https://www.faz.net/-gtl-yh5g

Kevin Boateng : Der Prince im Glück

  • -Aktualisiert am

Gut aufgenommen: Boateng fühlt sich wohl im Milan-Team mit Ibrahimovic Bild: AP

Kevin Prince Boateng ist beim AC Mailand erstaunlich gut angekommen. Der Deutsch-Ghanaer wird vor dem Champions-League-Spiel gegen Real Madrid (20.45 Uhr) schon als Nachfolger Gattusos gehandelt. Sein Foul an Michael Ballack spielt in Italien keine Rolle.

          3 Min.

          Der erste Auftritt von Kevin Prince Boateng am Trainingsgelände Milanello ist zwar erst rund zwei Monate her, er mutet allerdings an wie aus einer fernen Epoche. Damals kümmerte der AC Mailand mit seinen in die Jahre gekommenen Stars vor sich hin. Immer wieder hatte es Gerüchte gegeben, der Eigentümer, der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, wolle sich von seinem Lieblingsspielzeug trennen. Seit zwei Jahren quittierten die Tifosi das Desinteresse des Patrons mit Beschimpfungen und Rauchbomben zum Trainingsauftakt.

          Obwohl der 23 Jahre alte Boateng bei der WM im Trikot Ghanas auf sich aufmerksam gemacht hatte, waren die Milan-Fans nicht begeistert, als seine Verpflichtung für die neue Spielzeit bekanntgegeben wurde. Der Deal ist als kostengünstiges, auf ein Jahr beschränktes Leihgeschäft mit dem CFC Genua angelegt, der Boateng im Sommer für 6,5 Millionen Euro vom FC Portsmouth erworben hatte. In schwierigen Zeiten wie diesen, so lautete die Interpretation, ist eben nicht mehr drin. Nicht für Berlusconi, der immer auch einen Blick auf die Befindlichkeiten des Wahlvolks hat, und auch nicht für den AC Mailand.

          Als der Ministerpräsident dann Ende August in eine innenpolitische Krise geriet und seither Neuwahlen in Italien wahrscheinlich sind, wurde der Fußballverein mit seinen Millionen Anhängern auf einmal wieder nützlich. Es ist in Italien ein offenes Geheimnis, dass die Millionentransfers von Zlatan Ibrahimovic (vom FC Barcelona) und Robinho (von Manchester City) dem Patron auch politischen Gewinn bringen sollen. Die Milan-Fans jubelten Berlusconi nach den Millioneneinkäufen plötzlich wieder zu, und das Fußballmärchen um Boateng schien zu Ende zu sein, bevor es überhaupt richtig losgegangen war. Wie sollte der junge Mittelfeldspieler in diesem Starensemble überhaupt zum Einsatz kommen?

          Der neue Gattuso: Boateng steht hoch im Kurs

          Prinz des Milan-Mittelfelds

          Eine der großen Überraschungen zu Saisonbeginn der Serie A hat die gewöhnlich zurückhaltende Turiner Zeitung „La Stampa“ so beschrieben: „Nach wenigen Spielen ist Boateng bereits zum Prinzen des Milan-Mittelfelds avanciert und hat die Tifosi mit seinem Repertoire begeistert: Laufbereitschaft, Intensität und Vorlagen.“ Das Vergnügen beruht anscheinend auf Gegenseitigkeit. Nach einem seiner ersten Einsätze sagte Boateng: „Es war ein unglaubliches Gefühl. Ein ganzes Stadion, das meinen Namen ruft, habe ich noch nie erlebt. Ich bin glücklich wie ein Kind.“

          Im Champions-League-Spiel an diesem Dienstag bei Real Madrid (20.45 Uhr/ FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) soll sich das Glücksgefühl wiederholen. „Ich kann auf allen Positionen im Mittelfeld spielen, rechts und links. Das hilft mir, Einsätze zu bekommen“, sagt Boateng, den die Milan-Tifosi nur „Boa“ nennen. Beim 3:1-Sieg am Wochenende gegen Chievo Verona wurde er zwar erst am Ende der Partie für Clarence Seedorf eingewechselt. Sofort nahm Milan jedoch das Heft gegen die drängenden Veroneser wieder in die Hand.

          Nachfolger Gattusos?

          Die Konkurrenz ist groß. Trainer Massimiliano Allegri setzte den gebürtigen Berliner jedoch in den meisten Partien ein, oft sogar von Anfang an. „Mit ihm ist unser Mittelfeld komplett“, sagt der Trainer. Kurz nach Boatengs Ankunft in Mailand erschien er bereits auf der Titelseite der „Gazzetta dello Sport“, auf einem Trümmerhaufen sitzend mit Vorschlaghammer und blauem Arbeiterhelm. Ein martialisches Bild, das vor allem die Sehnsüchte derer befriedigen sollte, die einen würdigen Nachfolger des 32 Jahre alten Mittelfeldarbeiters Gennaro Gattuso herbeisehnen. „Vielleicht hat er schon jetzt Gattuso in den Herzen der Tifosi ersetzt“, mutmaßte „La Repubblica“. „Die Kurve hat der Ghanaer jedenfalls erobert.“

          Boatengs muskulöser und von Tätowierungen bedeckter Körper, sein beim Laufen nach vorne gebeugter Rumpf und seine breitbeinigen Sprints erinnern eher an einen Fußball-Grobmotoriker. Überzeugt hat er bisher aber auch mit feiner Technik, etwa beim 2:0 gegen AJ Auxerre. Ronaldinho flankte von links, Boateng verlängerte feinfühlig mit dem Kopf, Ibrahimovic schob ein.

          In einem Team mit Ronaldinho

          Zugute kommt Boateng, dass sein Foul im Mai, das Michael Ballack die Teilnahme an der WM kostete (siehe: Kevin-Prince Boateng: Die Karriere des Getto-Kids ), in Italien kaum der Rede wert ist - zumindest solange es sportlich so optimal läuft wie bisher. Milan hat nur zwei Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Lazio Rom. „Ich bin eine neue Person und habe aus meinen Fehlern gelernt“, sagt Boateng.

          Im Verein lobt man ihn in höchsten Tönen. „Ein phänomenaler Einkauf“, sagt Milan-Geschäftsführer Adriano Galliani. Trainer Allegri nannte ihn bescheiden einen „ausgezeichneten Spieler“. Und Boateng sagt noch bescheidener: „Für mich ist es eine große Ehre, mit Stars wie Ronaldinho und Ibrahimovic zusammen zu spielen. Das macht einfach Riesenspaß.

          Weitere Themen

          Werner lässt RB vom Viertelfinale träumen

          Champions League : Werner lässt RB vom Viertelfinale träumen

          RB Leipzig ist dem Viertelfinale der Champions League nahe. Das Team von Trainer Julian Nagelsmann spielt bei den Tottenham Hotspur von der ersten Minute an stark auf, gewinnt und verpasst es allein, ein zweites Auswärtstor zu schießen.

          Topmeldungen

          Mit seinem Elfmetertreffer stößt Timo Werner die Tür für Leipzig zum Viertelfinale weit auf.

          Champions League : Werner lässt RB vom Viertelfinale träumen

          RB Leipzig ist dem Viertelfinale der Champions League nahe. Das Team von Trainer Julian Nagelsmann spielt bei den Tottenham Hotspur von der ersten Minute an stark auf, gewinnt und verpasst es allein, ein zweites Auswärtstor zu schießen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.