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Ostdeutsche Fußballprofis : Nur sechs Prozent

  • -Aktualisiert am

Nach ihm kam nicht mehr viel: Michael Ballack, der Superstar aus Görlitz Bild: dapd

Toni Kroos ist Teil der Weltmeister-Mannschaft. Und der einzige Ostdeutsche unter ihnen. Insgesamt sind die Ostdeutschen im Profi-Fußball unterrepräsentiert. Woran liegt das?

          „Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland dazu. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Es tut mir leid für den Rest der Welt.“ So sprach der damalige Teamchef Franz Beckenbauer im Überschwang der Gefühle nach dem Triumph bei der Fußball-WM 1990. Es kam dann zwar doch etwas anders.

          Dennoch profitierte die gesamtdeutsche Elf lange Zeit vom Talent aus dem Osten. Matthias Sammer war ein entscheidender Spieler beim EM-Gewinn 1996, dann wurde Michael Ballack zur bestimmenden Figur. Dem WM-Kader von 2002 gehörten noch sieben Profis an, die aus der ehemaligen DDR stammen. Beim WM-Sieg in diesem Sommer war Toni Kroos der einzige deutsche Nationalspieler mit Wurzeln in den neuen Bundesländern. Ein Schwund, der sich auch in der Bundesliga zeigt. Woran liegt das?

          Nur 17 von 274 Profis mit deutschem Pass in der höchsten Spielklasse stammen derzeit aus dem Osten der Republik. Vier Torhüter, fünf Abwehrspieler, vier im Mittelfeld und zwei Stürmer. Die neuen Bundesländer sind damit stark unterrepräsentiert – mit nur sechs Prozent. Zum Vergleich: Der Bevölkerungsanteil ist dreimal so hoch. Vereine wie der 1. FC Köln, Leverkusen, Hoffenheim, der VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt und die Berliner Hertha kommen 25 Jahre nach dem Mauerfall ganz ohne „Ossis“ aus.

          Wer ist Schuld an der schwachen Quote?

          Dabei gibt es Nachwuchsleistungszentren hüben wie drüben. Manche sind vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit Sternen und der Schmuckplakette „Eliteschule des Fußballs“ versehen. Sie stehen in Hamburg, Bielefeld und Bremen ebenso wie in Erfurt, Jena oder Dresden. Neun sind es im Osten, 26 im Westen. Auch die Expertise der Übungsleiter steht nicht zur Diskussion. „Die Lizenzen sind ja die gleichen wie drüben“, sagt Stefan Brandenburger, der Chefscout für den Nachwuchs des VfL Wolfsburg.

          Der Mann sollte es wissen: Neben Werder Bremen stellt sein Klub mit drei Ost-Talenten die meisten der Liga. Er glaubt, dass vor allem Strukturschwächen an der schlechten Quote schuld sind.

          Denn die Talentförderung in jungen Jahren hat viel mit den finanziellen Möglichkeiten an den Fußball-Standorten zu tun. Und um das Geld stehe es in den neuen Bundesländern selten gut, sagt der 52-Jährige. Talente seien im Osten zwar genauso vorhanden, sie könnten sich aber weit weniger gut entfalten.

          Profis aus dem Osten haben Defizite

          Es mangelt an hauptamtlichen Trainern bei den Kleinsten, bei den größeren an Athletiktrainern und Physiotherapeuten. Aber auch schlichtweg an Infrastruktur: „Bei einem Großen Klub muss ich im Nachwuchs nicht drüber nachdenken, ob der Platz im Winter schneebedeckt ist. Ich kann ja die Rasenheizung anmachen“, sagt Brandenburger. „Kleinere Vereine weichen dann in die Halle aus oder lassen das Training gleich bleiben.“

          Im Quervergleich der Altersklassen sind West-Teams auf einem höheren Leistungslevel. „Logisch“, sagt der Wolfsburger Nachwuchschef: Da wo sich hochklassige Vereine nur so tummeln, entsteht ein ganz anderer Wettbewerb, als wenn – wie im Osten – die größten Klubs drittklassig spielen und über hundert Kilometer voneinander entfernt sind.

          So entwickelten sich Talente im Westen schneller und weiter, als es die Gleichaltrigen im Osten könnten. „Wir merken das, wenn wir in der B-Jugend Spieler zur Probe da haben. Die sind das Spiel- und Trainingstempo nicht gewohnt“, sagt Brandenburger, „und so was holst du in ein, zwei Jahren bis zum Profibereich in der Regel auch nicht mehr auf.“

          Leipzig könnte ein Modell für den Osten werden

          Wer aus dem Osten Profi werden will, müsste demnach schon von den Bambinis aus der Heimat in eine der großen Talentschmieden im Westen wechseln. Doch die meisten Vereine wollen Jugendspieler nicht zu früh aus dem gewohnten Umfeld von Freunden und Verwandten losreißen. „Wir wollen keine Familien ersetzen“, sagt Brandenburger. Wenn 500 Kilometer zwischen Verein und Elternhaus lägen, sei es im Terminmanagement allerdings schwierig, irgendwo zwischen Training, Liga, Lehrgängen und sonstigen Turnieren noch Zeit für die Heimreise zu finden.

          Dass andere Klubs im Osten nicht so häufig fündig werden oder vielleicht werden wollen, kann Brandenburger gut nachvollziehen. Nach der Wende gab es zwar vereinzelt Versuche gezielten Nachwuchsaustauschs zwischen Ost- und Westvereinen, wie sie etwa Werder Bremen und der FC Carl Zeiss Jena unterhielten. Die hätten sich mit der Zeit aber aufgelöst, weil die Bundesligavereine aus dem vermeintlich gut investierten Geld wenig Profit schlagen konnten, heißt es: Geschafft hat aus dieser Verbindung keiner den Sprung in die Bundesliga.

          Den Ausweg aus der Quotenmisere bietet womöglich ausgerechnet das umstrittene Projekt von RB Leipzig. Der Klub steht an der Schwelle zur ersten Liga, wird vom Brause-Konzern Red Bull getragen. Das gilt auch für die Investition in Nachwuchsstrukturen. Die Leipziger könnten zum Zugpferd werden: Zurzeit entsteht im Norden der Stadt mit dem Geld des Unternehmens ein Gebäudekomplex für 35 Millionen Euro und mit ihm die Chance, Talente aus der Region von klein auf bis zur Spitze zu fördern.

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