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Juventus in der Serie A : Die „Alte Dame“ und das viele Geld

  • -Aktualisiert am

Teurer Einkauf: Hält Gonzalo Higuain, was seine Millionen versprechen? Bild: AP

Für Juventus Turin ist der nächste Meistertitel in der Serie A Pflicht. Dafür soll vor allem Millioneneinkauf Gonzalo Higuain sorgen. Doch wie weit kommt der italienische Serienmeister ohne Pogba in Europa?

          3 Min.

          Turin. Der italienische Fußballverein Juventus Turin hat in den vergangenen Jahren eine Spezialität entwickelt. Man verpflichtete scheinbar überalterte Spieler zu Schleuderpreisen und weckte in ihnen alte Größe. So kam zum Beispiel Andrea Barzagli 2011 frustriert vom VfL Wolfsburg und wurde einer der Pfeiler der legendären Turiner Abwehr. Andrea Pirlo wechselte im selben Jahr ausgelaugt vom AC Mailand und trug dann zur Renaissance des italienischen Rekordmeisters bei.

          Der damals 33 Jahre alte Patrice Evra sattelte 2014 von Manchester United nach Italien um, Weltmeister Sami Khedira kam 2015 von Real Madrid. Beide hatten wesentlichen Anteil an der inzwischen fünften in Folge gewonnenen Meisterschaft. Diesen Sommer reihte sich der Brasilianer Dani Alves vom FC Barcelona in die illustre Riege ein, kein Unbekannter und auch schon 33.

          Schulterzucken als Antwort

          Die Zeiten, in denen Sportdirektor Giuseppe Marotta seinen erfolgreichen Handel mit in die Jahre gekommenen Fußballern bis zur Perfektion pflegte, sind zwar nicht vorbei. Sie wurden zuletzt aber um ein wesentliches Element ergänzt, das wie das Statement zum Start in eine neue Ära klingt. Juventus Turin verpflichtete in diesem Sommer Spieler im Wert von etwa 150 Millionen Euro. Tifosi, die in der Serie A nicht auf Seiten der „Alten Dame“ stehen, ließen schon vor Saisonbeginn an diesem Samstag die Köpfe hängen. Juventus trifft auf den AC Florenz, der als schärfster Konkurrent gehandelte AS Rom startet gegen Udinese Calcio. Aber die Branche fragt sich, ob es überhaupt ein Team gibt, das diesem Ungetüm namens Juve in Italien noch das Wasser reichen kann. Die Antwort ist ein großes Schulterzucken.

          Die „Gazzetta dello Sport“ hat die Aussichten zu Saisonbeginn in folgende Synthese gefasst: „Es ist keine Frage, ob Juventus den Scudetto gewinnt, es geht eher darum, wie weit die Mannschaft in Europa kommt.“ Die Erfolgsserie der vergangenen Jahre hat die Ansprüche der Turiner steigen lassen. Der Gewinn der italienischen Meisterschaft ist Pflicht, das eigentliche Ziel ist die Champions League. Schon im vergangenen Sommer riskierte der Klub eine 40-Millionen-Euro-Investition in den damals 21-jährigen argentinischen Angreifer Paolo Dybala, der inzwischen als einer der besten seines Fachs gilt.

          Diesen Sommer gab Marotta Unsummen aus, um nicht nur in der Champions League weit zu kommen, sondern auch die nationale Konkurrenz zu schwächen. Der 26 Jahre alte Mittelfeld-Regisseur Miralem Pjanić kam für etwa 30 Millionen Euro vom AS Rom, für Stürmer Gonzalo Higuaín (28), der für den SSC Neapel in der vergangenen Saison 36 Treffer in 35 Spielen erzielte, gab der Sportdirektor gar 90 Millionen Euro aus. So viel Geld hat bisher noch nie ein italienischer Verein für einen Spieler ausgegeben. Die 23 Millionen Euro für den 21-jährigen Kroaten Marko Pjaca von Dynamo Zagreb machen sich da beinahe wie Peanuts aus.

          Möglich geworden waren die Investitionen freilich nur durch den aberwitzigen Verkauf von Paul Pogba an Manchester United für 105 Millionen Euro, den teuersten Fußballtransfer überhaupt. Über die Tatsache, dass Pogba vor vier Jahren als 19-Jähriger ablösefrei von Manchester nach Turin gewechselt war, lache man sich heute noch kaputt, spottete der ehemalige Juventino Andrea Pirlo aus der Ferne. Der Transfer ist, ökonomisch gesehen, die bisherige Meisterleistung von Sportdirektor Marotta. Dass Geld im Fußball aber keine Garantie für Titel ist, weiß man schon seit Real Madrids gescheiterten Galácticos oder den bisher weitgehend fruchtlosen Milliarden-Investitionen des Scheichs von Manchester City.

          Marotta hat in den vergangenen Jahren zwar trickreich ein außergewöhnliches Ensemble zusammengestellt. Aber der Abgang Pogbas, der als einer der besten Mittelfeldspieler des Kontinents gilt, wiegt schwer. Als Garantien im Mittelfeld der Turiner stehen neben der Offensivkraft Pjanic der häufig verletzte 29-jährige Sami Khedira zur Verfügung, sowie Claudio Marchisio (30), der aber erst in ein paar Monaten von einem Kreuzbandriss genesen wird. Als Verstärkung von Wackelkandidaten wie Mario Lemina oder Hernanes sollen bis zum Transferschluss am 31. August noch zwei neue Spieler verpflichtet werden. Ob die Pogba ersetzen können, steht dahin.

          Unterdessen mahnt Trainer Massimiliano Allegri einen besseren Beginn in die Serie A an als im vergangenen Jahr. Damals holte die Mannschaft nach einem vergleichbar großen Umbruch im Kader nur fünf Punkte aus den ersten sechs Partien. Dass der Start in die neue Ära kein Selbstläufer ist, wird man schon am Samstag gegen den AC Florenz erkennen können. Neuzugang Pjanic ist angeschlagen, auch Wunderstürmer Higuaín wird nach Expertenmeinung auf der Ersatzbank starten, weil er mit Übergewicht aus dem Urlaub zurückgekommen ist. Seine nun schon länger andauernde „Blitz-Diät“ hat bisher offenbar nicht den erhofften Erfolg gebracht.

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