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Im Dienste der Wettpaten : Lügner und Verdränger

Thomas Cichon Bild: picture alliance / dpa

Thomas Cichon gesteht die Manipulation eines Fußballspiels. Sagt er die ganze Wahrheit? War der frühere Profi der Einzige, der kassiert hat und seinen Teil der Absprache erfüllte? Schön wär’s.

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          Wie lügende Fußballprofis klingen? Zum Beispiel so: „Ich habe zwar regelmäßig per SMS Wetteinsätze auf Fußballspiele plaziert, jedoch habe ich deswegen nie meinen Beruf als Fußballprofi vernachlässigt und vorsätzlich schlecht gespielt oder absichtlich Fehler gemacht.“ Das sagte Thomas Cichon Anfang 2010 im Interview mit dem Magazin „11 Freunde“.

          Heute klingt Cichon so: „Ich wollte und konnte dort angesichts der Umstände nicht meine volle Leistung bringen.“ Dort, das war das Punktspiel des VfL Osnabrück gegen den FC Augsburg im April 2009. Der Osnabrücker Cichon spielte und er spielte absichtlich schlecht, im Dienste der Wettpaten, bei denen er Schulden hatte. Osnabrück verlor 0:3, die Mannschaft landete am Ende der Zweitligasaison auf den Relegationsplatz und stieg schließlich ab, in die dritte Liga. Cichon leistete seinen wertvollen Beitrag, 20.000 Euro wurden ihm von seinen Schuldnern erlassen.

          Dank der Bochumer Kriminalisten, die seit Jahren in mühsamer Ermittlungsarbeit die Umtriebe der Wettmafia in Deutschland freilegen, steht jetzt, fünf Jahre nach Beginn der Ermittlungen, drei Jahre nach dem ersten Prozess gegen die Wettpaten Ante Sapina und Marijo Cvrtak, fest: Ja, auch Fußballprofis in Deutschland manipulieren und betrügen. Beim Deutschen Fußball-Bund, der Cichon zwar für seine Kontakte ins Milieu bis Juli 2015 gesperrt hat, wollte es bis zuletzt niemand aussprechen.

          Stets hieß es, mit Verweis auf scheinheilige Aussagen wie die von Cichon nach Bekanntwerden seiner Spielschulden und anderer Spieler, es sei ja nichts bewiesen. Spieler hätten zwar Geld kassiert (deshalb wurden sie gesperrt), aber die entsprechende Gegenleistung sei nie nachzuweisen gewesen.

          Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht

          Nun hat Cichon gestanden im Prozess gegen sich. Das Urteil wird für den 11. Juni erwartet. Also ist es bewiesen und gerichtsfest: Der Abstiegskampf der zweiten Liga 2008/2009 war manipuliert, das ist nach dem Bundesligaskandal der frühen siebziger Jahre der zweitgrößte nachgewiesene Betrug am Fußballfan in der deutschen Fußballhistorie (auch wenn Fans des Hamburger Sportvereins das anders sehen mögen, deren Klub 2004 in der ersten DFB-Pokalrunde verpfiffen wurde – der Schiedsrichter war mit 67.000 Euro und der Aussicht auf einen Flachbildschirm gekauft).

          Und trotzdem hat der Deal zwischen Cichons Verteidigern und der Bochumer Staatsanwaltschaft, der dem früheren Profi des 1. FC Köln einen langwierigen Prozess erspart, einen schalen Beigeschmack. Sagt Cichon jetzt die ganze Wahrheit? Hat er wirklich nur ein Spiel manipuliert? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. War er der Einzige, der kassiert hat und seinen Teil der Absprache erfüllte? Schön wär’s. Dass Cichon an dem Tag gesteht, an dem sich Nigerias Nationaltorwart den Ball ins eigene Tor wirft, ist Zufall. Aber ein passender. Im Fußball ist was faul. Auch in Deutschland.

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