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Lazio Rom : Miroslav Klose im Schmuddelklub

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Auf dem Weg in ein neues Abenteuer: Miroslav Klose zieht es zu Lazio Rom Bild: dpa

In Rom lässt es sich gut leben. Doch Miroslav Kloses neuer Verein Lazio kämpft gegen seinen schlechten Ruf, was nicht nur an den schwierigen Anhängern liegt. Einen Spitznamen hat der Neueinkauf auch schon - „panzer tedesco“.

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          Auslandsaufenthalte sind auch deshalb beliebt, weil sie einen Lerneffekt haben können. Man lernt eine neue Kultur und Sprache kennen, kann sich unter Umständen auch selbst in der fremden Umgebung neu definieren. Thomas Hitzlsperger hatte nach sechs Einsätzen und einem halben Jahr bei Lazio Rom gelernt, „dass ich in Italien nicht noch mal spielen möchte“. Das berichtete der Mittelfeldspieler nach seinem Rom-Aufenthalt im vergangenen Jahr. In diesem Zusammenhang ist die Entscheidung des 33 Jahre alten Stürmers Miroslav Klose, einen Zweijahresvertrag bei Lazio Rom zu unterschreiben, nun ja, überraschend.

          Lazio ist zwar ein aufstrebendes Team und landete in dieser Saison auf Platz fünf, der zur Teilnahme an der Europa League berechtigt. Einen gesetzten Mittelstürmer gab es zuletzt nicht, wie es heißt, hat Klose nicht nur die Aussicht aufs Kolosseum, sondern vor allem auf einen Stammplatz überzeugt, der ihm beim FC Bayern lange verwehrt geblieben war. Die Verhältnisse in Italiens Spitzenfußball müssen bei der Entscheidung zweitrangig gewesen sein, denn viele gute Argumente gibt es derzeit nicht für einen Wechsel in die Serie A.

          Stars wandern ab, die Stadien sind veraltet und halbleer, Gewaltausbrüche sind zurückgegangen, waren in den vergangenen Jahren jedoch an der Tagesordnung. Als wäre das nicht genug, wirft der jüngste Wettskandal einen weiteren Schatten auf die Serie A, in der Lazio Rom seinen Stammplatz als historisches Schmuddelkind eingenommen hat.

          Der frühere Stürmer Beppe Signori spielte in den neunziger Jahren für Lazio, heute ist er eine der zentralen Figuren der aktuellen Manipulationsaffäre. Damals steckte der Unternehmer Sergio Cragnotti (Cirio) so viel Geld in den Hauptstadtklub, dass Lazio im Jahr 2000 den zweiten Scudetto seiner Geschichte holte und einige Jahre später bankrottging. Die zweifelhaften Methoden des ehemaligen Präsidenten halten die Tifosi nicht davon ab, auch heute noch Sprechchöre für den verantwortungslosen Patron anzustimmen.

          Lazios Präsident ist nicht mehr geizig

          Das Lob Cragnottis ist auch als Spitze gegen den aktuellen Vereinsboss Claudio Lotito zu verstehen, der den Verein 2004 „vom Leichenbett ins Wachkoma“ führte, wie er selbst urteilte. Angesichts eines anfänglichen Schuldenbergs in Höhe von 140 Millionen Euro blieb Lotito nichts anderes übrig, als zu sparen, die Tifosi nahmen ihm das aber übel. Inzwischen können die Fans dem Präsidenten keinen Geiz mehr anlasten, nachdem er zuletzt mit dem Brasilianer Hernanes und dem eigensinnigen Argentinier Mauro Zarate teure Millioneneinkäufe tätigte.

          Miroslav Klose kommt ablösefrei vom FC Bayern, soll aber knapp zwei Millionen Euro pro Spielzeit verdienen, auch das nicht gerade eine sparsame Entlohnung. Lotito, der sein Glück mit einem Reinigungs- und Sicherheitsunternehmen gemacht hat, inszeniert sich selbst gerne als Saubermann, ist das aber nur bedingt. 2009 wurde er wegen Kapitalanlagebetrugs in erster Instanz zu zwei Jahren Gefängnisstrafe verurteilt.

          Der Konflikt zwischen Vereinsführung und Publikum rührt noch aus der Zeit, als der Präsident dem rechtsradikalen Kern der Lazio-Tifosi Privilegien entzog, die unter Cragnotti selbstverständlich waren, etwa das Merchandising sowie die Finanzierung von Stadionchoreographien. Seit 2006 der Versuch der Camorra aufflog, den Verein mit Hilfe der berüchtigten Ultra-Gruppe der „Irriducibili“ (Unbeugsame) und dem Strohmann und früheren Spieler Giorgio Chinaglia zu übernehmen, hat sich der interne Konflikt noch einmal zugespitzt. Mehrere historische Ultra-Anführer wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt und sind nun wieder auf freiem Fuß. Lotito bewegt sich seit Jahren nur mit Leibwächtern in der Stadt.

          Riedle, Doll und Hitzlsperger als Vorgänger

          Die „Irriducibili“ haben sich inzwischen aufgelöst, die meisten Besucher der Kurve orientieren sich politisch aber nach wie vor am äußeren rechten Rand und halten mit dieser Einstellung nicht hinterm Berg. Die italienische Öffentlichkeit scheint sich an diese Tatsache gewöhnt zu haben, auch die Hauptstadtpresse hält den politischen Extremismus bei Lazio für alte Kamellen und kramt lieber in der Geschichte der Spieler aus Deutschland in Diensten von Lazio.

          Nach Karl-Heinz Riedle, Thomas Doll und dem vor allem als unaussprechliche Konsonantenansammlung in Erinnerung gebliebenen Hitzlsperger ist Klose nun der vierte Deutsche bei Lazio Rom. Für den aus Polen stammenden Stürmer hat „La Repubblica“ schnell den passenden Spitznamen gefunden. Feinfühlig begrüßte die Zeitung den Neueinkauf als „panzer tedesco“ - deutscher Panzer. Willkommen in Rom.

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