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Bundesliga-Kommentar : Schluss mit der Heuchelei gegenüber RB Leipzig!

  • -Aktualisiert am

Neue Fankultur? Auch zu Spielen von RB Leipzig strömen die Anhänger mittlerweile ins Stadion Bild: dpa

Weil RB Leipzig kein normaler Verein ist, muss der Klub Wut und Neid anderer Anhänger ertragen können. Doch mit dem Einzug des Big Business haben sich die Zeiten im Fußball geändert. Gerechtigkeit ist nur auf einem Weg möglich.

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          RB Leipzig ist kein normaler Bundesligaverein. Der Klub wurde nicht in erster Linie ins Leben gerufen, um Fußball zu spielen, sondern um eine Werbeplattform für einen Energiedrink zu bieten. Der Standort ergab sich nicht aus dem Wohnort der Gründungsmitglieder, sondern ist nach Marketinggesichtspunkten ausgewählt worden. Zudem wird Rasenballsport Leipzig nicht auf einer basisdemokratischen Grundlage geführt, vielmehr ist lediglich eine ganz kleine Gruppe dem Konzern genehmer Mitglieder stimmberechtigt.

          Dies alles würde die Fans der Traditionsvereine in der Bundesliga nicht weiter stören, wenn Red Bull sein Engagement über die Jahre nicht Hunderte von Millionen Euro wert wäre, wenn ihre Vereine von den Leipzigern nicht schon überflügelt worden wären oder in absehbarerer Zeit überflügelt werden. Red Bull setzt sein Kapital aggressiv ein. Mehr als 50 Millionen Euro investierten die Leipziger als Aufsteiger in diesem Transfersommer.

          Hasserfüllte Pamphlete verurteilen

          Dass diese Tatsachen Neid und Wut bei Fußballfans wecken können, ist nachvollziehbar. Und solange sich diese Emotionen auf Bannern äußern mit Aufschriften wie „Für manche ist Fußball eine Investition, für uns ist er das Leben“, dann ist das in Ordnung. Aber Sitzblockaden gegen den Leipziger Mannschaftsbus wie am Sonntag in Köln, die einen verspäteten Anpfiff zur Folge hatten, oder hasserfüllte Pamphlete so wie mehr oder minder gewalttätige Aktionen müssen noch viel schärfer verurteilt werden als bisher. Denn RB Leipzig hat sich die Teilnahme an der Bundesliga nicht erschlichen, erkauft oder ergaunert, sondern alle sportlichen und sportrechtlichen Kriterien dafür erfüllt. DFB und DFL gaben ihr Plazet, weil ihnen ein potenter Bundesligaklub im Osten Deutschlands wichtiger war als der Aufschrei von Fußball-Traditionalisten.

          Der 1. FC Köln rief zwar vor dem Spiel zu Besonnenheit auf, aber insgeheim ist ihm die Verachtung des Retortenklubs durch seine Hardcore-Fans wohl nicht unrecht. Denn ihre Aktionen führen zu einer Stimmung, die den Traditionsklubs in ihrem Verteilungskampf um die Vermarktungsgelder gegen von außen finanzierte Klubs hilft. In dieser Auseinandersetzung haben sich Vereine wie Köln, Bremen und Frankfurt zu einem Team Marktwert zusammengeschlossen, das bei der Verteilung der Fernsehgelder nicht nur den sportlichen Erfolg berücksichtigt sehen will, sondern auch weiche Kriterien wie Einschaltquoten, historische Leistungen und Fan-Potential, um die fehlende sportliche Chancengleichheit im Verhältnis zu Konzern-Klubs ein wenig auszugleichen.

          Aber wie soll ein gerechter Ausgleich aussehen? Gerechtigkeit gäbe es allenfalls, wenn die 50+1-Regel fällt, wenn alle Bundesligaklubs von Investoren übernommen werden dürften. Die Regel war in der Vergangenheit sinnvoll, um gierige Klubs vor windigen Geschäftsleuten zu schützen, die das schnelle Geld versprechen, schnell verschwinden und einen Traditionsverein in Trümmern hinterlassen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Längst ist das Big Business in den Fußball eingezogen, es geht nicht mehr um mittelständische Unternehmer, sondern um große Konzerne, die ihr Geld anlegen wollen. Zudem sind die Fußballfunktionäre professioneller geworden. Ihnen kann und muss zugetraut werden, die richtige Entscheidung für ihren Verein (oder ihre AG) zu fällen. Und wenn sie falsch ist, dann verschwindet eben der Traditionsklub aus der Bundesliga - so wie Offenbach, Wuppertal und Essen verschwunden sind.

          Es ist Zeit, die Heuchelei zu beenden. Falls „50+1“ fällt, dann werden sich die Traditionsklubs auch trauen, Freundschaftsspiele gegen RB Leipzig zu veranstalten und nicht ihren Fans zuliebe darauf zu verzichten.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

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