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Gewalt im Amateurfußball : Ein böser Kreis

Damit bestätigt sich in der Tendenz das, was der Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz von der Leibniz-Universität Hannover schon vor rund 15 Jahren herausgefunden hat: Zwei von drei vor Sportgerichten verhandelten Spielabbrüchen werden von nicht-deutschen Spielern, vor allem türkischen und kurdischen, verursacht. Pilz hatte 4000 Akten und Urteile des Niedersächsischen Fußballverbandes der Saison 1998/99 angesehen. Was er zusammenfassend schreibt, klingt nicht gut: „Je schwerwiegender der Straftatbestand, desto häufiger sind Spieler beteiligt, die nicht deutscher Abstammung sind.“ Während bei den deutschen Spielern die Opfer am häufigsten andere Spieler sind, richtet sich die Gewalt von Spielern mit Migrationshintergrund besonders oft gegen die Schiedsrichter.

„Es ist fünf nach zwölf“

Und das ist ein großes Problem. Denn die Schiedsrichter pfeifen nicht mehr. Erst war es einer, dann zwei, dann immer mehr. Inzwischen hat Mathias Lippert das Problem, für manche Partien im Fußballkreis Frankfurt überhaupt noch jemanden zu finden. Wenn zum Beispiel ein Spiel der Afghan Kickers auf dem Spielplan steht oder eine jüdische gegen eine arabische Mannschaft spielt. Dass es in diesen Spielen hoch hergehen werde, sagen viele Schiedsrichter, sei doch schon vorher klar - viele Fouls, Rote Karten, pöbelnde Zuschauer, Spielabbruch. Alles möglich. Alles schon passiert - viel zu oft, wenn man Lippert fragt. Er ist Obmann im Frankfurter Kreisschiedsrichterausschuss und verteilt für alle Partien die Unparteiischen. Er war schon dabei, als Frankfurt noch als der brutalste Fußballkreis in Deutschland galt, bevor man die rote Laterne, statistisch gesehen, an Berlin abgab. Jetzt sieht er Frankfurt wieder ganz weit vorn. Besonders häufig knalle es zwischen Vereinen mit besonders vielen Migranten oder solchen Klubs, die sich, zumindest dem Namen nach, monoethnisch verstehen. Drei von ihnen haben in Frankfurt im Moment Spielverbot. „So schlimm wie in diesem Jahr war es in Frankfurt bisher noch nicht. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach“, sagt Lippert.

Wieder die Frage: Ist das gefühlt oder Realität? Zumindest sahen vor gut einem Jahr Lokalpolitiker, Vereine und Verbände Grund genug, die „Frankfurter Erklärung“ ins Leben zu rufen, mit der Botschaft: Wer brutal spielt, spielt nirgendwo. Nur hörten das längst nicht alle, deutsche wie Migrantenvereine. Zu einem Treffen zur Gewaltprävention erschienen, obwohl es eine Pflichtveranstaltung war, etliche von ihnen nicht. Die „Frankfurter Erklärung“ werde bei einigen Vereinen nicht recht angenommen, die Struktur der Mannschaften sei oft nicht so gut, und es gebe schlicht niemanden, der sich des Themas Gewalt und Respekt gezielt genug annehme, sagt Lippert.

Spieler mit Migrationshintergrund werden härter bestraft als deutsche Kicker

An anderer Stelle treten diese Vereine dagegen in Mannschaftsstärke auf, etwa wenn sich eines ihrer Mitglieder vor der Kreisspruchkammer für einen Tritt oder eine Beleidigung rechtfertigen muss. „Da kommen dann schon mal zehn oder fünfzehn Mann“, sagt Sportrichter Heller. „Und das nötige Unrechtsbewusstsein ist auch nicht immer vorhanden.“ Vielleicht deswegen, weil Spieler mit Migrationshintergrund auch auffallend häufig Opfer von Gewalt im Amateurfußball sind. Denn auch das haben Thaya Vester und der Sportwissenschaftler Pilz in ihren Studien herausgefunden. Diese Spieler werden auch härter bestraft als Deutsche - für das gleiche Vergehen. Wenn die Deutschen zum Beispiel vier Wochen gesperrt werden, bekommen Migranten sechs Wochen Spielpause. So entsteht ein böser Kreis. Die Wut staut sich im Bauch, entlädt sich spätestens am nächsten Samstag oder Sonntag im Fuß, und nicht immer nur gegen den Ball.

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