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Franz Beckenbauer zum 70. : Ja ist denn heut schon Weihnachten?

Als alles begann: Franz Beckenbauer ist das langlebigste Testimonial der deutschen Sportgeschichte Bild: Knorr

Franz Beckenbauer ist einzigartig. Ob als Werbefigur, als Kapitän des Weltmeisterteams von 1974 oder als Weltmeistertrainer 1990. Der „Kaiser“ ist unantastbar. Und was dabei gerne vergessen wird: Hinter allem steckt harte Arbeit. Jetzt wird er 70.

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          Die Einzigartigkeit von Franz Beckenbauer, der an diesem Freitag seinen 70. Geburtstag feiert, lässt sich an einem simplen Fakt ablesen. Er ist das langlebigste Testimonial, das die Werbung in Deutschland rund um den Fußball kennt. Niemand ist in dieser Branche über einen so langen Zeitraum vertreten wie der Mann, der sich als Jugendlicher aus dem Münchner Stadtteil Giesing in den sechziger Jahren aufmachte, die Fußballwelt zu erobern, der irgendwann ihr „Kaiser“ wurde, sich zum Weltstar entwickelte, zur „Lichtgestalt“ aufstieg und zu einem der bekanntesten Deutschen wurde. Das alles so kommen würde, war nicht abzusehen, als dieser erste Werbespot gedreht wurde, der wegen seiner heute unfreiwilligen Komik mittlerweile Kultcharakter besitzt. „Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch“ – das wirkt für eine dünne Nudelsuppe gut 50 Jahre nach dem Dreh selbst für die heruntergeschraubten Realitätsansprüche der Werbung reichlich albern. Es war aber Beckenbauers erster Einsatz als Testimonial. Er wirkt bis heute.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          „Ein Kameramann, ein Tontechniker, ein Regisseur waren dabei“, sagt Beckenbauer, „und nach drei Aufsagern war alles im Kasten. Heute fliegt man dafür mit einem Heer an Mitarbeitern um die halbe Welt.“ Das war vor einem halben Jahrhundert noch etwas anders. Gedreht wurde in Beckenbauers Wohnzimmer, der Tisch wurde verschoben, die Beleuchtung ausgerichtet, schon ging es los. Wie viele Werbespots folgen sollten mit dem Mann, der nach nur sechs Bundesligaspielen 1965 im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Schweden beim 2:1-Sieg sein Debüt in der Nationalmannschaft gab, dessen Stern dann bei dieser WM 1966 endgültig aufging und seitdem nie mehr verblasste, ist kaum zu zählen. „Ja ist denn heut schon Weihnachten?“, fragte er gut 40 Jahre später in einem immer noch witzigen Filmchen für einen Mobilfunkanbieter, und weil fast alles, was er in seiner Karriere als Spieler, Trainer und Funktionär anfasste, zu einem Erfolg wurde, gelang ihm dies auch auf diesem ganz anderen Feld. Der Spruch verselbständigte sich, wurde zum geflügelten Wort.

          Man kann ihm nicht lange böse sein

          Und wieder macht die Werbung deutlich, dass Beckenbauer, der den Deutschen mit seinem Spielstil einen ganz anderen Fußball schenkte, der entscheidend dazu beitrug, dass nach dem Rausch der überlegen gewonnenen EM 1972 auch die WM 1974 im Triumph endete, mit normalen Maßstäben nicht zu messen ist. Das Geheimnis von Beckenbauer ist der durch nichts zu erschütternde Vertrauensvorschuss. Dass er schon mit 18 Jahren Vater wurde, was nach den Moralvorstellungen der sechziger Jahre schockierend wirken musste; dass er Deutschland 1977 wegen seiner auf dem Boulevard genüsslich ausgebreiteten Ehe- und Steuerprobleme Richtung Cosmos New York verließ, all das und einiges mehr hat nie etwas daran geändert, dass er als extrem verlässliche Werbefigur geschätzt wurde. „Ja ist denn heut schon Weihnachten“, hieß es deshalb auch bei einem anderen Partner aus derselben Branche, bis diese Doppelnutzung verboten wurde und Beckenbauer augenzwinkernd sagen musste: „Ich würd’s ja gerne sagen, aber ich darf nicht.“

          Der Elegante: Torschütze bei der WM 1966 beim 5:0 gegen die Schweiz Bilderstrecke
          Der Elegante: Torschütze bei der WM 1966 beim 5:0 gegen die Schweiz :

          Böse war ihm nie jemand. Und so schaffte er auch den Spagat, als größte Repräsentationsfigur seines FC Bayern bei den ärgsten Konkurrenten der Werbepartner seines Vereins als Testimonial zu agieren. Genies im Sport haben die Gabe, extrem Schweres kinderleicht aussehen zu lassen. Hinter all seinen Erfolgen auf verschiedenen Ebenen aber steckte harte Arbeit. Nichts war es mit „geht‘s raus und spielt‘s Fußball“: Mittlerweile weiß jeder, dass sich der Trainer Beckenbauer beim WM-Sieg 1990 auf jedes Spiel so akribisch vorbereitete wie auf die Aufgabe, die WM 2006 nach Deutschland zu holen, als er mehrfach rund um die Welt flog. Ob das ohne unerlaubte Beihilfe ging, darf man bezweifeln. Doch den größten Fußballspieler, den Deutschland je hatte, beschädigte auch das ebenso wenig wie die von ihm im Fifa-Exekutivkomitee mitbeschlossene Vergabe der WM 2018 und 2022 an Russland und Qatar. Mit seinem Charme, seiner Aura und allen Menschen in seiner Umgebung gewährten Freundlichkeit hat er bislang noch jeden für sich gewonnen. Und das eine oder andere Fettnäpfchen, in das er unbedacht kräftig hineintrat, ist auf diese Weise ausgetrocknet.

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