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Kommentar zur DFB-Elf-Krise : Der letzte Akt in Löws Trauerspiel?

  • -Aktualisiert am

Joachim Löw ist nicht gewillt, einen anderen Weg einzuschlagen als den, der ihn und seine Mannschaft bei der WM scheitern ließ. Bild: dpa

Die Frage, ob Joachim Löw noch der richtige Bundestrainer ist, ist längst beantwortet – egal, wie das Spiel in Frankreich endet. Man kann nur hoffen, dass der DFB nach der verlorenen WM nun nicht auch noch die zweite Chance auf einen Neuanfang verpasst.

          Die Ära Löw ist vorbei. Die Frage ist nur, wann Schluss ist. Das Spiel an diesem Dienstag gegen Frankreich (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und in der ARD) wird nach der desaströsen 0:3-Niederlage in den Niederlanden nun vielfach als Endspiel um die Zukunft des Bundestrainers bezeichnet und beschrieben. In Wahrheit ist die entscheidende Frage, ob Joachim Löw noch der richtige Trainer für die Nationalmannschaft ist, allerdings schon beantwortet. Ganz unabhängig vom Ausgang der Partie gegen den Weltmeister.

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          Es ist möglich, dass die Weltmeister von gestern in Paris noch einmal ihre allerletzten Kräfte gegen ihre Nachfolger mobilisieren und ein gutes Spiel machen. Es ist möglich, dass die Deutschen befreit aufspielen in einer Partie, in der sie nichts zu verlieren haben. Zudem müssen die französischen Weltmeister auch erst noch ihren frischen Titelgewinn verdauen. In der vergangenen Woche reichte es nur zu einem 2:2 gegen Island. Es ist also möglich, dass Deutschland beim Weltmeister gewinnt. In einem einzigen Spiel ist alles möglich. Aber selbst dann: Am Befund, dass Joachim Löw nicht mehr der richtige Trainer ist, um nach dem umfassenden Scheitern in Russland die Nationalmannschaft noch bis zur Europameisterschaft 2020 oder gar bis zur Weltmeisterschaft 2022 zu führen, ändert das nichts mehr.

          Nach dem kläglichen Aus in Russland gab es zwei Fraktionen im deutschen Fußball. Diejenigen, die einen Rücktritt von Löw schon zu diesem Zeitpunkt für nötig hielten. Und die anderen, die dem Weltmeister-Trainer wegen seiner Verdienste noch eine Chance geben wollten. Nach mehr als drei Monaten und drei Länderspielen steht fest: Joachim Löw ist nicht gewillt, einen anderen Weg einzuschlagen als denjenigen, der ihn und seine Mannschaft in Russland scheitern ließ. Im Gegenteil: Mit seinem Beharren, dass die jungen Spieler noch nicht so weit seien, versperrt er den Weg zur dringend erforderlichen Auffrischung und Erneuerung der Nationalelf noch immer.

          Die Weigerung des Bundestrainers, seinen Weg zu verlassen, hat bittere Folgen: Die Last, die Wende erzwingen zu müssen, drückt immer schwerer und ganz allein auf die Schultern der Helden von gestern. Die zudem mit ihrer Form, ihrem Körper und auch mit ihrer Haltung nach langen Jahren in ihren großartigen Karrieren zu kämpfen haben. Wenn der Bundestrainer nun gegen Frankreich, oder in der Zukunft, tatsächlich junge Spieler wie Sané, Brandt, Draxler oder Tah von Beginn an einsetzen sollte, wäre dies eine Maßnahme gegen seine eigene Überzeugung. So ist Zukunft nicht zu machen.

          Schlimm ist auch etwas anderes: Der Bundestrainer ist auf seiner Solotour nach seinem Scheitern dabei, eine gesamte Mannschaft und eine hinreißende deutsche Fußball-Generation am Ende ihrer Karriere zu verschleißen. Es waren ebenso demütigende wie symbolische Momente, als ein sichtlich gezeichneter Boateng den Holländern mit letzter Kraft nur noch hinterherhumpeln konnte. Und die deutsche Elf zu einer Karikatur ihrer selbst wurde. Dass die großartigen Weltmeister in diesen Tagen und Wochen weiter und ganz allein die Last nach dem Scheitern schultern müssen (oder wollen), die ihnen nach so vielen Jahren und den jüngsten Enttäuschungen erkennbar zu schwer geworden ist, ist ein Trauerspiel, das sie allesamt und auch die deutschen Fans nicht verdient haben.

          Es ist eine Schande. Auch dass Hummels sich so in die Enge getrieben fühlte, wie man das im Interview nach dem Schlusspfiff spüren konnte. Da geht dann auch Respekt verloren. Man kann nur hoffen, dass der deutsche Fußball und sein Verband endlich erkennen, was nach einer verlorenen Weltmeisterschaft auch jetzt noch auf dem Spiel steht. Und die zweite Chance auf einen Neuanfang nicht auch noch verpassen.


          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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