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Gewalt im Amateurfußball : Ein böser Kreis

Aber das erklärt noch nicht den Hass, der auf manchen Plätzen blitzt. Das ist so, weil der nichts mit Fußball zu tun hat. Es ist ein Puzzle, und seine Teile sind weit verstreut. In Gegenden, wo die Arbeit rar und die Hartz-IV-Quote hoch ist, wo Jugendzentren fehlen und die Langeweile oft den Tag bestimmt, kann ein Sieg oder eine Niederlage am Wochenende in der Kreisliga schnell zum Symbol für Unter- oder Überlegenheit werden. Denn nur auf dem Papier geht es Spieltag für Spieltag auf den Amateurplätzen der Republik um nichts. Was sich da entlädt, ist aber in erster Linie kein vermeintliches „südländisches Temperament“, sondern es geht zunehmend um soziale Anerkennung und Gleichbehandlung, hat die Sportwissenschaftlerin Marie-Luise Klein von der Ruhr-Universität Bochum schon 2001 in einer Studie geschrieben. Spielforscher Pilz gibt ihr recht und sieht seine Befunde aus den neunziger Jahren auch heute noch bestätigt:

Er macht nicht die kulturellen Eigenarten einiger Spieler für den Ärger auf dem Platz verantwortlich, sondern soziale, ethnische und weltpolitische Konflikte, die immer häufiger auf dem Rasen ausgetragen würden. Früher seien die Vereine zudem noch durchmischter gewesen, die ersten Gastarbeiter seien noch mit den deutschen Kollegen aufgelaufen. Inzwischen aber separierten sich Deutsche wie Migranten immer mehr, in den Städten, den Wohnvierteln und in den Fußballvereinen. Auf den Amateurplätzen werden Stellvertreterkriege ausgetragen. Denn hier ist die Konstellation ganz klar: eine Mannschaft hier, eine Mannschaft dort. Mann gegen Mann. Wer gewinnt, steht oben. Das war natürlich auch schon früher so. Etwa in den neunziger Jahren, als die Kriege auf dem Balkan bis auf die Fußballplätze von Bottrop oder Neukölln getragen wurden. Fußball war nie nur heile Welt. Heute werden auf den Zuschauerrängen Plakate gegen die Organisation „Islamischer Staat“ entrollt. Die Politik auf den Fußballplätzen in der Großstadt und der Provinz ist zurück.

Provokationen deutscher Spieler

Und deutsche Spieler? Wissen genau, wie sie ihre Gegenspieler mit Migrationshintergrund provozieren können. Die Trainer deutscher Mannschaften setzten manchen Spieler gezielt als Provokateur gegen besonders sensible Spieler ein, um die Stimmung anzuheizen, berichtet die Sportwissenschaftlerin Thaya Vester. Auch ihr Kollege Pilz hat schon formuliert: Migranten fühlen sich nach eigener Aussage wesentlich häufiger beleidigt als deutsche Spieler. Erst wird von der einen Seite „Kanake!“ gerufen, dann von der anderen „du Nazi!“. Dann geht’s los. Die Nationalität wird allzu oft instrumentalisiert, schon vor dem Anpfiff wird aufgehetzt. Laut Thaya Vester gehen knapp zehn Prozent aller Gewalttaten auf dem Platz rassistische Bemerkungen voraus. Die Kreisspruchkammern und Sportgerichte sehen das oft aber nicht. Sie verurteilen dann nur den Schläger, also meist den Migranten, und lassen den Provokateur laufen. Klar, wer sich da ungerecht behandelt fühlt. Und beim nächsten Mal womöglich noch fester zuschlagen wird.

Allein im Ruhrgebiet soll es mehr als 50 türkische Vereine geben, bundesweit mehr als 500. Nur ganz wenige von ihnen sind das, was Silvester Stahl, Professor an der Fachhochschule Potsdam für Sport und Management, „Tendenzvereine“ nennt. Diese seien antiwestlich, antiliberal, mitunter auch antisemitisch und antiziganistisch orientiert, ihnen gehe es nicht nur um den Sport, sondern um eine Weltanschauung. Diese Vereine würden teilweise gezielt als Vorfeldorganisationen aus anderen Gruppen ausgegründet, um über den Wettkampf auf dem Fußballplatz junge Migranten zu binden.

Das ist gefährlich. Ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Schon gegen die alltägliche Gewalt etwas zu tun, fällt schwer genug. Die Sportgerichte wollen abschrecken und härter urteilen als in der Vergangenheit. Vereine werden aufgerufen, Spieler, die Probleme machen, konsequent auszuschließen. Bisher wechselten die talentierteren Krawallmacher oft von einem Klub zum anderen. Den Ärger trugen sie damit nur ein Stück weiter. Am Spielfeldrand stehen nun außerdem immer häufiger geschulte Konfliktberater, die einschreiten sollen, bevor es richtig knallt. Bevor der Schiedsrichter wieder die 110 wählt und die Polizei in Mannschaftsstärke anrücken muss.

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