https://www.faz.net/-gtl-17n

Korruption bei der Fifa : Der Tsunami rollt

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Was kommt als Nächstes? Vor dem Fifa-Kongress gleicht Zürich einem Pulverfass. Fifa-Generalsekretär Valcke hat in einer E-Mail angedeutet, dass Qatar die Fußball-WM 2022 gekauft haben könnte. Der Verband steht erbärmlich da.

          Der von Jack Warner angekündigte „Fußball-Tsunami“ ist einen Tag nach der vorläufigen Suspendierung des karibischen Funktionärs beim Internationalen Fußballverband (Fifa) angekommen. Warner, fürs erste gesperrter Fifa-Vizepräsident und Präsident des nord- und mittelamerikanischen Dachverbandes (Concacaf), schlug nach seiner zunächst für dreißig Tage gültigen Verbannung durch die Fifa-Ethikkommission zurück.

          Schlimmer noch: An diesem Dienstag findet in einem Zürcher Hotel über den Dächern der Stadt eine Pressekonferenz statt, in der detailliert mit Bankbelegen dokumentiert werden soll, dass vier Fifa-Exekutivkomiteemitglieder, Issa Hayatou (Kamerun), Julio Grondona (Argentinien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Rafael Salguero (Guatemala) zwanzig Millionen Dollar an Bestechungsgeldern rund um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Qatar kassiert haben sollen. Sollte sich dieses Gerücht als wahr herausstellen, wäre es der vorläufige Gipfel eines Fifa-Skandals, den bisher lediglich Blatter nicht wahrhaben will. Bei einer bizarren Pressekonferenz am Montagabend im Zürcher Fifa-Haus sagte ein wütender und sichtlich mitgenommener Blatter allen Ernstes: „Krise? Welche Krise? Der Fußball steckt nicht in einer Krise. Wir haben hausgemachte Schwierigkeiten, aber die werden in der Familie gelöst.“

          Schöne Familie, deren Oberhäupter beinahe schon unter Generalverdacht stehen und sich dazu bis aufs Messer bekämpfen. Dass unter diesen Umständen der Wahlkongress in der Zürcher Messe am Mittwoch überhaupt stattfindet, auf dem der inzwischen alleinige Kandidat Blatter zum vierten Mal als Präsident der Fifa gekürt werden möchte, ist ein schlechter Witz. Am Montag schlug zunächst die Stunde von Jack Warner, dem tags zuvor wegen Korruptionsverdachts für zunächst dreißig Tage suspendierten Präsidenten der nord- und mittelamerikanischen Konföderation (Concacaf). Der von der Ethikkommission des Verbandes vorläufig verbannte Reisebürounternehmer aus Trinidad und Tobago entfachte seinen Rachesturm der Entrüstung, von dem sich vor allem Jérome Valcke, der Fifa-Generalsekretär getroffen fühlen durfte.

          Konter: Jack Warner beschuldigt nun Fifa-Präsident Blatter

          Warner zitierte in Zürich aus einer E-Mail, die ihm Valcke am 18. Mai geschrieben habe. Darin war unter anderem auch die Rede von dem als Herausforderer Blatters am Samstag zurückgetretenen und tags darauf wie Warner wegen Korruptionsverdachts von der Ethikkommission vorläufig suspendierten Mohamed bin Hammam. Über den qatarischen Präsidenten des Asiatischen Fußballverbandes, der bei einer von ihm bezahlten Zusammenkunft mit Vertretern der der Karibischen Fußball-Union am 10. und 11. Mai Wählerstimmen-„Geschenke“ in Höhe von 40 000 Dollar (28 000 Euro) pro Verband, mit Hilfe seines Freundes Warner verteilt haben soll, heißt es in der von Valcke bestätigten Mail unter anderem: „. . . oder er dachte, er könne die Fifa genauso kaufen wie sie (gemeint war Qatar) die Weltmeisterschaft 2022“. Qatar dementierte prompt „kategorisch“ und erwägt rechtliche Schritte gegen den Fifa-Generalsekretär.

          Fragwürdige Geschenke

          Der äußerte sich später eine Spur reservierter: „Was ich sagen wollte, ist, dass die Sieger ihre finanzielle Kraft genutzt haben, um Lobbyarbeit für ihre Bewerbung zu betreiben. Ich wollte damit nicht sagen, dass Stimmen gekauft worden seien oder ein anderes anstößiges Verhalten unterstellen.“ Warner, lange Jahre einer der engsten Blatter-Vertrauten im Hofstaat des Fifa-Präsidenten, beschuldigte zudem den 75 Jahre alten Schweizer, dass er der Concacaf ein „Geschenk“ in Höhe von einer Million Dollar habe zukommen lassen mit der Maßgabe, das Geld „nach eigenem Ermessen“ zu verwenden. Blatter dagegen sprach von zwei völlig normalen Entwicklungshilfeprojekten aus dem Fifa-Programm Goal, das er Concacaf bei einem Besuch im Frühjahr aus seinem Etat „geschenkt“ habe.

          Auch der geschasste bin Hammam, den angeblich der Emir von Qatar zum Rückzug bewegt hat, um die Austragung der WM 2022 in dem winzigen Wüstenstaat am Golf nicht zu gefährden, meldete sich am Tag nach seinem persönlichen Absturz zu Wort. Er kündigte Einspruch gegen seinen temporären, vielleicht aber bald schon endgültigen Ausschluss aus der globalen Fußballfamilie an. Blatter selbst berichtete am Montagmorgen vor den Uefa-Delegationen des Fifa-Kongresses. Bei seiner Einstimmung auf die Zusammenkunft im Pulverfass Zürich war unter anderem die Rede von einem zweiten „schweren Korruptionsfall“, in den bin Hammam und Warner verwickelt seien. Was mag da noch auf die Fifa zukommen, die in ihrer 107-jährigen Geschichte nie so erbärmlich dastand wie derzeit? „Ein Desaster für den Fußball“ brandmarkt der deutsche Fußball-„Kaiser“ Franz Beckenbauer das, was auf höchster Ebene momentan geschieht.

          Rumoren aller Orten, wo sich die Fifa trifft

          Beckenbauer verlässt dieser Tage das Fifa-Exekutivkomitee angewidert und desillusioniert. Blatters umschatteter Kür in der Zürcher Messe werden bin Hammam und Warner nicht mehr vom Vorstandstisch aus verfolgen. Noch zwei Leute weniger im Exekutivkomitee, nachdem schon im Dezember 2010 die weniger bedeutenden Herren Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii aus Tahiti wegen ihres nachgewiesenen Hangs zur Käuflichkeit kurz vor der WM-Vergabe der WM-Turniere 2018 an Russland und 2022 an Qatar Abschied von allen Ämtern nehmen mussten. In Zürich rumort es derzeit aller Orten, wo immer sich die Delegierten des Fifa-Kongresses treffen.

          Blatter, lange so etwas wie der Lordsiegelbewahrer der bestehenden Verhältnisse, hat in seinem Wahlkampf Reformen angekündigt, mit denen die Fifa frisch durchlüftet und demokratisch aufgepäppelt werden soll. Sein Problem: Der Mann, der heute von „null Toleranz“ gegenüber unmoralischen, betrügerischen Verhaltensweisen spricht, hat sich den Ruf eines Tricksers ehrlich erarbeitet und verströmt deshalb keine tief verankerte Glaubwürdigkeit. Er ist wie seine Regierung am Ende, will aber trotzdem noch einmal gewählt werden - grotesk und irreal wie so vieles derzeit in der Fifa.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Umstritten: An der geplanten Pkw-Maut gibt es viel Kritik.

          EuGH urteilt : Deutsche Pkw-Maut verstößt gegen EU-Recht

          Das Prestigeprojekt der CSU ist gescheitert: Der Europäische Gerichtshof gibt einer Klage von Österreich gegen die Maut in Deutschland statt. Die Richter halten die geplante Abgabe für diskriminierend.
          Matteo Salvini (Dritter von rechts) und Mike Pence (vierter von rechts) beim Gruppenfoto vor dem Weißen Haus am Montag

          Salvini in Washington : Imperiale Achse im Gepäck

          Italiens stellvertretender Ministerpräsident Matteo Salvini preist bei seinem ersten Besuch in Washington Rom als verlässlichsten Partner in Europa an. Und verteilt Seitenhiebe gegen Paris, Berlin und Brüssel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.