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Kommentar : Null-Lösung

Im Fokus: der Deutsche Fußball-Bund Bild: dpa/dpaweb

Bei der Suche nach einem neuen Bundestrainer werden vor allem Namenshitlisten abgearbeitet. Gesucht wird der größte populäre Nenner. Inhalte spielen kaum noch eine Rolle.

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          Otto Rehhagel hat eine kluge Entscheidung getroffen. Er hat sich nicht dem Populismus unterworfen, der in Deutschland mit aller Kraft nach "Rehakles" rief und nach dem griechischen Fußball-Wunder eine Heldengeschichte made in Germany erzwingen wollte.

          Der deutsche und europäische Meistermacher, der ebenso wie Ottmar Hitzfeld den Posten des Bundestrainers als verdienten Lohn einer großen Karriere angesehen hat, hielt statt dessen lieber sein Wort, das er den Griechen gegeben hatte. Rehhagel blieb auch bei einem verlockenden Gehalt von angeblich fünf Millionen Euro bis zur Weltmeisterschaft 2006 seinen Europameistern treu. Der Liebe der Griechen kann sich der Essener in den nächsten zwei Jahren (und vermutlich bis zum Lebensende) sicher sein - anders als in seiner Heimat, wenn er sich auf der Schlußetappe seiner Trainerlaufbahn an ein Projekt mit ungewissem Ausgang gewagt hätte. Als Bundestrainer einer schwächlichen Nationalmannschaft in einem von Machtkämpfen geschüttelten Verband sowie einem zur Hysterie neigenden Medienbetrieb hätte sich der "demokratische Diktator" Rehhagel zahlreichen Gefahren ausgesetzt.

          Suche nach dem größten populären Nenner

          Seine Absage, die den Deutschen Fußball-Bund wie ein Schock traf, kann aber für den Verband eine Chance sein, endlich zur Besinnung zu kommen. "Wir hatten uns so sehr auf Rehhagel versteift, daß keine anderen Gedanken Platz hatten", sagte Franz Beckenbauer am Samstag abend in aller Offenheit. Der Chef der sogenannten Trainerfindungskommission bestätigte damit alle Vorbehalte gegenüber dem DFB-Krisenmanagement nach dem Rücktritt Rudi Völlers. Als die Suche noch Chefsache von Mayer-Vorfelder war, konnte es laut Beckenbauer "nur Ottmar Hitzfeld richten". Nach dessen Absage benebelten Rehhagels Triumph von Lissabon und eine Medienkampagne alle weiterführenden Gedanken einer vierköpfigen Findungskommission, die wiederum nur nach dem vermeintlichen größten populären Nenner fahndete.

          Nun müßte endlich nachgeholt werden, was eigentlich am Anfang einer Suche hätte stehen müssen: die Frage, welche Fähigkeiten ein Trainer für eine in Sachen Tempo, Taktik, Technik und allgemeiner Laufleistung hinter die europäische Spitze deutlich zurückgefallene Nationalmannschaft mitbringen muß. Wer jedoch nur Namenshitlisten abhandelt, kann darauf auch nicht kommen. Nach den zahlreichen Absagen scheint es in der unendlichen Trainersuche zudem fast unmöglich, den Fußballfans einen gänzlich neuen Kandidaten als Wunschlösung für die WM 2006 zu vermitteln.

          Die Absage von Rehhagel überdeckt aber zumindest die zweite, nicht weniger geringe Fehlleistung im DFB-Krisenmanagement dieser Tage: die Doppelspitze Mayer-Vorfelder/Zwanziger, die nach wochenlangen Auseinandersetzungen nun von Oktober an den Verband bis nach der WM führen soll. Was als sogenannte Konsenslösung den Mitgliedern eine Satzungsänderung abverlangt, ist nur ein weiterer Beleg für die Unfähigkeit in Deutschland, als notwendig erkannte Reformen entschieden voranzutreiben. Intern mag sich die Machtbalance zwar verändern - das Signal eines Neuanfangs vor der WM im eigenen Land ging im Postenschacher und der Taktiererei jedoch verloren. Das Resultat des Wochenendes könnte kaum niederschmetternder für den DFB ausfallen: zwei Präsidenten, kein Bundestrainer - und nicht ein einziges Problem wirklich gelöst.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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