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Kommentar : Das Kreuz mit Klinsmann

Jürgen Klinsmann zu Gast bei Angela Merkel Bild: AP

Wer noch zweifelte, ob es klug von Jürgen Klinsmann war, nach der WM als Bundestrainer aufzuhören, der sollte die Diskussion um die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes verfolgen. Ein Kommentar von Michael Horeni.

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          Wer tatsächlich noch irgendwelche Zweifel hegte, ob es klug von Jürgen Klinsmann war, nach der WM seine Arbeit als Bundestrainer zu beenden, der sollte sich mit der Diskussion um die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande vertraut machen. Am Mittwoch hat Klinsmann 234 Tage nach dem Ende der WM seinen Orden in Berlin abgeholt. Der Bundestrainer a. D. hat die Auszeichnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegengenommen.

          Eigentlich hätte dies Bundespräsident Horst Köhler ja schon im August machen sollen, aber Klinsmann war damals nicht erschienen. Das hat vielen nicht gefallen. Nun ist das Verdienstkreuz also doch dort angekommen, wo es seit Monaten immer hin sollte, aber weil die Verleihung nicht in aller Öffentlichkeit stattgefunden hat, sondern in privaten Rahmen mit der Kanzlerin, melden sich wieder die Alleswisser zu Wort.

          Sportausschuss mit Stammtischkompetenz

          Ganz viele davon sitzen im Sportausschuss des Deutschen Bundestags. „Klinsmann erhält die Ehrung völlig zu Recht. Aber er bekommt sie für seine Tätigkeit als Bundestrainer, und da erwarte ich, dass die Öffentlichkeit daran teilnehmen kann“, sagt Peter Danckert. „Das kann man nicht mal so eben im privaten Rahmen bei einer Tasse Tee vornehmen.“

          Angela und Jürgen: Verdienstkreuz im privaten Rahmen

          Danckert gehört der SPD an und ist Vorsitzender des Sportausschusses, jenes allwissenden Gremiums also, das sich vor einem Jahr für kompetent genug hielt, die WM sportlich per Anordnung zu retten. Sein CDU-Kollege Barthele wollte Klinsmann damals nach dem 1:4 gegen Italien persönlich vor den Ausschuss zitieren und sich und den anderen Abgeordneten erklären lassen, wie der Bundestrainer gedenke, jetzt noch Weltmeister zu werden. Und der SPD-Sportexperte Hemker forderte in Bundestags-Stammtischform: „Die WM steht vor der Tür, da muss langsam mal klar sein, wer spielt.“

          Eigenwillig oder eigenartig?

          Zu Klinsmanns Qualitäten gehören seine Unabhängigkeit und der distanziert-analytische Blick auf das (Fußball-)Leben in Deutschland. Als WM-Projektleiter hat er zwei Jahre lang mit einer Konsequenz, bei der die Grenze zur Sturheit immer wieder verwischte, die Nationalelf und ihre Strukturen modernisiert - gegen alle Widerstände. Der Grat zwischen eigenwilligem und eigenartigem Verhalten war immer schmal in Klinsmanns Karriere. Der Held der Massen von gestern, den sein erster Besuch in Deutschland seit der WM zur Kanzlerin und dem Verdienstkreuz führte, kümmert sich auch jetzt als Unternehmer und Familienmensch in Amerika nicht darum, was Funktionäre, Politiker oder Medien in Deutschland von ihm erwarten.

          In diesem Fall mindestens einen Auftritt für die Kameras - und auch eine Antwort auf die Frage, warum er seinen Orden so lange hat liegenlassen. Desinteresse, Undankbarkeit und fehlende Kinderstube sind auch in diesem Ehrungsfall die öffentlichen Stichworte gegenüber einer sperrigen Führungskraft, die von Konsensverhalten nicht viel wissen will. Klinsmann macht es sich und den Deutschen noch immer nicht leicht. Man kann das auch für eine Qualität halten.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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