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Wettskandal in Italien : Der heimliche Machthaber des Calcio

  • -Aktualisiert am

Tribünengast: Der umstrittene Lazio-Präsident Claudio Lotito am Rande des italienischen Pokalfinals Bild: dpa

Reinigungsunternehmer Claudio Lotito hält nach eigener Interpretation auch Italiens Fußball sauber. Nicht nur das Kartellamt sieht die Sache anders. Auch in den kürzlich aufgedeckten Wettskandal soll einer seiner Klubs verwickelt sein.

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          Es gibt einige Hinweise darauf, dass sich das neue Machtzentrum des italienischen Fußballs in der prunkvollen Villa San Sebastiano befindet. Sie liegt, umflogen von grünen Papageien und geziert von Marmorstatuen und goldenen Putten, am Beginn der römischen Via Appia Antica, der Handelsstraße, die schon vor 2000 Jahren für den wirtschaftlichen Erfolg eines Imperiums bestimmend war. Hier residiert der 58 Jahre alte römische Reinigungsunternehmer Claudio Lotito, den viele Fußballbeobachter als Präsidenten des Fußballvereins Lazio Rom und damit auch als Arbeitgeber des Stürmers Miroslav Klose kennen. Von seinem pittoresken Zuhause aus zieht er die entscheidenden Fäden im italienischen Fußball.

          Bescheidenheit gehört nicht zu den Tugenden des Unternehmers. Im Januar brüstete er sich im Telefongespräch mit einem Funktionär, er habe im vergangenen Sommer den Milliarden-Deal um die Fernsehrechte an der Serie A zwischen den Konkurrenten Sky und Mediaset eingefädelt. Gleichzeitig warnte er vor dem Aufstieg der inzwischen tatsächlich in die Serie A avancierten Provinzklubs aus Carpi und Frosinone. „Ich verstehe etwas von Bilanzen“, rühmte sich der Römer in dem Telefonat, das der Gesprächspartner heimlich mitschnitt. „Ich bin dafür verantwortlich, dass die erste Liga 1,2 Milliarden Euro verdient. Ich habe Murdoch und Berlusconi zusammengebracht.“ Die nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Worte weckten den Verdacht des Kartellamts, das nun hinter dem Fernseh-Deal unzulässige Preisabsprachen zum Schaden Dritter vermutet. „Mein einziges Ziel ist es, den Fußball sittlich zu machen“, verteidigte sich Lotito nun. An dieser Version haben nicht wenige ihre Zweifel.

          Zum einen gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass Lotito bereits eine viermonatige Sperre wegen Beteiligung am Betrugsskandal Calciopoli verbüßt hat und ihm eine Haftstrafe wohl nur wegen Verjährung erspart blieb. Andererseits taucht der Tausendsassa auch in den von den Ermittlern abgehörten Telefonaten im Zusammenhang mit dem neuen Manipulationsskandal im Amateurfußball auf. Lotito ist in diesen Sumpf, bei dem am Dienstag 50 Funktionäre, Trainer und Spieler aus der dritten und vierten Liga wegen Wettbetrugs verhaftet wurden, offenbar nicht persönlich verwickelt. Zwei Wettkartelle, eines unter Beteiligung eines bekannten ’ndrangheta-Clans aus Lamezia Terme, sollen fernab der Flutlichter des Profigeschäfts mehrere Dutzend Spiele manipuliert und Hintermännern Millionengewinne beschert haben.

          Machtkampf um TV-Vertrag

          Zu den betroffenen Klubs soll aber nach Angaben der Ermittler auch der von Lotito kontrollierte Zweitliga-Aufsteiger US Salernitana gehören. Die Protagonisten der Affäre erkennen in ihm den eigentlichen Machthaber des calcio. Der am Dienstag festgenommene Sportdirektor von L’Aquila Calcio, Ercole Di Nicola, behauptete in einem abgehörten Telefonat, Lotito habe den Präsidenten des italienischen Fußballverbands FIGC, Carlo Tavecchio, sowie den Vorsitzenden der dritten Liga in der Hand und erpresse sie beide.

          Nun sind solche Aussagen mutmaßlicher Krimineller mit Vorsicht zu genießen. Dass Lotito aber der entscheidende Mann hinter Tavecchio ist und dessen unter anderem wegen rassistischer Äußerungen umstrittenen Aufstieg an die Spitze des italienischen Fußballs organisiert hat, ist Kennern der Branche bekannt. Lotito beschaffte die zur Wahl Tavecchios notwendige Mehrheit. Laut Kartellamt, das am Dienstag die Büros von Ligaverband, Sky Italien, Mediaset und dem TV-Rechtevermarkter Infront in Mailand durchsuchen ließ, hat Lotito als einfaches Ligaverbandsmitglied eine „nicht korrekte und undurchsichtige“ Rolle beim Verkauf der Fernsehrechte gespielt. Anstatt die verschiedenen Rechtepakete an die Höchstbietenden zu verkaufen, sei ein Deal zwischen Sky und Mediaset zum Schaden des Mitkonkurrenten Eurosport sowie der Liga selbst eingefädelt worden. Der Grund: Macht und Kontrolle im italienischen Fußball.

          Ein zwielichtiger Groschenroman

          Neben Lotito als Vermittler sollen dabei auch Adriano Galliani, dem Vizepräsidenten des AC Mailand und stellvertretenden Vorsitzenden des Ligaverbands, sowie besonders dem italienischen Ableger des Fernsehrechtehändlers Infront Schlüsselrollen zufallen. Infront, das inzwischen zur chinesischen Wanda-Gruppe gehört, hält dank Tavecchio und Lotito die Vermarktungsrechte an der italienischen Nationalmannschaft, kümmert sich um zahlreiche Aspekte der Vermarktung verschiedener Serie-A-Klubs und vermittelte die verdächtige Absprache zwischen Sky und Mediaset. „Eine Hand wäscht die andere“, kommentiert ein kritischer Beobachter.

          Zum Verdacht millionenschwerer Mauscheleien an der Spitze kommt die Gewissheit, dass der italienische Fußball auch an seinen Wurzeln fault. 33 niederklassige Vereine sollen in den Manipulationsskandal der dritten und vierten Liga verwickelt sein, in dem die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft von Catanzaro ermittelt. „Einige Präsidenten und Manager benutzen ihre Vereine als Verdienstquelle, indem sie Wetten auf die von ihnen selbst manipulierten Spiele abschließen“, schreiben die Ermittler in ihrem Bericht.

          Claudio Lotito durfte am Mittwochabend dem Pokalsieg von Meister Juventus Turin gegen seinen Klub Lazio Rom beiwohnen. Juventus Turin steht zudem im Champions-League-Finale. Solche sportlichen Erfolge wirken angesichts der Verhältnisse im italienischen Fußball nur noch wie kuriose Fußnoten in einem zwielichtigen Groschenroman.

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