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Spielertransfer-Finanzierung : Angriff auf die Fifa

Die dubiosen Geschäfte um Neymar sind ein Negativbeispiel Bild: Imago

Der Fußball-Weltverband überrascht die Vereine mit einem Verbot. Transfers dürfen nicht mehr durch Investoren finanziert werden. Das bringt viele Klubs in Existenzprobleme. Nun folgt nach F.A.Z.-Informationen der Angriff auf die Fifa.

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          Die Diskussion in der Fußballbranche um die Teilhabe von Investoren an Spielertransfers hat an Schärfe gewonnen. Wie eine Sprecherin der EU-Wettbewerbskommissarin Margarethe Vestager der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Freitag bestätigte, ist bei der Europäischen Kommission eine Beschwerde gegen den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) eingegangen. Zu den Beschwerdeführern wurde zwar nichts gesagt, doch stehen wohl die spanische und die portugiesische Liga hinter dem juristischen Verfahren.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ihre Vereine gehören neben den Klubs in Südamerika zu den besonders Betroffenen des Verbots, das die Fifa etwas überraschend mit Beginn dieses Jahres weltweit verfügt hatte. Der Verband platzte damit mitten in die Transferperiode. Danach dürfen sich Vereine nicht mehr den Erwerb von Spielern durch Geldgeber finanzieren lassen oder die Erlösrechte aus Transfers anderweitig wirtschaftlich verwerten. Nur bestehende Verträge bleiben durch eine Übergangsregelung ausgenommen.

          Die Entscheidung kann den Spielermarkt tiefgreifend verändern und zugleich eine Menge Vereine in Existenzprobleme bringen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) fordert von der Fifa weitere Aufklärung in der „komplexen Thematik“ und hat die Organisation angeschrieben, wie DFL-Chef Christian Seifert bestätigte. Experten wie der Düsseldorfer Jurist Frank Bahners halten das von der Fifa angestrebte vollständige Verbot für „europarechtswidrig“ und führen insbesondere die Kapitalverkehrsfreiheit, aber auch das EU-Kartellrecht an.

          Bahners, der die Problematik mit einem Kollegen dezidiert geprüft hat, kritisiert, dass die wirtschaftliche Schere zwischen den Vereinen dadurch immer weiter auseinandergeht. „Gerade finanziell schwächer gestellte Klubs werden durch das Verbot benachteiligt, weil ihnen der Zugang zu dieser Art des Fremdkapitals jetzt verwehrt wird“, sagt Bahners.

          Traumrenditen von bis zu 2000 Prozent

          Auch in der Bundesliga gibt es viele Klubs, die auf diese Weise in den vergangenen Jahren Spieler unter Vertrag genommen haben. Das Geschäft läuft üblicherweise so: Der Investor finanziert den Transfer zu einem gewissen Teil mit und wird im Gegenzug vom Verein in der gleichen Höhe an der Ablösesumme beim Weiterverkauf beteiligt. Wenn der Wert des Spielers in dieser Zeit besonders gestiegen ist, können auch mal irrational anmutende Traumrenditen von 500, 1000 oder 2000 Prozent erzielt werden.

          Auf der anderen Seite kann es für den Investor aber auch ganz schnell zum Totalverlust kommen, wenn der Spieler zum Beispiel durch eine Verletzung stark an Wert verliert. In Deutschland bietet das Hanseatische Fußball Kontor auch privaten Kleininvestoren eine Teilhabe an diesem Geschäft. Das Gesamtportfolio des Angebots liegt bei etwa 100 Spielern, meist unbekannte, junge Profis. Je nach Laufzeit des Nachrangdarlehns gibt es für den Anleger fest vereinbarte Zinsen ab acht Prozent pro Jahr.

          Milliardär Klaus-Michael Kühne half dem Hamburger SV bei Spielerverpflichtungen

          Bekanntester Investor aus der Bundesliga ist der Milliardär Klaus-Michael Kühne. Mittlerweile Mitgesellschafter beim Hamburger SV, hatte der Logistik-Mogul vor einigen Jahren seinem Lieblingsverein die Verpflichtung von Spielern wie Dennis Aogo, Marcell Jansen und Paolo Guerrero ermöglicht. In dieser Saison holte der HSV den brasilianischen Verteidiger Cléber, der ebenso von Investoren wie eine Aktie gehandelt wird.

          In anderen Fußballländern ist diese Art der Finanzierung an der Tagesordnung. Die portugiesischen Spitzenklubs sichern sich so den Nachschub von starken Talenten vornehmlich aus Brasilien und sehen hier – abgeschnitten von den großen TV-Geldtöpfen – die einzige Chance, in Europa einigermaßen mitzuhalten. Der FC Porto hätte 2004 mit dem Trainer Mourinho wohl nie die Champions League gewinnen können, wenn damals nicht vielversprechende Profis wie Deco von Investoren mitfinanziert worden wären.

          Dubioses Transfergeschäft um Neymar

          Die Fifa und der Europäische Fußball-Verband (Uefa) aber wollen diese Praxis in Zukunft aus verschiedenen Gründen verhindern. Auch die internationale Spielergewerkschaft Fifpro ist hier mit im Boot. Alle führen die Befürchtung an, dass die Investoren in gesteigertem Maß Einfluss auf die Vereine nehmen könnten, über Transfers bestimmen, Spieler unter Druck setzen, ihre berufliche Entwicklungsfreiheit begrenzen und damit der gesamten Integrität des Wettbewerbs schaden könnten.

          Das Ziel sei letztlich für die renditegetriebenen Geldgeber immer, die Spieler von einem Verein zum anderen zu vermakeln. „Das spricht gegen das Prinzip der Vertragstreue“, sagt DFL-Chef Seifert, der dennoch zu einer differenzierten Betrachtung rät.

          Investoren halfen Porto einst beim Kauf von Deco, der den Klub dann zum Champions-League-Sieg führte

          Als Negativbeispiel wird von den Verbänden gerne das dubiose Transfergeschäft um den brasilianischen Superstar Neymar genannt, dessen undurchsichtige Investorenstruktur beim Wechsel zum FC Barcelona seit einiger Zeit die spanische Staatsanwaltschaft beschäftigt. Es geht um den Verdacht der Steuerhinterziehung. Fifa und Uefa sprechen von der sogenannten „Third Party Ownership“, die sie verbieten wollen. Der Begriff ist allerdings irreführend, weil der Spieler dem Investor keinesfalls gehört. Hundert Prozent der Transferrechte liegen bei dem Verein, an den der Spieler gerade vertraglich gebunden ist.

          Nur Klub und der Profi selbst können über einen Wechsel bestimmen. Der Investor erwirbt einen Anteil an einem eventuell anfallenden Transfererlös, es findet in diesem Verhältnis lediglich eine Forderungsabtretung statt. Der Sportbusiness-Experte und Jurist Jochen Lösch spricht von einem „ganz normalen“ Kreditgeschäft. „Die Fifa ist ein eingetragener Verein. Sehr mächtig zwar, aber rein rechtlich betrachtet auf einer Stufe mit dem Kaninchenzüchterverein Wanne-Eickel. Wie sich Vereine finanzieren, ist mit Sicherheit nicht innere Angelegenheit der Fifa. Die neue Regel ist unwirksam“, sagt Lösch.

          Der Deutsch-Uruguayer gehört zur Geschäftsführung von Traffic Sports, einem globalen Sportvermarkter mit Hauptsitz in São Paulo. Das Unternehmen hat massive Interessen in diesem speziellen Transfergeschäft und in der Vergangenheit millionenschwere Investorenfonds aufgelegt. In der brasilianischen Liga sind 90 Prozent der Profis so finanziert. Beim Klub Fluminense ist eine große Krankenversicherung Investor bei fast allen Spielerverpflichtungen.

          Lösch kennt die Kritik, aber nennt Leute wie den Präsidenten von Sporting Lissabon, Bruno de Carvalho, „Heuchler“, die dem Fußball mehr schaden würden als alle Investoren zusammen. Carvalho hatte die Geldgeber für das Transfergeschäft mit dem argentinischen Nationalspieler Marcos Rojo als „Manipulateure“ bezeichnet und wollte ihnen nach der WM nicht den vertraglich verabredeten Anteil am lukrativen Weiterverkauf zu Manchester United auszahlen.

          Investoren suchen Umgehung des Fifa-Verbots

          „Man stelle sich vor, der Spieler Rojo wäre im Sommer wertlos gewesen, weil ständig verletzt oder einfach schlecht. Was übrigens für die meisten Spieler gilt, an deren Transfererlösen Investoren Anteile erwerben. Hätte Sporting dann dem Investor das Geld aus dem eigenen Anteil am einstigen Transfer zurückgeben?“, fragt Lösch.

          Die Fußballinvestoren suchen schon nach einer Umgehung des Fifa-Verbotes. Wo es geht, beteiligen sie sich jetzt direkt an Vereinen, das erleichtert die Kontrolle über die Transfers. So gehört Traffic in Europa der portugiesische Erstligaklub Estoril Praia. Das Verbot der Fifa zielt an dieser Verlagerung vorbei.

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