausentwickelt hat, hängt genau damit zusammen. Die Hools gerieten an den Rand, sie haben den Raum von den Ultras nicht mehr bekommen. Die Hools haben gestört bei der tollen Stimmung, die diese neue Generation im Stadion gemacht hat.

Aber Sicherheitsprobleme, die es rund ums Stadion gibt, lassen sich nicht leugnen.

GABRIEL: Im Moment haben wir vor allem das Problem, dass wir an einigen Standorten neue, junge gewalttätige Hooligan-Gruppen haben, die in die Fanszene reinkommen wollen, weil sie feststellen: Da geht was. Das passiert auch, weil die Ultras das durch ihre offene Haltung zur Gewalt vielerorts auch zulassen. Sorgen macht uns auch, dass damit auch eine Politisierung von rechts einhergeht: Aachen, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf. Das ist etwas, was die Fankultur tatsächlich im Kern gefährdet.

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