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Eintracht-Kommentar : In den Mühlen eines Kontrollsystems

  • -Aktualisiert am

Marco Russ: Ohne die Doping-Kontrollen wüsste er wohl bis heute nicht, was sein Leben bedroht Bild: Reuters

Eintracht Frankfurt empört sich über das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gegen Marco Russ. Dabei geschah alles gemäß den Bestimmungen – zum Wohle des Sports – und des eigenen Spielers.

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          Wer wollte kein Verständnis für die Reaktion von Niko Kovac aufbringen? Gerade hat sein Team im ersten Spiel gegen Nürnberg eine schwache Figur gemacht. Die Aussichten für eine erfolgreiche Relegation der Eintracht sind gesunken. Da kam der Frust hoch. Über die Ruhestörung vor den entscheidenden Spielen, über den Auftritt der Staatsanwaltschaft bei seinem Spieler Russ und – das wohl zuerst - über die damit verbundene Verdächtigung seines Kapitäns, der nicht gedopt hat, sondern offenbar ernsthaft erkrankt ist. Kovac appellierte zum Ende der Pressekonferenz nach dem 1:1 gegen Nürnberg zwischen seinen Zeilen an die Menschlichkeit der Fahnder: War die Zurschaustellung wirklich nötig?

          Nach Kovacs Auftritt verselbständigte sich das geschürte Bild von Doping-Jägern in den Katakomben der Frankfurter Arena. Die Phantasie reichte bis zu Verschwörungstheorien gegen die Eintracht. Die Realität aber ist banaler und wird – erstaunlich genug für den Profibetrieb Fußball – im Kickergewerbe offenbar immer noch nicht angenommen. Denn die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) handelte nicht nach Gutdünken, sondern hatte den internationalen Kodex einzuhalten. Auf den Fall Russ bezogen, hieß das: Nach der ersten positiven Probe am 30. April Gegenproben in anderen Laboren, dann Zielkontrollen, um sichergehen zu können: eine im Training, zwei bei Spielen, die letzte am 14. Mai in Bremen. All das ist Teil des Reglements. Wer also der Nada vorwirft, sie habe drei Wochen ins Land gehen lassen, bevor sie den Spieler informierte, kennt die Bestimmungen nicht.

          Tatsächlich sind wenige Tage vergangen zwischen Abschluss des Untersuchungsprozesses und der Herausgabe der Information an den DFB. Gleichzeitig musste die Nada die Staatsanwaltschaft informieren. So schreibt es das Anti-Doping-Gesetz vor. Und die Beamten hatten gar keine andere Wahl, als sofort „Beweissicherungsmaßnahmen“ einzuleiten. Dazu gehören auch Hausdurchsuchungen. Oder sollte die Staatsanwaltschaft erst mal abwarten? Dann hätte sie ihre Pflicht verletzt. Dass sie von der Nada über die Möglichkeit einer Erkrankung als Ursache für den positiven Test informiert war, befreit sie nicht von der Ermittlung. Genauso wie eilig beschaffte Dokumente der Eintracht nicht reichten. Denn bei allem Respekt vor der professionellen Reaktion des Vereins: Er ist Partei.

          Russ ist in die Mühlen eines Kontrollsystems geraten, das sich über Jahrzehnte gegen die fiesen Tricks von Dopern wappnen musste. Gegen Betrüger, die sich zum Beispiel Tumore attestieren ließen, um der Bestrafung zu entgehen. Deshalb wurden Verfahren entwickelt, die in seinem Fall auf den ersten Blick zwar unverhältnismäßig erscheinen. Aber sie dienen dem Sport. In diesem Fall sogar dem Spieler. Ohne Kontrollen wüsste er wohl bis heute nicht, was sein Leben bedroht.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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