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„Krebsgeschwür Qatar“ : Zwanziger benennt Blatter als Zeugen

Sieht keinen Grund, klein beizugeben: Theo Zwanziger Bild: Picture-Alliance

Theo Zwanziger gibt nicht klein bei, im Gegenteil: In seiner Klageerwiderung rechnet der frühere DFB-Vorsitzende mit der umstrittenen WM-Vergabe an das Emirat durch die Fifa ab und zitiert Papst Franziskus.

          Der juristische Streit zwischen dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, und des Fußballverbandes aus Qatar spitzt sich zu. Über seinen Rechtsvertreter hat Zwanziger eine Klageerwiderung beim zuständigen Landgericht Düsseldorf eingereicht, die FAZ.NET vorliegt. Darin fordert er die Abweisung der Klage.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber nicht nur das: Der Schriftsatz birgt viel Brisanz, rechnet der frühere DFB-Chef doch in den Ausführungen abermals mit der umstrittenen WM-Vergabe an das Emirat durch Funktionäre des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) und den seiner Meinung nach wahren Beweggründen Qatars bei seiner Sport-Offensive ab.

          Hinzu kommt, dass von Zwanziger hochkarätige Zeugen für das Verfahren benannt wurden: Joseph Blatter, Noch-Präsident der Fifa, Michel Platini, Chef des europäischen Fußballverbandes und Nachfolgekandidat für Blatter, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, und die ehemalige Vorsitzende des EU-Menschenrechtsausschusses, Barbara Lochbihler (Grüne).

          Qatarischer Verband „nicht legitimiert“

          Pikant dabei: Die mündliche Verhandlung wurde vom Landgericht Düsseldorf für den 2. Februar 2016 terminiert. Damit müssten sich drei Wochen vor der Wahl des neuen Fifa-Präsidenten (26. Februar) einige Topfunktionäre möglicherweise unbequemen Fragen vor Gericht stellen. Der qatarische Fußballverband als Kläger will Zwanziger, selbst Rechtsanwalt, seine mehrmals getroffene Äußerung untersagen, Qatar sei ein „Krebsgeschwür des Weltfußballs“.

          Die Aussage sei eine „nicht hinnehmbare Verleumdung und Herabwürdigung seiner Bürger und staatlichen Gemeinschaft beziehungsweise seiner Mitglieder“, heißt es auf qatarischer Seite. Diese wird von der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Bub, Gauweiler und Partner vertreten. Hier ist der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler geschäftsführender Partner.

          Zwanzigers Rechtsanwalt Hans-Jörg Metz aus Diez begründet die Klageabweisung in mehreren Punkten. Er beruft sich dabei auch auf Beschlüsse des Bundesverfassungsgerichtes zu Meinungsfreiheit und Ehrenschutz. So habe der qatarische Fußballverband gar keine Legitimation als Kläger, weil sich die Äußerung nicht erkennbar und abgrenzbar auf diese Organisation bezöge. Es handele sich auch nicht um eine Schmähkritik, wie die Klägerseite behaupte.

          „Die im Einzelnen vorgenommene Beschreibung ist keinesfalls davon geprägt, ein sachliches Anliegen völlig in den Hintergrund zu drängen und Dritte persönlich zu kränken“, heißt es in dem Schriftsatz. „Die dem Beklagten zugeschriebene Äußerung wurde von ihm in dem Gesamtzusammenhang getroffen.“

          Er würde nie einen einzelnen oder eine Gruppe von Menschen als Krebsgeschwür bezeichnen. In der Klageabweisung wird auch Papst Franziskus zitiert, der nach einer apostolischen Reise nach Sarajewo im Juni diesen Jahres den Konsumismus als „Krebsgeschwür der Gesellschaft“ bezeichnet habe. Bei Zwanzigers Aussage, die er in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im April 2013 erstmals öffentlich getroffen hatte, handele es sich vielmehr um eine zulässige „Machtkritik“ am „System Qatar“.

          Der Beklagte sei in seinen früheren Funktionen als DFB-Präsident und dann auch Mitglied des Fifa-Vorstands verpflichtet gewesen, die sichtbar gewordenen Missstände, insbesondere die WM-Vergabe an das Emirat anzuprangern. So wird in dem Schriftsatz nochmals detailliert auf die umstrittene Wahl des Weltmeisterschaftsstandorts fürs Jahr 2022, Korruptionsvorwürfe und damit indirekt auch die Verwerfungen innerhalb des krisengeschüttelten Fifa-Apparates eingegangen.

          Die sportlichen Wettbewerbe in Qatar dienten einzig dazu, der Welt zu beweisen, wie groß und bedeutend man ist, heißt es in Zwanzigers Klageabweisung. „Qatar wird damit zum Synonym für einen Unterhaltungsbereich, der Sport sein will, aber längst keiner mehr ist, weil er vor lauter Größenwahn und Geldgier seine sozialen und ethischen Grundlagen zertrampelt.“

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