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1. FC Köln : Zukunft ganz ohne Visionäre

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Jetzt beim Effzeh: Für Markus Gisdol ist Köln eine große Chance. Bild: dpa

Der 1. FC Köln hat sich neu aufgestellt. Sportdirektor Horst Heldt und Trainer Markus Gisdol gehörten beide zuletzt nicht zu den gefragtesten Fachleuten des Geschäfts, müssen aber liefern.

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          Irgendwann wurde die Stimme von Horst Heldt dünn, als er nach vielen Jahren in der großen weiten Bundesligawelt wieder dort angekommen war, wo sein Herz hingehört – am Geißbockheim. Am Dienstagmittag wurde der frühere Mittelfeldspieler als Geschäftsführer Sport des 1. FC Köln vorgestellt und berichtete, wie er schon als Kind auf dem Schoß der Klubikone Bernd Cullmann gesessen hatte.

          Er erwähnte längst verblasste Erinnerungen an große Momente der lokalen Fußballhistorie, die er „live miterlebt“ hat und erklärte: „Es war immer mein Traum, in meinem Leben noch mal für meinen Klub arbeiten zu können.“ Jener Kreis der FC-Anhänger, die für diese Sorte Sentimentalität empfänglich sind, müssen gerührt gewesen sein nach dieser Veranstaltung, an deren Ende der rheinische Traditionsverein sich irgendwie neu erfunden hatte.

          Heldt übernimmt die sportliche Leitung auf der Geschäftsführerebene, und mit Markus Gisdol wurde gleich auch noch ein neuer Trainer vorgestellt. „Die Situation erfüllt uns mit einer Freude“, sagte der erst seit gut zwei Monaten amtierende Präsident Werner Wolf. Es war eine Präsentation, die im krassen Kontrast zu der Stimmungslage stand, die während der vergangenen Tage im Umfeld des Klubs herrschte. Da war von „Chaos“ (Die Welt) die Rede, es kursierten Geschichten über Trainerkandidaten, die sich diesen verrückten Effzeh lieber „nicht antun“ (Kicker) wollen, der Klub sei „unregierbar“ (Sport-Bild), hieß es, doch Wolf erklärte: „Ein Chaos habe ich zu keiner Zeit wahrgenommen.“

          Wieder daheim: Horst Heldt (links) kehrt zu dem Klub zurück, wo er einst Fußball-Profi war.

          Die Klubführung hat eben einfach Möglichkeiten eruiert, die sich nicht alle realisieren ließen und dabei auch Headhunter eingesetzt, was in der freien Wirtschaft bei der Suche nach hochrangigen Führungskräften längst üblich ist. In der Fußballbranche fühlen sich immer noch viele Kandidaten bei solch einem Vorgehen vor den Kopf gestoßen. Und nach außen wirken Leute, die derart von den üblichen Vorgehensweisen abweichen schnell seltsam, zumal das Vertrauen der Menschen in diesen Verein grundsätzlich beschädigt ist. Zu oft haben sie erlebt, dass der 1. FC Köln trotz Personalrochaden auf Trainer- und Geschäftsführungspositionen immer tiefer stürzte; das macht die Aufgabe für Heldt und Gisdol sicher nicht einfacher. Allerdings gehörten beide zuletzt auch nicht zu den gefragtesten Fachleuten des Geschäfts, und so betrachten beide das Kölner Projekt als große Chance.

          Experte in Sachen Klassenverbleib

          Gisdol schaffte mit 1899 Hoffenheim und dem Hamburger SV jeweils in prekären Situationen den Klassenverbleib, das ist ein starkes Argument für den 50 Jahre alten Fußball-Lehrer. Offenbar hätte der sogenannte gemeinsame Ausschuss, das mächtigste Gremium im Klub, aber lieber eine Lösung mit weniger Risikopotential gewählt. Dem Vernehmen nach wurden zunächst Bruno Labbadia und Pal Dardai kontaktiert, zwei Trainer, deren Priorität im Abstiegskampf auf der Arbeit an defensiver Stabilität liegt. Gisdol lässt hingegen einen Fußball spielen, der ein sehr mutiges Pressing und eine gewisse Risikobereitschaft enthält. Allerdings hat er sich in den gut eineinhalb Jahren seit seiner Entlassung vom Hamburger SV weitergebildet, viel mit Analysten unterhalten, Gisdol sei nun „ein Trainer, der in der Lage ist, vielseitig zu agieren“, verkündete Heldt.

          Mindestens ebenso spannend wie die Frage nach dem Spielstil ist aber Gisdols Wirkung auf die angespannte Stimmung im Kader. Immer wieder war in Hoffenheim und Hamburg zu hören, dass dieser Trainer nicht empathisch genug mit den oftmals sehr sensiblen Profis umgegangen sei, auch der Kölner Kultspieler Anthony Modeste hat womöglich schon solche Erfahrungen mit seinem neuen Chef gemacht. In Hoffenheim ging der Franzose schon einmal unter Gisdol auf Torejagd, fühlte sich aber nie wirklich wohl. Erst nach seinem Wechsel zum FC wurde er zu einem der besten Stürmer der Bundesliga.

          „Die Konkurrenzsituation war eine andere“, erklärte Gisdol nun, er habe „ein anständiges Verhältnis“ zu Modeste, der zwar völlig außer Form ist, aber eine wichtige Rolle in der sozialen Statik der Mannschaft spielt. Es wird spannend, wie sich der Topstar nach dem Trainerwechsel entwickeln wird. Doch erstmal ist wieder ein wenig Ruhe, selbst eine Niederlage in Leipzig am kommenden Samstag würde niemanden mehr in Aufruhr versetzen, doch dann müssen der neue Trainer und seine Mannschaft liefern. Denn bei der Kaderzusammenstellung hat der Verein sich mit einer zweistelligen Millionensumme verschuldet, was das Abstiegsszenario äußerst bedrohlich macht. Allerdings hat Heldts Vorgänger Veh mit dem Geld eine Mannschaft zusammengestellt, „mit der man selbstverständlich die Klasse halten kann“, sagte Heldt, die Erwartungen an den Trainer sind klar.

          Die sportliche Zukunft des Klubs liegt damit in den Händen von zwei Männern, die sicher nicht ganz der Idealvorstellung des Präsidiums entsprechen. Zuletzt war immer wieder der Wunsch nach Visionären mit Blick für die modernsten Entwicklungen des globalen Fußballs zu hören gewesen, um den Entwicklungen nicht immer hinterher zu hecheln. Dass sowohl Gisdol als auch Heldt Verträge bekommen habe, die nur bis 2021 laufen, zeigt, dass der Klub weiterhin mit der Option liebäugelt, diesen Vorsatz eventuell mit anderen Leuten zu realisieren.

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