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Kommentar zum Khedira-Ausfall : Kaum zu ersetzen

Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch: Für die Nationalmannschaft kann Khediras Ausfall auch eine Chance bieten Bild: dpa

Von Sami Khediras Sorte gibt es nur einen im Nationalteam. Trotzdem bietet auch sein Ausfall Chancen. So war es auch bei Michael Ballack.

          Auch wenn es ein bisschen makaber klingen mag: Das, was die deutsche Nationalmannschaft heute darstellt, ist sie auch durch eine Verletzung geworden. Als kurz vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika die Meldung vom Turnier-Aus für Michael Ballack die Runde machte, lag die Fußball-Nation am Boden. Eine erfolgreiche WM ohne den „Capitano“? Das konnten sich die meisten kaum vorstellen. Zu sehr hatte Ballack als Leitfigur das Bild des deutschen Fußballs über Jahre geprägt. Nur ganz vereinzelt und kaum wahrnehmbar gab es damals auch andere Stimmen, die im Unglück eine Chance witterten. Die glaubten, dass die junge Generation schon stark genug sein könnte, ohne Ballack in einem großen Turnier zu bestehen, ja, die sogar stärker sein könnte, weil die alten Hierarchien hinweggefegt waren.

          Auch Joachim Löw schien das im Innersten für möglich zu halten, jedenfalls ließ er sich in der Vorbereitung weder von dieser noch von anderen Verletzungen aus der Ruhe bringen. In Südafrika führte die Mannschaft eindrucksvoll den Beweis, und dieses Erlebnis, diese Erfahrung ist etwas, was das deutsche Team und seine (Selbst-)Wahrnehmung bis heute prägt: Glaube nie, einer sei unersetzlich. Und traue der Jugend etwas zu.

          Mit Blick auf die WM in Brasilien wäre es schön, wenn es so eine Geschichte, zumindest eine ähnliche, noch einmal geben könnte. Nicht, dass die deutsche Mannschaft eine Befreiung von alten Zöpfen nötig hätte. Aber eine Vision, wie der Verlust von Sami Khedira zu kompensieren sein könnte, wie oder durch wen auch immer – die täte schon gut, um weiter mit echter Zuversicht an die Möglichkeit eines WM-Gewinns in Brasilien glauben zu können.

          Von Khediras Sorte gab es nur einen

          Dass der Stratege im defensiven Mittelfeld nach seinem Kreuzbandriss vom Freitagabend in Mailand bis zum Eröffnungsspiel am 14. Juni wieder im Vollbesitz seiner Kräfte sein könnte, ist eher ein irrationaler Wunsch als eine realistische Perspektive. Wenn der Bundestrainer nun dennoch auf den „kleinen Funken Hoffnung“ setzt, zeugt das nicht zuletzt davon, wie wichtig Khedira ihm ist.

          Das deutsche Mittelfeld gilt ja gemeinhin als unerschöpfliches Reservoir von Hoch- und Höchstbegabten. Im Fall der Offensiv-Positionen mag das auch stimmen. Der Verlust eines Reus, Götze oder unter Umständen gar eines Özil wäre schlimm, aber noch nichts, was die WM-Aussichten grundsätzlich erschütterte. Im Fall Khedira aber ist es anders. Von dieser Sorte Spieler hat Löw – und jetzt muss man wohl sagen: hatte – nur den einen.

          Als grimmiger Kämpfer mit einer natürlichen Autorität, der noch dazu jenseits der Blöcke aus Dortmund und München steht, war er bislang eine Schlüsselfigur im Team. Und es ist niemand in Sicht, der diese Rolle ausfüllen könnte. Natürlich fällt jetzt der Name Schweinsteiger. Aber bei allen Fähigkeiten, die der Münchner besitzt, sind mit seiner Person auch offene Fragen verbunden: die nach seiner körperlichen Verfassung genauso wie nach der Bereitschaft, Verantwortung für das große Ganze zu übernehmen.

          Eine Stärkung des Gemeinschaftssinns, des Kollektivgeists mit Blick auf das große Ziel wäre das einzig Positive, was sich aus Khediras Verletzung ziehen ließe. In diesem Sinne ist die Situation auch ein Charaktertest für die Mannschaft. Doch selbst wenn sie ihn besteht – eine Garantie, dass das den Verlust auf dem Rasen aufwiegt, wäre das noch lange nicht.

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