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Kommentar zum Özil-Transfer : Ein halber Bale

Lukas Podolski hat ein Gespür fürs richtige Motiv: Er hat seinen neuen Teamkameraden Mesut Özil bei der Nationalelf zu einem gemeinsamen Foto animiert Bild: instagram lukas-podolski

Der Transfer von Gareth Bale hat neue Maßstäbe gesetzt - und eine neue Maßeinheit geschaffen. Mesut Özils Transfer ist derweil nur der Gipfel eines englischen Wahnsinns.

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          Das Fußball-Business hat seit dieser Woche eine neue Maßeinheit gefunden. Auf dem Platz wird zwar wie üblich noch nach Toren abgerechnet, auf dem Transfermarkt aber nach Bale. Ein Bale entspricht dabei 100 Millionen Euro. Mesut Özil als teuerster deutscher Spieler ist also ein halber Bale. Tottenham Hotspur hat für diese Saison 1,2 Bale investiert. Die negative Transferbilanz der Premier League in diesem Sommer beträgt 4,5 Bale.

          Man kann wie Joseph Blatter diese Finanzexplosionen - deren Lunte nicht zuletzt in Ländern wie Spanien gelegt wird, die unter einer Wirtschaftskrise mit verheerender Jugendarbeitslosigkeit ächzen - als unabänderliche Folge der freien Marktwirtschaft betrachten. Und so erinnerte Blatter nun auch wieder daran, dass im Jahr 2009, als ein Ronaldo noch für 0,93 Bale transferiert wurde, gleichzeitig ein Picasso für 100 Millionen versteigert wurde - aber aus Sicherheitsgründen kaum zu sehen war, Ronaldo dagegen ständig in den Stadien. Na, dann.

          Nun gibt es selbst im Fußballgeschäft ein paar Manager, die wie etwa Oliver Bierhoff darauf verweisen, dass der Fußball aufpassen müsse, sich mit diesen absurden Preisen nicht zu weit von seiner Basis zu entfernen, von den Leuten in den Kurven und vor dem Fernseher, die den Sport zwar lieben, aber bei diesen Summen die Fußballwelt nicht mehr verstehen. Aber für echte Empörung sorgen diese dreistelligen Millionenbeträge für zwei Beine nicht mehr. Als im Jahr 1999 Christian Vieri für 91 Millionen Mark, also rund 0,45 Bale von Lazio Rom zu Inter Mailand wechselte, legte Papst Johannes Paul II öffentlich Protest ein. Die damalige Rekordablöse sei „ein Angriff auf alle armen Menschen dieser Welt“, solche Ablösesummen schadeten „den Idealen des Sports“.

          Mit solch ethischen Vorhaltungen erscheint man in Zeiten der Finanzkrise und ihrer Fantastilliarden ziemlich von gestern. Auch der Hinweis, dass diese Spirale des irrsinnigen Geldumlaufs, die steigende Preise bis weit hinab in die nationalen Ligen exportiert, auch mit der Wettbewerbsfähigkeit von kleineren Vereinen bezahlt wird, ist dem internationalen Spitzenfußball kaum mehr als ein Schulterzucken wert. Im Gegensatz zum allgemeinen Wirtschaftsleben ist im Fußball ernstzunehmende Konkurrenz allerdings unerlässlich.

          Die Spieler selbst verdienen prächtig an dieser Entwicklung. Sie sind hochbegehrte Handelsobjekte, aber wie im Fall Özil nicht einmal selbständige Wirtschaftssubjekte. Man darf Özil sein vor wenigen Tagen abgelegtes Treuebekenntnis zu Madrid abnehmen, er wäre liebend gerne bei Real geblieben. Aber der Fußballfinanz-Zirkus verlangt, dass der Künstler nun mit randvollen Taschen und guter Miene in London auftritt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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