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FC Barcelona : Die verschlüsselten Signale des Lionel Messi

Was hat es zu bedeuten? Lionel Messis Zeichen sind Gesprächsthema Bild: AP

Der FC Barcelona hat derzeit einige Probleme. Die größte Sorge gilt Lionel Messi. Der Ärger des Superstars zielt auf Trainer Luis Enrique. Zur Beruhigung tragen auch die neuesten Meldungen aus England nicht bei – im Gegenteil.

          3 Min.

          Eigentlich hatte der Präsident die Pressekonferenz anberaumt, um die plötzliche Absetzung des Sportdirektors Andoni Zubizarreta zwei Tage zuvor zu erläutern. So dachte man. Aber dann verkündete Josep Maria Bartomeu, die institutionelle Führungsfigur des FC Barcelona, eine ganz andere Nachricht, und die pflichtgemäßen Abschiedsformeln zum Ausscheiden des ehemaligen spanischen Nationaltorwarts wurden zur Fußnote: dass es am Ende dieser Saison Neuwahlen gebe.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Genau das, was Bartomeu - „Ich werde meine Amtszeit bis zum Sommer 2016 ausschöpfen“ - vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an ausgeschlossen hatte. Der Hauptgrund, so sagte er jetzt, seien die „Spannungen“ innerhalb des Klubs. Und in bewährter Politikermanier, im selben Atemzug ein Zugeständnis zu machen und sich mit diskreter Larmoyanz als Opfer unfairer Umstände darzustellen, nannte Bartomeu diese Spannungen „unverhältnismäßig“ und „überzogen“.

          Die Fans sehen das offenbar anders. Nach einer Online-Umfrage der Tageszeitung „La Vanguardia“ aus Barcelona empfinden 86 Prozent der Befragten Neuwahlen im Juni als den richtigen Schritt. Das katalanische Sportblatt „Mundo Deportivo“ hatte sie schon vor Weihnachten empfohlen.

          Bartomeu war vor knapp einem Jahr ins Amt gerutscht, weil sein Vorgänger Sandro Rosell wegen des Skandals um die Neymar-Verpflichtung und „persönlicher Bedrohung“ seinen Hut genommen hatte. Jetzt haben die schrillenden Alarmglocken auch Bartomeu zur Kehrtwende gezwungen. Man müsse dringend „das Soufflé absenken“, schrieb „Mundo Deportivo“ und meinte damit: das Institutionelle korrekt regeln und sich schleunigst wieder um den Fußball kümmern.

          „Als das geschah, war Bartomeu Vizepräsident“

          Allein die vergangenen fünf Tage offenbarten auf verschiedenen Ebenen die schweren Funktionsstörungen, mit denen der Verein zu kämpfen hat. Beim letzten Ligaspiel in San Sebastián, das mit einer 0:1-Niederlage durch ein Eigentor endete, saßen die Sturmstars Messi und Neymar zunächst nur auf der Bank. Während der Brasilianer die Entscheidung des Trainers Luis Enrique zu akzeptieren schien, machten Kenner der Barça-Szene besorgte Gesichter, weil sie wissen, dass Messi grundsätzlich spielen will. Manche dachten auch an den Machtkampf, den Enrique 2011 beim AS Rom mit der italienischen Stürmerlegende Totti geführt (und verloren) hatte.

          Doch dann gingen anderswo die Scheinwerfer an. Die schwache Partie, die nicht einmal die später eingewechselten Messi und Neymar umbiegen konnten, führte zu provokanten Äußerungen des Sportdirektors Zubizarreta zu einem Thema, das die Erfolgsaussichten des Klubs in diesem Jahr erheblich schmälert: der Entscheidung des Sportschiedsgerichts, dem FC Barcelona wegen der Verletzung der Statuten bei der Verpflichtung Minderjähriger jeden Neutransfer im Jahr 2015 zu verbieten. „Als all das geschah“, so der Sportdirektor vor laufender Kamera, „war Bartomeu Vizepräsident.“ Das saß. Krise auf dem Platz oder Krise im Büro? Bei Barça hängt alles miteinander zusammen – kein lockeres Soufflé, sondern ein schweres, zähes Käsefondue.

          Gegen Elche im Pokal traf Messi beim 5:0-Sieg ein Mal
          Gegen Elche im Pokal traf Messi beim 5:0-Sieg ein Mal : Bild: AP

          Mit dem direkten Angriff auf den Machthaber beschleunigte Zubizarreta seinen Rauswurf, und sein Assistent, der ehemalige Kapitän Carles Puyol, reichte gleich darauf seinen Abschied ein: der ehrenvolle Schritt einer Legende. Kaum war die Nachricht in der Welt, lieferte Messi neuen Gesprächsstoff. Wegen einer angeblichen Magenverstimmung erschien der Argentinier nicht zum traditionellen öffentlichen Training am Dreikönigstag und enttäuschte damit 14.000 Jugendliche, die ihren Star aus der Nähe sehen wollten. Seitdem schwappen die Wasser vorne, hinten, links und rechts über die Ränder.

          Was geschieht, wenn Messi, der am Donnerstagabend beim 5:0-Sieg über Elche im Achtelfinal-Hinspiel des spanischen Pokals einen Treffer beisteuerte, keine Lust mehr hat? Wie lässt sich die Saison retten, wenn der Trainer und sein wichtigster Spieler nicht mehr miteinander reden? Mit unguten Gefühlen erinnert sich die Barça-Anhängerschaft an die ambivalenten Sätze des viermaligen Weltfußballers des Jahres aus den letzten Monaten. Ja, sagte Messi im Herbst, er glaube schon, dass er sein ganzes Leben beim FC Barcelona spielen könne. „Aber wenn man mich hier nicht mehr will, habe ich kein Problem damit.“

          „Messi ist der beste Spieler der Welt“

          Das sind keine kühlen Äußerungen eines blendend bezahlten Profis in Zeiten des Hochkapitalismus, sondern verschlüsselte Signale eines Mannes, der schon seit Jugendtagen entziffert werden will. Messi tritt nicht nach vorn, macht auf sich aufmerksam und stellt Forderungen. Messi zieht eine Miene, deutet an und gibt zu verstehen. Eine kindliche Sphinx, ein schweigendes Genie, das man nicht vom Bolzplatz holen darf - und ein ziemliches Ärgernis in einer Epoche der Selbstdarstellungsperfektion. Was Messi in diesem Fall zu verstehen gibt, ist, dass sein Coach ihm nicht passt. Und das ist die größte Sorge, die den FC Barcelona umtreibt.

          „Messi ist der beste Spieler der Welt, daran gibt es keinen Zweifel“, sagte Klubchef Bartomeu und tat so, als wäre die katalanische Glaubensgewissheit tatsächlich eine Antwort auf die schwelende Krise und das Murren an der Basis. Dann legte er noch einen drauf: „Alle wissen, dass Barça Leo Messi nicht verkaufen will.“ Es hilft nicht unbedingt, in der englischen Sensationspresse vom starken Messi-Interesse des FC Chelsea und angeblichen 250 Millionen Euro zu lesen, die Klubchef Abramowitsch für einen Sechsjahresvertrag lockermachen wolle. Man würde zu gern die Sphinx dazu befragen. Aber sie schweigt.

          Copa del Rey, Achtelfinale, Hinspiele

          Dienstag, 06.01.2015:

          Celta Vigo - Athletic Bilbao 2:4 (1:2)
          FC Málaga - UD Levante 2:0 (1:0)

          Mittwoch, 07.01.2015:

          FC Villarreal - Real S. San Sebastián 1:0 (0:0)
          Atlético Madrid - Real Madrid 2:0 (0:0)
          FC Valencia - Espanyol Barcelona 2:1 (1:0)
          UD Almería - FC Getafe 1:1 (0:1)

          Donnerstag, 08.01.2015:

          FC Granada - FC Sevilla 1:2 (0:1)
          FC Barcelona - FC Elche 5:0 (3:0)

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