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Kommentar zur Nationalmannschaft : Weltmeister light

  • -Aktualisiert am

EM-Qualifikation mit Netz: Sollen doch mal die Kleinen gewinnen Bild: dpa

Die deutsche Nationalmannschaft befindet sich in einer Zwischenphase, doch der Umbau erfolgt ohne große Gefahr, da in der EM-Qualifikation der Wettbewerb weitgehend abgeschafft ist.

          Es ist noch gar nicht so lange her, da wollten die Deutschen im Fußball vor allem eines sein: erfolgreich wie die Spanier. Und auch jetzt noch, als Weltmeister, ist etwas von diesem Leitbild übriggeblieben. Dem WM-Titel von Brasilien soll, so wie vom Vorbild in den Jahren 2010 und 2012 vorgemacht, der EM-Titel in zwei Jahren folgen. In diesen Tagen bekommt man aber erst noch einmal eine Ahnung, was für einer Leistung es bedurfte, über mehrere Turniere hinweg (die spanische Serie begann ja bei der EM 2008) das Bild zu prägen und die Trophäen abzuräumen.

          Es ist kein Geheimnis, dass es im Sport oft schwieriger ist, einem großen Sieg eine Bestätigung folgen zu lassen. Und es liegt ebenso auf der Hand, dass ein Triumph wie der von Rio erst einmal sacken muss. Neben den physischen Anstrengungen sind es die mentalen, die ihren Tribut fordern. Der Körper braucht Erholung, der Kopf auch.

          Ganz so überraschend erwischte es die Deutschen nicht

          In so einer Zwischenphase befindet sich auch die deutsche Nationalmannschaft. Eine Niederlage wie die von Warschau – so ärgerlich, weil vermeidbar sie auch gewesen sein mag – liegt deshalb auf der Normalkurve der sportlichen Entwicklung, erst recht angesichts der personellen Probleme, mit denen Joachim Löw und sein Team zu kämpfen haben. Ein paar Prozent weniger, ein paar versiebte Chancen zu viel, ein Fehlgriff des Welttorhüters – das kann reichen, um auch einen Weltmeister in die unerwartete Niederlage zu stürzen.

          Wobei: unerwartet? Ganz so überraschend erwischte es die Deutschen ja nicht. Die noch junge Qualifikation ist schon einigermaßen reich an knappen Resultaten bei vermeintlich klar verteilten Qualitäten. Und auch manchen echten Favoritensturz gab es zu bestaunen, so wie den der Spanier beim 1:2 in der Slowakei.

          Das wiederum wirft ein Licht darauf, welches Spiel die Herren des Fußballs betreiben, wenn sie Wettbewerbe über ein verträgliches Maß hinaus aufblähen oder, wie im Fall der EM-Qualifikation, den Wettbewerb weitgehend abschaffen. So, wie der Bundestrainer am Samstag weiter ganz selbstverständlich davon ausging, in zwei Jahren in Frankreich dabei zu sein, werden auch die Spanier fühlen.

          Eine Niederlage auf dem Weg dahin – wen kümmert‘s? Das mag schön sein für die Kleineren, aus Sicht der Großen aber stellt sich mehr und mehr die Frage, ob man seinen Körper dafür weiter schindet. Gemessen an all dem ist es sogar bemerkenswert, mit welchem Schwung die Deutschen ihre beiden Pflichtaufgaben seit der WM angegangen sind – selbst wenn die Resultate mager ausfielen.

          „Das Leben ist schöner als Weltmeister“

          Die fälligen Renovierungen in Löws Team werden dafür sorgen, dass es den Weltmeister bis auf weiteres eher in einer Light-Version zu sehen geben wird. Auf den Außenverteidiger-Positionen hat die Phase des Experimentierens gerade erst begonnen, diesmal mit einem erfreulichen Testat für Antonio Rüdiger.

          Der mutige Auftritt von Karim Bellarabi wiederum hat gezeigt, dass auch dort in der Erneuerung eine Chance liegen kann, wo man nicht auf den ersten Blick eine Notwendigkeit sieht. Ob das Leben als Weltmeister schwerer geworden sei, wurde Löw in Warschau gefragt. „Das Leben“, antwortete er, „ist schöner als vor der WM.“ Es sollte nur nicht in die Versuchung führen, es sich dauerhaft bequem zu machen. Bislang gibt es dafür keine Anzeichen.

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