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Amateurspiel wird wiederholt : „Jetzt lehne ich den Videobeweis noch mehr ab“

Ablehnung perfekt: Dominic Heidrich (links) hat mit der SG Hochspeyer unliebsame Erfahrungen mit dem Videobeweis gesammelt. Bild: privat

Ein Derby in der Kreisklasse Kaiserslautern wird wiederholt: Der Hochspeyrer Spielertrainer Dominic Heidrich spricht über seine Lehren aus dem vermeintlich ersten Videobeweis im Amateurfußball.

          3 Min.

          Das Spiel SV Mölschbach gegen die SG Hochspeyer in der Kreisklasse B Kaiserslautern/Donnersberg-Süd muss wiederholt werden, weil die SG Hochspeyer mit ihrem Protest erfolgreich war. Der unterlegene Mannschaft hatte moniert, dass der Schiedsrichter ein Tor des SV Möschbach beim 3:2-Sieg zunächst aberkannt hatte, weil er den Ball zuvor im Aus gesehen und entsprechend auf Abstoß entschieden hatte. Danach revidierte er allerdings seine Entscheidung, nachdem er mit Zuschauern gesprochen und das rechteckige Zeichen für Videobeweis in die Luft gemalt hatte. Das Spiel hatte als vermeintlich erster Videobeweis im deutschen Amateurfußball Aufmerksamkeit erregt. Tatsächlich hat die Schiedsrichterzeitung bereits im Januar einen vergleichbaren Fall aus einem Kreisligaspiel im Raum Reutlingen dokumentiert.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Spielertrainer Dominic Heidrich spricht nach dem Sportgerichtsurteil nach vier Stunden Verhandlung am Dienstagabend über die kuriose Geschichte aus den Niederungen des Amateurfußballs.

          Der vermeintlich erste Videobeweis im Amateurfußball und somit eine kuriose Geschichte ist zunichte gemacht. Bedauern Sie das ein wenig?

          So denke ich nicht. Uns ging es darum, dass ein Regelverstoß vorlag. Der Schiedsrichter hat sich durch Zuschauer beeinflussen lassen. Und das darf gar nicht erst Normalität werden. Die Urteilsbegründung betont nochmals, dass Schiedsrichter immer im eigenen Ermessen entscheiden müssen und sich nicht von außen beeinflussen lassen dürfen.

          Ist die ganze Situation nicht dennoch etwas unglücklich, da ja mittlerweile auch Ihr Verein zugibt, dass das Tor regulär war.

          Natürlich. Nach Ansicht der Videobilder kann ja keiner mehr ernsthaft bestreiten, dass es ein reguläres Tor war. Aber das darf keine Rolle spielen, weil der Schiedsrichter sich eben nicht beeinflussen lassen darf von außen. Er darf, wie er es getan hat, unseren Torwart fragen. Der hatte den Ball aber eben auch im Aus gesehen und das dem Schiedsrichter so gesagt. Wenn aber jetzt nach jeder strittigen Situation der Schiedsrichter auf Zuschauer vertrauen würde: Wo kommen wir dann hin?

          Hat denn die Einführung des Videobeweises in der Bundesliga dazu geführt, dass sich Zuschauer jetzt öfter als Videoassistent fühlen in der Kreisliga? Fuchteln häufiger Leute mit dem Smartphone vor dem Schiedsrichter herum, wie es auch Ralf Rangnick beim Gang in die Halbzeitpause getan hat, als es den Videobeweis nur in der Bundesliga, aber nicht beim betreffenden DFB-Pokalspiel gab?

          Ich habe das so noch nicht erlebt. Aber ich halte es für denkbar, dass sich Leute daran orientieren. Das wäre eine schlechte Entwicklung.

          War es denn jetzt in Mölschbach überhaupt ein richtiger Videobeweis? Da gab es bis zuletzt zwei Meinungen. Angeblich hat der Schiedsrichter die Szene ja gar nicht selbst gesehen.

          Am Ende der Verhandlung muss man wohl konstatieren, dass der Schiri die Szene nicht selbst gesehen hat, obgleich er uns gegenüber während des Spiels als auch danach mehrfach bestätigt hatte, dass er sich die Szene auf dem Video angeschaut habe. Er hat da wohl schon ein schlechtes Gewissen gehabt, weil er tatsächlich den Worten der Zuschauer, die die Szene gefilmt hatten, vertraut hat. Auf einer anderen Aufnahme sieht man schließlich, dass er sich die Szene nicht wirklich angeschaut haben konnte, da er nur eine gute Sekunde auf das Smartphone geblickt hat. Aber beim Videobeweis in der Bundesliga ist es ja auch nicht unbedingt nötig, dass der Schiedsrichter selbst das Video sieht. Er vertraut ja oft auf seinen Videoassistenten.

          Der Schiedsrichter bei Ihrem Spiel hat also den filmenden Zuschauer in den Stand des Videoassistenten erhoben?

          Sozusagen. Nur, dass der nicht in einem Keller in Köln saß, sondern am Spielfeldrand an der Begrenzung lehnte.

          Bei Ihrem Fall sind wir gewissermaßen direkt in der Diskussion um den richtigen Videoassistenten in der Bundesliga. Da wird auch oft kritisiert, dass der Schiedsrichter nicht mehr wirklich selbst entscheidet. Hat sich Ihre Meinung zum Videoassistenten durch das eigene Erleben verändert?

          Ja, wenn ich das jetzt so miterlebe, dann kann ich das alles noch mehr nachvollziehen, was da diskutiert wird. Diese Situation hat dem Spiel irgendwie ja auch alle Emotion genommen. Wir standen da plötzlich und haben alle diskutiert. Mölschbach konnte ja auch nicht mehr richtig übers Tor jubeln, als das dann doch gegeben wurde. Bei uns haben ja immerhin aufgrund des kleinen Sportplatzes auch die Zuschauer alle mitbekommen, um was es ging. In einem Bundesliga-Stadion erfahren die Zuschauer hingegen ja noch nicht mal, was eigentlich los ist. Ich halte diese Entwicklung für echt gefährlich. Irgendwann fragen sich die Zuschauer dann doch auch, warum man noch ins Stadion geht, wenn man nicht mal mehr alles mitbekommt. Nach der Geschichte lehne ich den Videobeweis noch mehr ab.

          Bei Ihnen steht nun erst einmal das Wiederholungsspiel an. Heizt das die Rivalität mit dem Nachbarn aus Mölschbach nun noch mehr an?

          Anheizen ist falsch. Das Spiel ist ein Derby, aber alles in gesundem Maß. Und letztlich profitieren beide Vereine von der kuriosen Geschichte.

          Inwiefern?

          Das Medieninteresse am Wiederholungsspiel wird für unsere Verhältnisse gigantisch sein. Mölschbach darf sich auch sicher auf ziemlich viele Zuschauer freuen. Und wir haben schon Angebote, das Spiel zu vermarkten mit Trikotsponsor und ähnlichem. Vielleicht gibt es sogar einen Livestream.

          Und als Schiedsrichter kommt dann doch auch nur einer in Frage, oder?

          Wen meinen Sie?

          Markus Merk kommt doch aus Kaiserslautern und wäre als Pfälzer Schiedsrichterlegende die logische Besetzung für das Spiel.

          Die Idee ist gut. Wir gehen aber in jedem Fall davon aus, dass eine hochkarätige Schiedsrichteransetzung erfolgen wird.

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