https://www.faz.net/-gtl-a1qby

Fußball in Frankreich : Tuchel und der Fluch von Paris

Finale gewonnen, Stürmerstar verloren: Paris-Trainer Thomas Tuchel Bild: AFP

Paris Saint-Germain möchte die Champions League gewinnen. Nach dem Abbruch der Saison in Frankreich sollten zwei Endspiele als ideale Vorbereitung dienen. Doch schon das erste bereitet Trainer Thomas Tuchel schlechte Laune.

          3 Min.

          Es war das erste Pflichtspiel nach vier Monaten Entzug. Ein „Fest des Fußballs“, so hatte es Staatspräsident Emmanuel Macron formuliert, sollte es werden. Den Neuanfang nach der Corona-Pause markieren. Als Abschussrampe für den PSG Paris funktionieren, der in Lissabon die Champions League gewinnen will. Er holte sich im Probegalopp gegen Saint-Etienne seinen 13. Titel im nationalen Cup-Wettbewerb. Bedeutend größer als die Freude sind der Ärger über die Verletzung von Kylian Mbappé und die Angst, in Portugal auf ihn verzichten zu müssen.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen
          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Von den fünf wichtigsten Fußballmeisterschaften in Europa wird einzig die französische nicht zu Ende gespielt. „Der Sport ist keine Priorität“, proklamierte die für ihn zuständige Ministerin Roxana Maracineanu. Nationaltrainer Didier Deschamps klatschte Beifall: „Eine weise Entscheidung.“ Wochenlang stritten die Klubpräsidenten – als Meister war PSG unumstritten – über Absteiger und Teilnehmer an den europäischen Wettbewerben. „Wir sind dabei, uns selbst aufzuhängen“, protestierte der Präsident von Olympique Lyon, Jean-Michel Aulas, gegen den Abbruch: Als er erfolgte, war seine Mannschaft nicht einmal für die Europa League qualifiziert.

          Schlitzohr Aulas wollte gleich die ganze Saison annullieren und noch einmal die Rangliste des Vorjahrs bemühen. Danach schlug er ein Blitzturnier vor und drohte mit der Justiz. Das Verfassungsgericht aber gab nur den von der Liga designierten Absteigern recht: Sie bleiben in der Spitzenklasse, die auf 22 Vereine aufgestockt wird. „Der französische Fußball rollt nicht rund“, überschrieb der „Figaro“ einen Leitartikel.

          Er bleibt der Zerrspiegel einer zerstrittenen Gesellschaft, der er im Lockdown zweifellos mehr gefehlt hat als die Theater und Kinos. Der Politologe Nicolas Baverez vergleicht den Dilettantismus der Funktionäre mit dem Streik der Spieler vor zehn Jahren in Südafrika: „Sie stürzen nicht nur die Nationalmannschaft, sondern den Profifußball schlechthin ins Chaos.“ Die TV-Anstalten stornierten ihre Zahlungen für die ausgefallenen Spiele. Den durch Corona bedingten Ausfall beziffert Baverez auf 1,5 Milliarden Euro: „Die Mehrheit der Klubs ist schlicht pleite.“ Frankreich, so Baverez, ist in Europa in die zweite Liga abgestiegen. Mitte Juni forderte er: „Wir müssen umgehend wieder spielen. Um die Wirtschaft anzukurbeln und die Nation neu zu begründen.“

          Das versucht auch Macron. Doch schon der Titel bei der Weltmeisterschaft in Russland hatte ihm wenig gebracht – sehr schnell beendeten die „Gelbwesten“ die kollektive Begeisterung. Auch beim Neuanfang mit dem Endspiel im menschenleeren Stade de France hat der Staatspräsident nicht viel gewonnen. Jedem Spieler wurde er vorgestellt. Macron trug nicht nur eine Schutzmaske, sondern auch ein Mikrofon, das den Zuschauern die nichtssagenden Dialoge mit den Stars zumindest bruchstückweise vermittelte.

          Besonders lange verharrte er bei Kylian Mbappé – man wird es ihm wohl auch noch als schlechtes Omen auslegen. Unendlich lange dauerte der unsägliche Prolog. Peinlicher war dann nur noch die Pokalübergabe. Dazwischen wurde Fußball gespielt. Eine Affiche wie eine Geschichtsstunde nach Macrons Geschmack: die Welt von gestern gegen die Welt von heute. Die AS Saint-Etienne aus der Provinz hatte einst den französischen Fußball dominiert und Titel gesammelt, wie es heute die globalisierten Stars des Scheichs von Qatar tun. Genau genommen hatten „Les Verts“ aus Zentralfrankreich mehr vom Spiel, dem über weite Strecken so ziemlich alles fehlte, was ein Spitzenspiel ausmacht. Sein Rhythmus war jener eines Freundschaftstreffens im Hochsommer.

          Das einzige Tor durch Neymar nach schöner Vorarbeit durch Mbappé fiel schon in der ersten Viertelstunde – den Rest hätte man sich ersparen können. Zehn Minuten später ging das Finale für Mbappé vorzeitig zu Ende. Loïc Perrin, der emblematische Spielführer von Saint-Etienne, verletzte ihn mit einer Grätsche. Schon beim Tor sah der alternde Star nicht besonders gut aus. Im ersten Augenblick wurde Perrin nur verwarnt, es war sein letztes Spiel. Rote Karten hatten „Les Verts“ schon in den beiden Meisterschaftsspielen gegen den PSG gesehen.

          Die Szene hatte etwas von einem Fluch, vor dem Thomas Tuchel gewarnt hatte und der sich bewahrheitete. Der Trainer fluchte unter seiner Maske. Sein aufgescheuchtes PSG-Rudel legte sich mit den gegnerischen Spielern in einer Keilerei an, die acht Minuten dauerte. Es hagelte Gelb, selbst für den Ersatzspieler Marco Verratti – und für Perrin schließlich doch noch Rot. Als er vom Platz ging, standen seine Mitspieler so etwas wie Spalier. „Nur ein Wunder“, so die Schlagzeile von „L’Equipe“ am Sonntag, kann Mbappés Teilnahme an der Finalrunde retten.

          Auch in Unterzahl zeigte Saint-Etienne den Parisern ihre Grenzen auf. Einen glücklichen Gewinner hat das Spiel gleichwohl hervorgebracht: Nizza ist für die Europa League qualifiziert. Dem französischen Fußball führte es vor Augen, wie sehr der Abbruch der Meisterschaft die Konkurrenzfähigkeit der Teams beeinträchtigt. Am kommenden Freitag steht abermals ein nachgeholtes Finale zur Vorbereitung auf dem Programm: Paris gegen Lyon, das die Endrunde in Portugal gewinnen muss, um weiterhin europäisch Fußball zu spielen. Das Endspiel wird endgültig ein letztes sein und der Liga-Cup, um den es geht, mit dem Schlusspfiff begraben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ruth Bader Ginsburg

          Richterin Ginsburg gestorben : Eine Ikone liberaler Rechtssprechung

          Sie war wohl die bekannteste Richterin der Vereinigten Staaten. Nun ist Ruth Bader Ginsburg gestorben. Präsident Trump bekommt damit die Chance, zum dritten Mal einen Richter für den Supreme Court zu nominieren.
          Volker Wissing, der designierte FDP-Generalsekretär

          Volker Wissing im Interview : „Für die FDP ist es fast immer besser zu regieren“

          Auf dem Bundesparteitag der FDP soll Volker Wissing an diesem Samstag als Generalsekretär wiedergewählt werden. Im Interview attackiert er den Wirtschaftsminister, fordert das Ende der Rettungspolitik und erklärt, warum es richtig sein kann, unter Habeck zu arbeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.