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Kommentar : In dubio pro Uli

  • -Aktualisiert am

Vertrauen ist besser: Uli Hoeneß will die Mitglieder urteilen lassen Bild: AFP

Der FC Bayern München stützt seinen Steuersünder nach allen Möglichkeiten der Kunst: Die Vertrauensfrage ist schon seit Mittwoch beantwortet, falls Hoeneß einigermaßen heil aus dem Prozess herauskommt.

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          Der FC Bayern München ist ein ganz besonderer Verein. Wer den deutschen Fußball-Rekordmeister nur aus der Ferne kennt oder aus den Stadien, für den ist er ein glitzerndes Produkt der Unterhaltungsbranche, bestens organisiert und vermarktet, sportlich erfolgreich. Manche unterstellen dem Verein Kälte und übergroßen Geschäftssinn. Auf den Mitgliederversammlungen werden die Wurzeln sichtbar, aus denen der Klub immer noch Kraft zieht und die ihn unverwechselbar machen. Da treten bayrische Originale in Tracht ans Rednerpult, bringen ihre Gefühle in Versform zum Besten, oder geben gute Ratschläge oder reißen Witze. „Mia san mia“, das Leitmotiv des Klubs, wird hier ausgelebt.

          Bei diesem Selbstverständnis war es keine Überraschung, dass sich der Auftritt von Präsident Uli Hoeneß zu einem Triumphzug entwickelte. Steuervergehen? Anklage? Na und! Mia san mia. Der Uli hat so viel für den Verein getan, das wiegt alles auf, was die anderen da draußen so sagen, das wiegt alles auf, was die anderen da draußen meinen, das wiegt auf, was er getan haben mag.

          Stehende Ovationen für den Sünder

          Moralische Fragen werden da nicht schrecklich tief bedacht. Stehende Ovationen für den Sünder, Hoeneß war zu Tränen gerührt. Vielleicht wäre das Votum nicht so eindeutig ausgefallen, wenn die Kollegen im Präsidium oder im Vorstand der Bayern AG in den vergangenen Monaten einen Millimeter von ihm abgerückt wären. Aber das „Mia san mia“ ist nicht nur der Basis vorbehalten. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sprengte auf der Mitgliederversammlung sogar seine spröde Schale und hielt eine tief emotionale Rede auf seinen Freund.

          Vielleicht hätte Hoeneß in anderen Zeiten einen schwereren Stand gehabt. Dass die Bayern mit dem Triplegewinn und wirtschaftlichen Rekorddaten gerade auf dem Höhepunkt ihrer 113 Jahre alten Vereinsgeschichte angelangt sind, nutzt Hoeneß gewiss auch. Die Erfolge lassen sich mit vielen Zahlen belegen, eine ist die Mitgliederentwicklung. In diesem Herbst sind die Bayern bei 223.985 angelangt. Nur Benfica Lissabon hat angeblich noch ein paar mehr, aber der Trend spricht dafür, dass der FCB im nächsten Jahr zum Überholen ansetzt.

          Bei so vielen Neuankömmlingen werden es die Wurzeln eines Tages schwer haben, noch überall durchzudringen. Solange das aber so ist, wird das Phänomen Hoeneß Bestand haben. Der Präsident kündigte an, nach seinem Prozess die Mitglieder entscheiden zu lassen, ob er noch der geeignete erste Mann sei. Die Vertrauensfrage ist schon seit Mittwoch beantwortet, falls Hoeneß einigermaßen heil aus dem Prozess herauskommt. Sollte er zu einer Haftstrafe verurteilt werden, würde sich allerdings die Frage erübrigen.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

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