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Kommentar : Nichts gelernt

Bayern-Gastspiel in Riad: Fußball „für die Menschen in Saudi-Arabien“ - aber nicht für Frauen Bild: AFP

Nach dem Bayern-Spiel in Saudi-Arabien geht es den Herren des Fußballs nur darum, die Diskussion möglichst schnell zu beenden. Die Münchner lassen den „Säbener Sigi“ für sich sprechen.

          Der deutsche Fußball ist in dieser Woche zur Höchstleistung aufgelaufen: allerdings nur in der Spezialdisziplin Ignoranz. Die Spitze der Branche zeigte eindrucksvoll, wie gleichgültig ihr ethische Fragen immer noch sein können – und wie leichtfertig sie eine große Chance ausschlägt. Aus dem Desaster, zu der die hochdotierte Stippvisite des FC Bayern in Saudi-Arabien wurde, hätten der Rekordmeister sowie DFB und DFL in diesen Tagen eine lohnende Debatte für den Sport machen können. Doch anstatt an einem konkreten Fall ernsthaft über die Verantwortung des Fußballs sowie die Grenzen seines Einflusses in sportpolitischen, politischen und ethischen Fragen zu diskutieren, stand den Herren des Fußballs der Sinn allein danach, eine ihnen unliebsame Diskussion auszusitzen – und als das nicht gelang, sie wenigstens so schnell wie möglich zu beenden.

          Entzündet hatten sich die Proteste in Politik, Medien und Öffentlichkeit an zwei eklatanten Missständen in Saudi-Arabien. Zum einen an den bekannten Menschenrechtsverletzungen, die derzeit mit dem Fall des Bloggers Raif Baddawi, der für seine Meinungsäußerungen ausgepeitscht wird, weltweit in den Fokus gerückt sind. Zum anderen aber auch an dem für Sportvereine und Sportverbände zentralen Problem, dass Frauen von Fußballspielen und dem Sport insgesamt in dem reaktionären islamischen Land ausgeschlossen sind. IOC-Präsident Thomas Bach stellte auf dem World Economic Forum in Davos klar, dass eine Olympiabewerbung von Ländern wie Saudi-Arabien deshalb nicht akzeptiert würde. Frauen müsse der freie Zugang und die Teilhabe am Sport gestattet sein. Genau so, wie es das fundamentale Prinzip Nummer sechs in der olympischen Charta festlegt: keine Diskriminierung, welcher Art auch immer.

          Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, räumte nach tagelangem Schweigen in der Erklärung seines Klubs mit Hinweis auf die Auspeitschung ein, dass man Verstöße gegen die Menschenrechte besser „deutlich“ angesprochen hätte. Über die Diskriminierung von Frauen verlor er kein einziges Wort. Auf seiner Homepage hat der Klub nun den ehemaligen DFB-Präsidenten und Bayern-Kritiker Theo Zwanziger („Kommerz schlägt Ethik“) in einer Satire verspottet („Braucht der Dr. einen Doktor?“). Für die Bayern spricht in ethischen Fragen nun also der „Säbener Sigi“. Und der Kolumnist im Namen des FC Bayern missbraucht dabei selbst den Julius-Hirsch-Preis für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit, mit dem der Klub ausgezeichnet wurde, indem er ihn als moralischen Freibrief versteht – und nicht als Verpflichtung.

          In aller Freundschaft: Pep Guardiola (r.) neben Abdulrahman Al Hilal bin Saud

          Auch Reinhard Rauball, der Präsident des Ligaverbandes, war in einem Interview mit „Bild“ gleich wieder forsch in die Offensive gegangen. Bei Rüstungsexporten, sagte Rauball, müsste die Einhaltung von Menschenrechten nicht nachgewiesen werden – vom Fußball werde dies aber verlangt. Der Fußball könne diese Probleme jedoch nicht alleine lösen.

          Kein Interesse an einer Diskussion

          Stimmt. Aber das verlangt auch niemand vom Fußball und dem Sport. Sondern nur, dass die Bayern und die Verbände in einem konkreten Fall wenigstens eine Haltung einnehmen. Doch wer wie Rauball argumentiert, der hat offenbar kein Interesse an einer Diskussion, sondern nur an deren Ende. Aber vielleicht will er auch nur keinen Ärger mit den mächtigen Bayern.

          Wie nötig es allerdings ist, dass sich der Fußball mit diesen Themen befasst, die er in diesen Tagen entschieden meidet – vor allem mit den Frauenrechten, die auch im Sport so oft mit Füßen getreten werden –, machen der „Säbener Sigi“ und Rauball unfreiwillig klar. Als ob es die tagelange Diskussion darüber nie gegeben hätte, sagte selbst der Ligapräsident, dass „die Fans in Saudi-Arabien“ den FC Bayern doch live sehen wollten und sich auf den Besuch eines der besten Teams der Welt gefreut hätten: „Will man das den Menschen in Saudi-Arabien wirklich nehmen?“ Nur zur Erinnerung an die Herrscher des Fußballs: Es ist genau dieses Recht, dass Saudi-Arabien den Frauen verweigert – und zu dem der FC Bayern und die DFL nichts zu sagen haben.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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