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Kommentar : Mutloser Hoeneß, mutlose Bayern

  • -Aktualisiert am

Uli Hoeneß sollte sich vorerst zurückziehen, doch er weicht nicht Bild: REUTERS

Uli Hoeneß sollte seine Ämter ruhen lassen, bis das Gericht entschieden hat. Doch er weicht nicht – sein Beharren hat eine fatale Wirkung auf Ehrenamt und Vereinskultur im deutschen Sport.

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          Uli Hoeneß könnte einem fast Leid tun. Sein Fall schien doch schon fast vergessen. Der Patron des FC Bayern mischte sich nach einer wortkargen Phase wieder ein in den Alltag des Sports, trat, wieder väterlich lächelnd, als größter Fan seines Kindes in den Arenen des großen Sports auf.

          Als sei da nichts gewesen: Sein Spiel mit den Millionen, seine Zockerei mit der Finanzvereinbarung zwischen der Schweiz und Deutschland. Auf beiden Spielfeldern verlor er und musste sich in der Not selbst anzeigen, weil ihm, dem Manager und Unternehmer, doch der Verdacht kam, jahrelang Steuern hinterzogen zu haben.

          Auch dieser Befreiungsschlag war nicht regelgerecht. Denn die Staatsanwaltschaft erhob Anklage, die das Landgericht München II prüfte. Nun hat es das Hauptverfahren eröffnet. Weil Hoeneß‘ Verteidiger den Richter nicht von einer Einstellung überzeugen konnten. Im Gegenteil. Kein Anklagepunkt wurde zurückgenommen. Hoeneß wird von März an der Prozess gemacht.

          Diese Entwicklung muss auf den Bayern-Boss, der im Juli zuversichtlich „von einer guten Lösung“ sprach, wie ein schwerer Punktverlust wirken. Von einer Niederlage kann noch keine Rede sein, denn der Ausgang des Verfahrens ist offen. Aber reicht dieser Hinweis auf die gute Rechtspraxis aus, sich wieder dem Alltag zuzuwenden und Punkte zählend in Bundesliga und Champions League auf das Frühjahr, auf einen Freispruch zu warten?

          Steueraffäre : Hoeneß muss auf die Anklagebank

          Hoeneß wird, wie im April, nach Veröffentlichung von Details, nach der Durchsuchung seines Hauses am Tegernsee einen Rücktritt als Bayern-Präsident und Vorsitzender des Aufsichtsrates bis zu einer durchaus möglichen Verurteilung ausschließen. Ein Mann seines Charakters und seiner Durchsetzungsfähigkeit kann gar nicht anders. Weil Führungspersönlichkeiten dieses Formats jedes Weichen wie das Eingeständnis einer Schwäche erscheint, also wie ein weiteres Geständnis.

          In dieser Gedankenwelt kommt Hoeneß kaum von allein auf die Idee, welche fatale Wirkung sein Beharren auf die Führung des Klubs im deutschen Sport auslöst. Er der bedeutendste und bekannteste Vereins-Präsident in Deutschland. Er müsste wissen, dass sein Verhalten als öffentlicher Moralist und insgeheimer Steuerkünstler als Richtmaß in der deutschen Vereinskultur gilt; für Menschen, die den Job des Präsidenten nicht nur als unbezahlte Tätigkeit verstehen sollten, sondern vor allem als Ehrenamt.

          Gefragter Mann: Uli Hoeneß ist mit den Bayern derzeit zu Besuch in Pilsen
          Gefragter Mann: Uli Hoeneß ist mit den Bayern derzeit zu Besuch in Pilsen : Bild: AFP

          Auf der Mitgliederversammlung des Rekordmeisters am 13. November werden die Bayernfans ihrem Boss, fasziniert vom Glanz der Pokale, applaudieren. Sie werden ihm das Gefühl geben, dass seine Verdienste alles überstrahlen. Auch der Aufsichtsrat mit den führenden Köpfen Dax-notierter Konzerne, allesamt Sponsoren der Bayern, hat sich am Montag entsprechend geäußert.

          Offenbar traut sich niemand aus der Bayernfraktion angesichts der Supersaison, dem Vater dieses Märchens einen klugen Rat zu geben. Am 23. April haben wir an dieser Stelle für einen Rückzug von Hoeneß plädiert. Daran hat sich nichts geändert. Er sollte seine Ämter ruhen lassen, bis das Gericht entschieden hat.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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