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Korruption bei der Fifa : Das System des Jack Warner

  • -Aktualisiert am

Raus aus der Fifa: Jack Warner Bild: REUTERS

Jack Warner stilisiert sich als Opfer der Fifa. Dabei hat der gestrauchelte Fußballfunktionär von Beginn an systematisch seinen persönlichen Vorteil und den seiner Familie gesucht.

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          Es könnten einem die Tränen kommen, so wie Jack Austin Warner die Geschichte von seinem Rücktritt erzählt. Nach 30 Jahren aufopferungsvoller Arbeit zum Wohle des Fußballs habe er die Lust verloren, weil ihm Leute aus den eigenen Reihen in den Rücken gefallen wären. Er könne das alles nicht aushalten. Jack Austin Warner in der Opferrolle – das hatte der 68 Jahre alte Fußballfunktionär bisher immer vermeiden können.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Chuck Blazer war es, der den Vizepräsidenten des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), Präsidenten der Konföderation der nord- und mittelamerikanischen Verbände (Concacaf), Präsidenten der karibischen Verbände und Vizepräsidenten des Fifa-Exekutivkomitees ins Straucheln brachte. Der Concacaf-Geschäftsführer aus den Vereinigten Staaten, vor 21 Jahren von Warner angestellt, benachrichtigte die Fifa von einem groß angelegten Bestechungsversuch, den Warner und der damalige Fifa-Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam am 10. und 11. Mai unternommen hätten. Auf Wunsch des Qatarers hatte Warner Funktionäre der 25 karibischen Fußballverbände in Port of Spain (Trinidad & Tobago) zusammengetrommelt, damit Fifa-Vizepräsident bin Hammam auf Stimmenfang gehen konnte – mit dem Ziel, am 1. Juni in Zürich Joseph Blatter zu beerben. Blazer behauptete, dass als zusätzliches Argument an jeden der 25 Funktionäre, die frei untergebracht und bewirtet wurden, ein Umschlag mit 40 000 Dollar verteilt worden sei.

          Daraufhin beauftragte die Fifa erst ihre Ethikkommission, die bin Hammam und Warner umgehend suspendierte, dann den ehemaligen FBI-Chef Freeh, um weiter zu ermitteln. Mit seinem Rücktritt kam Warner nun der Veröffentlichung der Ergebnisse zuvor. Die Fifa verkündete sogleich, damit sei der Fall für sie erledigt. Nicht nur, dass von einer weiteren Verfolgung abgesehen wird: In einer Pressemitteilung wurde betont, bei Warner gelte nun weiter die Unschuldsvermutung. Des weiteren bedankte man sich für dessen Arbeit und bedauerte die Umstände der Trennung.

          Das Spiel ist aus für den Fifa-Vize Warner

          Warner reicht diese glimpfliche Behandlung nicht. In einem Interview mit der Agentur Bloomberg beschwerte er sich über die unfaire Behandlung. „Geschenke gehören schon immer zur Kultur der Fifa, ich empfinde die Vorwürfe als scheinheilig.“ Warner gibt zu, das Treffen mit der karibischen Konföderation für bin Hammam organisiert zu haben. „Ich habe aber nicht gesehen, ob Geld von Hand zu Hand gegangen ist.“ Es ist, das haben mittlerweile mehrere Funktionäre bestätigt. Sogar an die Farbe der Umschläge erinnerten sie sich: braun. Ob sich bei Warner ein Unrechtsempfinden eingestellt hätte, wenn er die Übergabe beobachtet hätte, wo doch Geschenke zur Fifa-Kultur gehören? Im Nachhinein bedauert Warner nur eines: „Ich hätte öffentlich mitteilen müssen, dass die karibischen Verbände treu zu Blatter stehen. Dann wäre alles nicht geschehen.“

          Exklusivrechte für die Reiseagentur

          Kann es sein, was Warner suggeriert? Dass er eigentlich nur bin Hammam einen Gefallen tun und seinen Funktionären zwei schöne Tage im Hotel (eventuell mit Geschenken) bereiten wollte, was Blatter aber vorläufig als Überlaufen zur Gegenseite interpretierte und deshalb als Verstoß gegen den Ethikkodex verfolgte? Dabei gibt Warner an, er habe Blatter in E-Mails versichert: „Bin Hammam hat keine Chance, ich werde ihn bitten, seine Kandidatur zurückzuziehen.“ Wenn Warner dies Mails wirklich geschrieben hat, scheint ihnen Blatter nicht getraut zu haben.

          Vertrauen in Warner zu setzen, das fällt schwer angesichts seiner Karriere im Fußballgeschäft. Der ehemalige Lehrer suchte seit Beginn systematisch seinen persönlichen Vorteil und den seiner Familie. International bekannt wurden seine Aktionen erstmals 2001, als die Fifa die Junioren-WM U 17 an Trinidad & Tobago vergab. Als Leiter des Organisationskomitees vergab er Bauaufträge an befreundete Firmen; als die Kosten sich nachträglich verdoppelten, wurde treu nachgezahlt. Die Cateringverträge erhielt die Firma einer seiner Söhne, die Flugtickets und Hotelreservierungen der Teams und Delegationen wurden über sein Reisebüro abgewickelt.

          Die „Simpauls Travel Agency“ erhielt auch das Exklusivrecht für die Verteilung der Eintrittskarten für die WM 2006 in Trinidad & Tobago. Besitzer? Jack Austin Warner, seine Frau Maureen und seine Söhne Daryll und Daryan. Die Agentur nutzte das Monopol, die Karten zu überhöhten Preisen abzugeben, und nur in Verbindung mit einer Pauschalreise – von der „Simpauls Travel Agency.“

          Auch die Auseinandersetzung mit der Nationalmannschaft seines Heimatlandes, die sich 2006 für die WM-Endrunde qualifizierte, ist noch nicht beendet. 5644 Dollar der einheimischen Währung wollte er jedem seiner Fußballhelden aus Trinidad & Tobago nach seiner Abrechnung an WM-Prämie zugestehen. Warner hatte lediglich einen Gesamtüberschuss von 325 000 T&T-Dollar aus der Expedition bilanziert. Die Regierung jedoch ermittelte später einen Überschuss von circa 155 Millionen T&T-Dollar. Ein Schiedsgericht sprach den Spielern davon die Hälfte zu. Der Anspruch konnte aber gerichtlich bis heute nicht durchgesetzt werden. Warners Kommentar: „Die Spieler sind zu gierig.“ Zum Glück hat er sich mit solchen Dingen ja jetzt nicht mehr herumzuschlagen.

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