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Juventus Turin : Mit der ganzen Kraft der „Alten Dame“

  • -Aktualisiert am

Aufbauhelfer: Präsident Andrea Agnelli hat die Rückkehr von Juventus Turin ermöglicht Bild: REUTERS

Juventus Turin ist wieder zurück: Andrea Agnelli hat den Klub seiner Familie wieder an die Spitze des Calcio gebracht. Nun ist Europa das Ziel.

          3 Min.

          Oft sind es die kleinen Gesten, die große Bedeutung haben. Und so rieben sich einige die Augen, als sie plötzlich zwei Männer auf der Ehrentribüne des Giuseppe-Meazza-Stadions in Mailand sahen, die sich gegenseitig an den Armen festhielten. Nicht etwa im Ringkampf, nein, Andrea Agnelli umarmte Massimo Moratti. Dieses Bild war lange Zeit so wahrscheinlich wie stabile politische Verhältnisse in Italien. Denn dass sich der Präsident von Juventus Turin und sein Wiederpart vom Erzrivalen Inter Mailand einmal in Freundschaft so nahe kommen würden, ist ein Zeichen für Veränderung im italienischen Fußball. Nach vielen Jahren voller Zwist, Streitigkeiten und Polemik gibt Juventus Turin seit dem Gewinn der Meisterschaft in der vergangenen Saison wieder den Ton in der Serie A an.

          Nur so ist zu erklären, dass zwei stolze Vereinspräsidenten wie Agnelli und Moratti über ihre Schatten springen konnten. Sie müssen nicht mehr streiten, weil die Machtverhältnisse in Italien eindeutiger nicht sein könnten. 2:1 lautete das Ergebnis im sogenannten Derby d’Italia für Juventus Turin, das mit neun Punkten Vorsprung in der Tabelle der Serie A vor dem SSC Neapel führt. Die Dominanz von Juventus in Italien ist so deutlich, dass das Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Bayern in der Champions League an diesem Dienstag eine Art Crashtest für „Juve“ darstellt. „Wir wollen ganz einfach verstehen, wie viel uns noch fehlt, um die Lücke zu den großen Teams aus Europa zu schließen“, sagte Trainer Antonio Conte über die Partie.

          Andrea Agnelli würde wohl allenfalls von einem Haarriss sprechen, der Juventus noch von den europäischen Spitzenteams trennt. Der 37 Jahre alte Agnelli ist die Inkarnation des neuen Selbstbewusstseins der Turiner, die nach schwierigen Jahren wieder ihre alte Kraft ausstrahlen. „Bis zum Ende . . .“ twitterte der Erbe der berühmten Turiner Unternehmerdynastie nach der Auslosung des Viertelfinales. Als „freiwillig unsympathisch“ beschrieb ihn einmal die Zeitschrift Panorama.

          Erholt vom Calciopoli

          Diese Charakterisierung würden außerhalb der Fanszene wohl auch viele für ganz Juventus abgeben. Das lag auch am Schiedsrichter-Manipulationsskandal „Calciopoli“ von 2006, mit dem sich Juventus als bestimmende Kraft des italienischen Fußballs vorläufig selbst aus dem Spiel genommen hatte. Der Zwangsabstieg in die Serie B, die Abwanderung von Stars wie Zlatan Ibrahimovic und die Aberkennung zweier Meistertitel stellten den Rekordmeister hart auf die Probe. Dass ausgerechnet Inter Mailand vom Untergang der „Alten Dame“ profitierte, war zugleich fußballerische Apokalypse und Ansporn zur Rückeroberung der eigenen Identität.

          Ausgerechnet dem Rivalen war einer der Juventus aberkannten Titel zuerkannt worden, Inter startete eine Serie von fünf Meisterschaften und gewann die Champions League 2010, im Finale gegen den FC Bayern. In derselben Saison war das neu aufgestellte Juventus gegen die Münchner an die eigenen Grenzen gestoßen. Im letzten Aufeinandertreffen der beiden Klubs setzte sich der FC Bayern im entscheidenden Gruppenspiel im Dezember 2009 mit 4:1 in Turin durch. Die Altstars Cannavaro, Grosso, Camoranesi, Del Piero, Trezeguet liefen damals noch ihre letzten Runden in Turin. Der wichtigste Neuzugang im darauffolgenden Sommer war: Andrea Agnelli, der kettenrauchende, junge, ehrgeizige Präsident.

          Der gefürchtete Stratege von Juventus: Andrea Pirlo mit den Teamkameraden Giorgio Chiellini (l.) und Alessandro Matri (r.)
          Der gefürchtete Stratege von Juventus: Andrea Pirlo mit den Teamkameraden Giorgio Chiellini (l.) und Alessandro Matri (r.) : Bild: AFP

          Er ist der vierte Agnelli, der den Präsidentenjob bei Juventus übernommen hat. Sieben Jahre zuvor war sein berühmter Onkel Gianni Agnelli gestorben, der lange die Geschicke von Juventus und vor allem Fiat geleitet hatte. Mehr als 50 Jahre zuvor war auch Andreas Vater Umberto Vereinsvorsitzender gewesen. Der Name Agnelli war eine Hypothek und ein Signal: Nun kam die wahre „Alte Dame“ zurück. Der junge Agnelli, der in Oxford studiert hat, griff beim Personal durch und entwickelte eine Image-Strategie, die Juventus für Außenstehende noch unsympathischer machte, im Innenverhältnis aber große Geschlossenheit zur Folge hatte.

          Erfolg weckt Begehrlichkeiten

          Für den angeblichen ökonomischen Schaden, den Juventus durch die Aberkennung der Meistertitel und durch den Zwangsabstieg wegen Calciopoli erlitten habe, forderte er 400 Millionen Euro Schadensersatz mit der Begründung, die Mauscheleien seien keine Spezialität allein der Turiner gewesen. Juventus bildete mit den Managern Luciano Moggi und Antonio Giraudo allerdings die Speerspitze des Betrugs. Zu Giraudo soll Agnelli noch gute Kontakte pflegen.

          Doch vor allem die Personalpolitik des neuen Präsidenten zahlte sich aus. Agnelli holte Sportdirektor Giuseppe Marotta von Sampdoria Genua, der wiederum legte mit den Transfers von Andrea Pirlo vom AC Mailand, Andrea Barzagli vom VfL Wolfsburg und Arturo Vidal von Bayer Leverkusen den Grundstein für die neue Mannschaft. Auf Agnelli geht auch die Verpflichtung von Trainer Conte zurück, dem Verantwortlichen für den sportlichen Erfolg und früheren Team-Kapitän und Publikumsliebling. Conte lernt schon fleißig Englisch. Nicht etwa für Studien in Oxford, sondern für höhere Aufgaben. Sein Erfolg in Turin hat Begehrlichkeiten geweckt.

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