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Krise der Nationalmannschaft : Löw und Bierhoff müssen liefern

Mit keinem Wort erwähnt: DFB-Präsident Keller blendet Löw in seinem Statement aus. Bild: Imago

Das DFB-Präsidium fordert ein Konzept zur schnellen Bewältigung der Krise von Trainer und Direktor. Im Verband setzt sich der Machtkampf um die Führung fort.

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          Das Präsidium des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) hat sich am Freitag während einer Telefonkonferenz auf einen Fahrplan für den Umgang mit der akuten Krise der Nationalelf festgelegt. Das Gremium einigte sich auf eine gemeinsame Linie. Demnach wird es keinen Freifahrtschein für Bundestrainer Joachim Löw geben (F.A.Z. vom 19. November). Er soll mit seinem Stab und Oliver Bierhoff als zuständigem Direktor Nationalmannschaften eine substanzielle Analyse bis zur kommenden DFB-Präsidiumssitzung in zwei Wochen liefern.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.
          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bierhoff wurde aufgefordert, da ohnehin Mitglied des Präsidiums, am 4. Dezember vorzutragen. Auf eine „Vorladung“ von Löw verzichtete das Präsidium. Dahinter steckt auch der Gedanke, den Eindruck eines Tribunals zu vermeiden. Eine solches Vorgehen drohe zudem die Aussicht auf eine Verpflichtung eines neuen Bundestrainers, wann auch immer das auch geschieht, zu erschweren.

          Nations League

          Bierhoff soll im Namen der Nationalmannschaftsführung eine überzeugende Strategie vorstellen, wie sie sich eine Rückkehr auf einen erfolgreichen Weg in kurzer Zeit vorstellt. Das Halbfinale bei der Europameisterschaft in gut sieben Monaten ist das Ziel, dass sich Verband und Bundestrainer gesetzt haben. Die zweiwöchige Vorbereitungszeit bis zur nächsten Präsidiumssitzung des DFB soll allen Beteiligten dazu dienen, das Debakel vom Dienstag sowie die Folgen des Auftritts in Ruhe zu überdenken. Damit bliebe auch ausreichend Spielraum für die Entwicklung persönlicher Rückschlüsse. Im aktuellen Fall wird von Teilen des Präsidiums kritisiert, dass keine ausreichende Kontrollfunktion im DFB gegenüber der sportlichen Leitung existiere. Es könne nicht sein, dass allein Bierhoff die Nationalelf und damit indirekt auch sich selbst kontrolliere – und sonst niemand mit sportlicher Kompetenz innerhalb des Verbandes.

          Am Freitag ging es nicht nur um das Prozedere im Fall Löw. Nach Informationen dieser Zeitung besteht auch innerhalb des Präsidiums erhöhter Gesprächsbedarf – in eigener Sache. Denn inzwischen wurden unterschiedliche Versionen über den Umgang mit dem 0:6 gegen Spanien am vergangenen Dienstag in Sevilla und die anschließende Kommunikation in Umlauf gebracht. Die Entwicklungen haben auch innerhalb des Präsidiums zu weiteren Spannungen geführt. Damit setzt sich der vor Wochen offen ausgebrochene Machtkampf im DFB auch bei der Auseinandersetzung mit der Causa Löw fort.

          Teile des Präsidiums, so wird es gegenüber dieser Zeitung dargestellt, werfen Präsident Keller demnach einen Schlingerkurs und eine mangelhafte Kommunikation nach der Pleite in Sevilla vor. Keller sei nach dem Spiel in der deutschen Kabine aufgetaucht und habe vor der Mannschaft betont, dass man eine Einheit sei. Und dass man zusammenstehe, komme, was wolle. Es wird dabei der Eindruck erweckt, als habe Keller bei seiner Solidaritätsbekundung den Bundestrainer eingeschlossen. Das passt auf den ersten Blick zu der grundsätzlichen Haltung des DFB-Präsidenten gegenüber Löw, die Keller bei einem Treffen mit Journalisten im September auf seinem badischen Weingut geäußert hatte: Er sprach damals von einem exzellenten Trainer. In der Kabine, so heißt es jedoch aus anderer Quelle, habe Keller zwar eine Ansprache gehalten. Aber ausschließlich an die Spieler. Den Trainer habe er nicht konkret einbezogen.

          Am nächsten Tag gab Keller die bisher einzige DFB-Erklärung ab. In einem Statement setzte sich der Präsident für den eingeschlagenen Weg der Erneuerung und Verjüngung mit Blick über den kommenden Sommer hinaus bis zur EM 2024 im eigenen Land ein. Den Bundestrainer und dessen Zukunft erwähnte er nicht.

          Kellers Kritiker im Verband sehen darin einen Schlingerkurs. Sie erklären seinen angeblichen Meinungswandel damit, dass dem Präsidenten im Laufe des Mittwochs klargeworden sein soll, dass ein Festhalten an Löw seine eigene Position schwächen, wenn nicht gar gefährden könne, falls die Sache im Sommer sportlich schiefgeht. Auch dieses Verhalten, so heißt es von DFB-Kennern, würde zu Keller passen. Er ruderte als Präsident schon bei anderen Themen schnell wieder zurück.

          Hinter den Kulissen setzt sich damit offenbar eine Auseinandersetzung fort, die seit der jüngsten Steueraffäre des DFB mit Hausdurchsuchungen Anfang Oktober an Fahrt aufnahm und zum offenen Machtkampf Kellers mit dem DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius geführt hat. Seit dieser Zeit ist das Misstrauen in der DFB-Zentrale nochmals gewachsen.

          Keller wird in der Frage, wie der DFB mit dem Fall des Bundestrainers unmittelbar nach dem 0:6 umgangen sei, auch vorgeworfen, mit anderen Mitgliedern der DFB-Delegation nach dem Spiel angeblich nicht so kommuniziert zu haben, wie es notwendig gewesen wäre. So sollen die beiden Vizepräsidenten Rainer Koch und Peter Peters sowie Schatzmeister Stephan Osnabrügge, Mitglieder der DFB-Delegation in Sevilla, vorab über ein gemeinsames Vorgehen im Fall Löw nicht informiert worden sein. Das sei, heißt es aus anderer Quelle, eine falsche Darstellung. Die Telefonkonferenzen am Donnerstag und Freitag verliefen, wie zu hören ist, einmütig.

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