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Karlsruher Abstieg : Eine gespaltene Stadt

  • -Aktualisiert am

Belagerungszustand: die Geschäftsstelle des Vereins am Abend des Abstiegs Bild: dpa

Höchste Ansprüche - harte Landung in der dritten Fußballklasse: Der Traditionsverein Karlsruher SC wird Opfer seiner getrübten Selbsteinschätzung.

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          75 Verletzte, darunter 18 Polizisten, ein Mob aus mehreren hundert Anhängern, der die Geschäftsstelle belagert, wütende Beschimpfungen gegenüber den eigenen Spielern - in Fußball-Karlsruhe ist nach dem Abstieg in die dritte Liga nichts mehr, wie es einmal war. Spätestens nach diesem Abend dürften überkommene Träumereien von „Euro-Eddy“ Edgar Schmitt und dem historischen 7:0-Sieg über den FC Valencia in der Uefa-Cup-Saison 1993/94, die über lange Zeit Grundlage eigener Ansprüche gewesen waren, der Vergangenheit angehören.

          Die Realität am 14. Mai 2012 führte Verantwortlichen, Spielern und Fans des Traditionsvereins auf bittere Art und Weise eine über Jahre getrübte Selbsteinschätzung vor Augen: Sportdirektor Oliver Kreuzer rang nach dem 2:2 gegen Jahn Regensburg (Hinspiel 1:1) und dem besiegelten Abstieg aus der zweiten Liga mit den Tränen; Routinier Alexander Iashvili war „einfach nur fassungslos“; Präsident Ingo Wellenreuther, ein Politiker, revidierte umgehend seinen Fünf-Jahres-Plan, der den KSC zurück in die Bundesliga führen sollte.

          Die Rechnung, einer verkorksten Saison durch Siege in der Relegation gegen den Dritten der dritten Liga zu einem glücklichen Ende zu verhelfen, ging nicht auf. Die Karlsruher mussten sich am späten Montagabend Fragen stellen, die sie nicht beantworten konnten: Wie konnte es soweit kommen? Kreuzer sprach sichtlich gezeichnet von den furiosen neunzig Minuten gegen den mutig aufspielenden Außenseiter Regensburg leise, machte immer wieder kurze Pausen. Zu viele Fehler waren im Relegationsrückspiel gemacht worden, zu viele Fehlentscheidungen im Saisonverlauf getroffen worden, als dass er einfach drauf los reden mochte.

          Tristesse auf dem Platz: der KSC am Boden Bilderstrecke
          Tristesse auf dem Platz: der KSC am Boden :

          Gegen die leidenschaftlich kämpfenden Regensburger zwang die ständig wiederkehrende Anfälligkeit nach Standards den KSC in die Knie. Markus Kauczinski, Cheftrainer seit Ende März und Liebling der Fans, hatte es nicht geschafft, der Mannschaft diese Schwäche zu nehmen. Der 42-Jährige fand nach der Pleite deutliche Worte, nachdem er sich wochenlang schützend vor die Spieler gestellt hatte. „Wenn man sich gegen einen Drittligisten nicht durchsetzt“, sagte er, „dann hat das Personal nicht die notwendige Qualität.“

          Bei der Zusammenstellung des neuen Kaders werde er nach Charakteren schauen, die in „schwierigen Situationen vorangehen“. Auf die Suche muss er sich notgedrungen machen - nur vier Spieler sind mit Verträgen für die dritte Liga ausgestattet. Einen Tag nach dem besiegelten Abstieg erklärte Sportdirektor Kreuzer allerdings, keinen kompletten Neuaufbau anzustreben, sondern „mit sieben bis neun Spielern weiterarbeiten zu wollen“.

          Image des „Chaosklubs“

          Er hatte Juni vergangenen Jahres ursprünglich die Position des Sportdirektors angetreten, um seinen Heimatverein in „ruhigere Fahrwasser zu führen“. Ein dubioser Sponsorenvertrag mit einer ehemaligen Leipziger Medien-Unternehmensgruppe, öffentlich ausgetragene Streitigkeiten wechselnder Führungsriegen sowie eine teils groteske Formen annehmende Stadiondebatte hatte den Badenern das Image des „Chaosklubs“ eingebracht.

          Kreuzer wollte vieles besser machen. Doch was er bei seinem Amtsantritt vorfand, war eine „nicht zweitligataugliche Mannschaft“. Damals war Rainer Scharinger verantwortlicher Cheftrainer im Wildpark. Mit einem satten Spieler-Etat ausgestattet, hatte der den Großteil des Teams zusammengestellt und musste nach einer Niederlagenserie ebenso wie sein Nachfolger Jörn Andersen wieder gehen.

          Kreuzer war längst bei vielen Fans in Misskredit geraten. „Anfangs haben wir alle noch geglaubt, unter Kreuzer wird es endlich besser“, erzählt Cenk Bagci, kundiger Anhänger und Wirt einer angesagten KSC-Kneipe in der Stadt. Doch zwischenzeitlich hätten viele Fans nur noch geschmunzelt, wenn neue „Wasserstandsmeldungen aus dem Wildpark“ publik geworden seien. Dreizehn Punkte aus sieben Spielen unter der Regie Kauczinskis sowie Rang elf in der Rückrundentabelle ließen die Fans noch einmal hoffen. Es reichte für die Relegation, für mehr nicht.

          Streitthema Stadionneubau

          Der Abstieg bringt den Verein in eine noch prekärere Lage: Der KSC muss angesichts permanenter finanzieller Schwierigkeiten dem Vernehmen nach selbst über einen Verkauf des größten Talents seit Jahren, Hakan Calhanoglu (Vertrag bis 2016), diskutieren. Mit oder ohne Calhanoglu - der KSC wird die Saison mit einem zu erwartenden Minus von 1,5 Millionen Euro abschließen; im Etat für die kommende Spielzeit gehen etwa 3,5 Millionen Euro an Fernsehgeldern verloren; zu allem Übel muss der Verein Restschulden aus einem umstrittenen Vergleich mit der Medien-Gruppe zahlen - 750.000 Euro pro Jahr plus eine Summe X.

          Ohne die Unterstützung des stellvertretenden Präsidenten und inoffiziellen Geldgebers Günter Pilarsky wäre der finanzielle Schaden des Abstiegs erheblich. Zumindest ein Jahr dritte Liga sei realisierbar, ließ der Karlsruher Unternehmer wissen. Länger wollen sich die Badener das auch nicht zumuten. In der schwersten Stunde steht das nächste Streitthema schon längst auf der Tagesordnung: der Stadionneubau. Ein Thema, das eine ganze Stadt spaltet und im Bürgermeisterwahlkampf zum Politikum werden wird. Ein Kandidat als Stadtoberhaupt ist: KSC-Präsident Wellenreuther. Unruhige Zeiten in Karlsruhe.

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