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Kommentar : Alter Rudi, neue Rolle

Bayer gewinnt mit Völler zweifellos etwas vom Glanz der großen Fußballwelt zurück. Wie stark jedoch der Sportdirektor den Klub sachlich und fachlich voranbringen wird, ist eine weit spannendere Frage.

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          Der deutsche Fußball hat Rudi Völler wieder. Aber wenn man es genau betrachtet, war der Fußball-Liebling ohnehin nie wirklich weg - selbst wenn er zuletzt mal ein paar Monate ohne Funktion auskommen mußte, nachdem er sich vor über einem halben Jahr erst seiner Aufgabe in der Nationalmannschaft und danach der beim AS Rom entledigte.

          Die ständige Präsenz in den Köpfen und Herzen des Publikums gehört ohnehin zum Grundkapital von Fußballikonen, die anders als gewöhnliche Führungskräfte nicht auf Ämter und Funktionen angewiesen sind. Der neue Titel, unter dem Rudi Völler bei Bayer Leverkusen nun wieder in die Bundesliga zurückkehrt, ist fast ganz der alte - und auch nicht besonders wichtig: "Sportchef" nennt sich der 44 Jahre alte Weltmeister diesmal, nachdem Völler einst als Sportdirektor bei Bayer begann, zwischenzeitlich als Teamchef Karriere machte und sich danach als Trainer versuchte - und nebenbei auch noch WM-Botschafter ist und bleibt.

          Der um zahlreiche Erfahrungen gereifte Völler wird bei seinem zweiten Amtsantritt nach 1996 in Leverkusen ganz der alte sein. Denn grundlegend hat sich seitdem nicht etwa Rudis Welt geändert, sondern nur der Bayer-Kosmos. Nach dem Abschied des barocken Reiner Calmund, mit dem auch die Vereinspolitik mit verschwenderischer Note dahinging, rückte in Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser zwar ein ausgewiesener Finanz- und Sachexperte an die erste Stelle des Bundesligaklubs mit Werksanschluß.

          Kein Fußball-Hofstaat wie zu Zeiten Calmunds I.

          Effizienz und Transparenz sind daher beim immer noch ambitionierten Champions-League-Teilnehmer keine Fremdworte mehr, aber gleichzeitig verschwand die letzte populäre Führungsfigur von Gewicht. Der Bayer AG kam die Personalie Völler daher wie gerufen, um dem Klub wieder ein populäres Gesicht zu verschaffen. "Er wird die wichtigste Person im Verein", sagte deshalb auch Holzhäuser mit strategischem Blick über ein vor allem öffentlichkeitswirksames Engagement.

          Bayer gewinnt mit Völler, der unlängst bei einer Umfrage nach den beliebtesten Deutschen auf Rang vier landete, zweifellos etwas vom Glanz der großen Fußballwelt zurück. Wie stark jedoch der Sportdirektor den Klub sachlich und fachlich voranbringen wird, ist eine weit spannendere Frage. Das Geld sitzt in Zeiten der Konsolidierung längst nicht mehr so locker wie ehedem, was auch andere Qualitäten eines Sportchefs nötig machen wird, als mit Sympathiebonus und ausgezeichneten Kontakten durch die Fußballwelt zu schlendern.

          Ob der deutsche Fußball-Liebling als Sportchef in Leverkusen tatsächlich seine Lieblingsrolle im Fußballgeschäft gefunden hat, wird sich spätestens zeigen, wenn 2007 die Vertragsverlängerung ansteht. Denn Bayer, das keinen Fußball-Hofstaat wie zu Zeiten Calmunds I. mehr unterhält, wird nunmehr die Arbeitskraft des großen Lieblings auch nach Effektivität bewerten.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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