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Kommentar : Keine Macht den Ultras

  • -Aktualisiert am

Das DFB-Pokalspiel in Rostock wurde von Zwischenfällen überschattet. Bild: dpa

Was kann man tun gegen die Gewalt von Ultras beim Fußball? Rostock hat gezeigt: Abgrenzung ist der einzige Weg. Dabei sollte auch der DFB mit dem Verzicht auf Kollektivstrafen helfen. Ein Kommentar.

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          Die Bilder vom DFB-Pokal aus Rostock verstörten. 20 bis 30 Ultras des Drittligaklubs FC Hansa waren in einen leeren Zuschauerblock eingedrungen und zündeten ein 60 Quadratmeter großes Banner des Pokalgegners Hertha BSC an, das sie drei Jahre zuvor entwendet hatten. Sie warteten so lange mit der Aktion, bis ihnen durch die Pokal-Live-Übertragung im Fernsehen die größtmögliche Publikumswirkung sicher war.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Schiedsrichter Robert Hartmann unterbrach die Begegnung für 18 Minuten, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war, denn die Rostocker Ultras schufen weitere Brandherde in diesem Block, wobei sie von Hertha-Ultras mit Leuchtraketen unter Beschuss genommen wurden. Die Polizei ließ die Täter gewähren und wartete ab, bis sie in den Rostocker Fanblock abzogen, weil ihnen das brennbare Material ausgegangen war.

          Ein fatales Bild für alle, die daran glauben, dass es keine rechtsfreien Räume geben darf. Aber das gestörte Rechtsempfinden ist das kleinere Übel gegenüber dem, was ein massiver Polizeieinsatz ausgelöst hätte: eine Massenschlägerei mit verletzten Beamten, Randalierern, aber auch unbeteiligten Fans. Denn bei einer Offensive der Polizei hätten die Ultras nicht im leeren Block auf sie gewartet, sondern sich sofort unter die anderen Rostocker im Nachbarblock gemischt. Eine gerichtsverwertbare Ermittlung der Täter wäre bei der Verfolgungsjagd auch kaum gelungen. Zudem hätte der Schiedsrichter angesichts dieses Szenarios auf den Rängen das Spiel kaum noch einmal angepfiffen.

          Das Verhalten der Polizei in diesem Fall war wohlüberlegt, genauso wie die Aussage des Rostocker Polizeipräsidenten Michael Ebert am Tag danach. Er warf den Vereinsverantwortlichen des FC Hansa vor, die Ultras dabei unterstützt zu haben, dieses Berliner Fan-Banner ins Stadion zu bringen. Es handelt sich nicht um die Unterstellung eines leitenden Beamten, um von eigenen Fehlern abzulenken, sondern quasi um den Hilfeschrei eines Fußballfreundes, der auf eine brennende Problematik hinweisen will: Der FC Hansa Rostock ist von den Ultras unterwandert, der Vorstand von Hansa Rostock ist oder fühlt sich von den Ultras abhängig.

          Vor zwei Jahren musste der damalige Vorstandsvorsitzende Michael Dahlmann zurücktreten, weil sein Mailverkehr mit einem Ultra-Chef publik geworden war. Darin stimmten sich die beiden ab, wie Entscheidungen am Aufsichtsrat vorbei durchzusetzen seien. Von Dahlmanns Nachfolger Robert Marien ist nichts dergleichen bekannt. Dass Hansa ein Sicherheitskonzept der Polizei ablehnt, das bei Hochsicherheitsspielen (wie gegen Hertha) eine verstärkte Präsenz im Ultra-Block vorsieht, lässt auch auf viel Goodwill schließen.

          Ein Beispiel: Von den 347 Ordnern, die am Montag im Ostsee-Stadion aufgeboten waren, machten genau 17 im Ultra-Block Dienst. So wollte es der Verein. Wenn Marien nun sagt, das alles sei ein gesellschaftliches Problem, der Klub habe alles Erdenkliche für die Sicherheit getan, dann ist das seine ganz eigene Sicht der Dinge.

          So schlimm wie in Rostock sind die Verhältnisse in kaum einer anderen deutschen Fußball-Stadt. Aber überall bemühen sich die Ultras um Einfluss, und an vielen Orten wird er ihnen mehr oder weniger stark eingeräumt. Der Montag in Rostock hat gezeigt: Abgrenzung ist der einzige Weg. Nicht die Ultras müssen unterstützt werden, zu deren Kultur eben nicht nur Choreographien und Fangesänge gehören, sondern auch die Jagd auf gegnerische Fans und Fahnen sowie das Abfackeln von Pyrotechnik. Unterstützt werden müssen die „echten“ Fußball-Fans, die sich allerdings immer noch zu häufig als „Deckungsmasse“, wie es im Polizeideutsch heißt, zur Verfügung stellen. Bei kollektiven Strafmaßnahmen, etwa einem Zuschauerausschluss, sind alle, friedliche Fans und Krawallmacher, betroffen. Würde der DFB in Zukunft darauf verzichten, Kollektivstrafen zu verhängen, dann würde das die Solidarität der Fans mit den Ultras erschüttern.

          Gefährliche Situation auf der Tribüne Bilderstrecke

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