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Trister Fußball-Re-Start : Am Ende sind die meisten Wirte allein

  • -Aktualisiert am

Fußballfans verfolgen in Sevilla den Auftakt der spanischen Liga nach der Corona-Pause. Bild: EPA

Als wäre es eine Theaterprobe: Der Wiederbeginn der höchsten spanischen Fußball-Profiliga in Sevilla gerät zu einem Trauerspiel. Das hat vor allem mit dem Geschehen auf dem Rasen zu tun.

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          An ein weniger aufregendes Derby in Sevilla können sich die spanischen Sportchronisten kaum erinnern. Die Sportzeitung „Marca“ schrieb am Tag nach dem 2:0 zwischen Sevilla Fútbol Club und Real Betis Balompié treffend von einer Theaterprobe. „El País“ fand, die Fußballer seien im leeren Stadion wie Schauspieler vor TV-Kameras aufgetreten. Dabei herrscht normalerweise nicht einmal beim „clásico“ zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona eine so giftige Atmosphäre wie beim Derby in Sevilla. Diesmal waren hingegen kaum Emotionen im Spiel. Nur die Akteure des FC Sevilla vergaßen kurz die Sicherheitsregeln auf dem Platz, als sie die Torschützen Ocampos und Fernando überschwänglich feierten.

          Die Tristesse auf den Rängen wird anhalten – schließlich hat die spanische Regierung schon angekündigt, dass diese Saison ohne Zuschauer zu Ende gespielt wird, ganz gleich, wie sich die epidemiologischen Daten entwickeln. Vereine wie Levante aus Valencia oder Real Madrid haben darum Bauarbeiten in ihren Stadien vorgezogen. Real Madrid trägt seine Heimspiele nun auf seinem Trainingsgelände aus, Levante weicht sogar auf einen kleinen Sportplatz in der Nachbarregion Alicante aus.

          Stellenwert des Fußballs erkannt

          Trotz allem wollten viele Fans in ganz Spanien die Begegnung in Sevilla sehen und gingen dafür in die Straßenlokale. Immerhin war es das erste Spiel der Primera División seit dem 8. März, seit der langen Quarantäne, die die Spanier gefangen hielt. Streng hatte die Polizei die erst jetzt schrittweise auslaufenden Ausgangsbeschränkungen kontrolliert. So hatte in der Mittelmeerstadt Alicante ein Rentner einen Strafbescheid über 1000 Euro erhalten, weil er den Kauf seines Brotaufstrichs für einen ausgiebigen Spaziergang genutzt hatte.

          Über das ganze Ausmaß des Geschehens, das sie in den vergangenen zweieinhalb Monaten erlebt haben, werden sich die Spanier erst jetzt klar. Doch eine Ahnung davon hatten sie schon lange, so etwa, wenn Pfleger Bilder von Menschen auf Bettlaken auf dem Fußboden überfüllter Notaufnahmen veröffentlichten. Das ganze Land schien wochenlang vor Angst zu erstarren.

          In dieser Zeit schienen die Pläne von Ligachef Javier Tebas, die Saison für den Profifußball noch zu retten, weltfremd. Tebas wollte mitten in der Pandemie den Trainingsbetrieb wiederaufnehmen, die Spieler alle paar Tage mit dem zuverlässigen PCR-Laborverfahren auf das Coronavirus testen lassen – zu einer Zeit, als die Laborkapazitäten des Landes nicht einmal für das Pflegepersonal ausreichten. Das Bild von den Fußballmillionären, die sich die Gesundheit erkaufen, machte die Runde. Jorge Valdano, Argentinier mit Wohnsitz in Madrid, einst Profi, Trainer und Sportchef bei Real Madrid, schrieb in „El País“ dagegen an. Nicht die Spieler seien ungeduldig, sondern das Geschäft, die Fußballindustrie, die in Spanien 185.000 Arbeitsplätze finanziere, rechnete er in seiner regelmäßigen Kolumne für die Zeitung „El País“ vor. Nicht zuletzt habe La Liga zugesagt, andere Sportverbände, die unter der Corona-Krise stärker leiden, in den nächsten vier Jahren mit 200 Millionen Euro zu unterstützen.

          Ausschlaggebend für die Rückkehr von La Liga in Spanien war aber wohl vor allem, dass auch die Epidemiologen den Stellenwert des Fußballs erkannt haben und seine Signalwirkung für den Rest der Gesellschaft. Fußballspieler seien Vorbilder, rechtfertigte Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa eine Videokonferenz mit den Kapitänen der Erstligavereine. Jungen Menschen sei die Gefahr einer Verbreitung des Virus leichter zu vermitteln, wenn ihre Idole Abstandsregeln einhielten und gemeinsame Feiern vermieden – so verteidigte der Minister diesen Videoauftritt im Zeichen des Fußballs gegen die heftigen Angriffe der Opposition.

          Die spanische Fußball-Liga sieht jedoch nicht nur im Virus ein Risiko. Der Terminkalender ist jetzt voll, jeden Tag gibt es ein Spiel. Damit die Saison am 19. Juli abgeschlossen werden kann, tritt jedes Team im Schnitt alle vier Tage an. Die Vereinsärzte befürchten, damit sei ein hohes Verletzungsrisiko verbunden. Dafür dürfen die Teams, wie die der Bundesliga, fünfmal wechseln. Mannschaften mit kleinerem Kader sehen darin einen Vorteil für die großen Klubs wie Real Madrid oder den FC Barcelona mit einer starken Bank. Quique Setién, Trainer bei Barça, behauptet hingegen, seine Spieler könnten die Gegner müde spielen. Bei fünf Auswechslungen habe der Gegner hingegen immer frische Spieler auf dem Platz. Das sei für den FC Barcelona also ein Nachteil.

          Beim andalusischen Stadtderby in Sevilla hat sich diese Theorie nicht bestätigt. Ohne die Emotionen der Tribüne konnte Betis dem technisch versierteren Gegner auch keinen Kampf entgegensetzen. Die Zuschauer in den Sportbars, die so sehnsüchtig auf den Fußball gewartet hatten, zeigten sich von dieser etwas blutleeren Aufführung enttäuscht. Kaum jemand blieb bis zum Ende; da halfen auch die vom Computer simulierten vollen Tribünen und Anfeuerungen aus der Konserve des Fernsehsenders nichts. Beim Abpfiff gegen Mitternacht saßen die meisten Wirte in den Kneipen allein vorm Fernseher.

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