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Jupp Heynckes : Vorläufiger Rückzug ins Private

Danke Jupp: Heynckes macht es spannend. Er braucht eine halbe Stunde, um seine Entscheidung zu verkünden Bild: AFP

Auch ein Angebot von Real Madrid vermag Trainer Heynckes nicht von der wohlverdienten Pause abzuhalten. Doch die Rente hat er noch nicht eingereicht.

          Seit er am 1. Juli 2011 zum dritten Mal Trainer des FC Bayern wurde, hat Jupp Heynckes nach eigenem Empfinden keinen einzigen Tag Urlaub gehabt. FC Bayern, pausenlos, 704 Tage lang. Seit diesem Dienstag ist er wieder ein freier Mann. In der längsten Pressekonferenz seiner Amtszeit erklärte er der gespannten Öffentlichkeit aber erst nach 38 von 75 Minuten, was er nun tun werde: sich nämlich „erst einmal zurückziehen“. Er wirkte dabei erleichtert, dass er das von ihm ungeliebte Wort „endgültig“ auch mit 68 Jahren „nicht sagen muss“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wozu auch? Er hat wie noch kein anderer Trainer seines Alters zuvor die Möglichkeit, sich zum Privatmann zu erklären, die Tür für neue Avancen und alte Leidenschaften aber zugleich offenzuhalten. Und genau das tat Heynckes am Dienstag, flankiert von den Klub-Chefs Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge und überstrahlt von einer überlebensgroßen Projektion, die ihn schwebend zeigte, hinauf geworfen von seinen Spielern, daneben das Motto: „Danke, Jupp“. Heynckes dankte für das Vergangene - und hielt sich das Zukünftige offen.

          Nach dem Gewinn der Pokale aller drei großen Wettbewerbe, die nach der Pressekonferenz von drei Männern mit weißen Handschuhen in Metallkoffern in die „Erlebniswelt“ des FC Bayern gerollt wurden, ehe sie Heynckes dort in die vorgesehenen Vitrinen stellte, vollzieht der scheidende Trainer in diesem Monat den vollkommenen Rollenwechsel mit Pep Guardiola. Der 25 Jahre jüngere Katalane wird in drei Wochen das, was der Rheinländer bis Dienstag war, nämlich Trainer der „besten Mannschaft der Welt“, wie Heynckes seine Elf stolz nannte. Dafür wird Heynckes nun das, was Guardiola seit Beginn seines einjährigen „Sabbaticals“ vor einem Jahr war: der gefragteste freie Trainer der Welt.

          Sein größtes Jahr: Triple-Sieger 2013

          Also einer, der sich auf seinem Bauernhof am Niederrhein in der kommenden Saison in aller Ruhe die besten Angebote aus der Welt des Klubfußballs anhören kann - und spätestens nach der WM 2014, sollte er bis dahin noch nicht vergeben sein und immer noch Lust auf Fußball haben, wohl auch die als Nationaltrainer.

          Das „Triple“ hat Heynckes verwandelt. Er wirkt erschöpft, aber gelöst. Müde, aber beschwingt - von der endlich uneingeschränkten Anerkennung, auf die er fünfzig Jahre lang im Profifußball hingearbeitet hatte. Die Last der letzten Monate, in denen er - von frühmorgens, als er kurz vor acht im Büro „die letzten Laufdaten und Gewichtsangaben“ der Spieler studierte, bis kurz vorm Schlafengehen, als er noch die Partien anderer Teams analysierte - sein ganzes Leben auf Fußball und den Erfolg des FC Bayern reduzierte, fällt nun sichtbar von ihm ab.

          „Mir wird nicht langweilig“

          Sie hat aber auch Spuren hinterlassen. „Man geht ans Limit, an die körperliche Substanz“, hat Heynckes festgestellt. „Ich habe in den letzten Wochen gemerkt, dass ich ein gewisses Alter erreicht habe, in dem man die Strapazen spürt. Besonders nach den Feiern. Vorher habe ich das ganze Jahr keinen Alkohol getrunken“. Auch er wolle „das Leben genießen“, sagte Heynckes, aber im Trainerjob beim FC Bayern „existiert das Privatleben nicht“, man sei „an den Beruf gefesselt, denkt immer an das nächste Spiel“.

          Nun will er Versäumtes nachholen. Will „regenerieren und reflektieren“. Und wieder die „normalen Dinge des Lebens“ tun. „Einfach mal ins Kino, ins Restaurant gehen“. Oder in Konzerte. „Bruce Springsteen war kürzlich hier, Zucchero, das konnte ich alles nicht sehen“. Er habe viele Interessen, versicherte er, „mir wird nicht langweilig“.

          FC Bayern, was dann? Jupp Heynckes

          Und wenn er als vorläufiger Privatier doch herausfindet, dass er gern endgültiger Privatier bleiben möchte? Dann hätte er etwas Einmaliges geschafft: auf dem Gipfel aufzuhören. Denn auf dem sieht sich Heynckes zu Recht. Präsident Uli Hoeneß, erzählte er, habe ihn im letzten Jahr gefragt: „Werden wir irgendwann wie der FC Barcelona spielen können?“ Am Dienstag antwortete Heynckes: „Der FC Bayern spielt nicht wie Barcelona. Der FC Bayern spielt moderner und zeitgemäßer. Die Mannschaft hat etwas geschaffen, das für die Ewigkeit Bestand hat.“ Er sei „davon überzeugt, dass der FC Bayern auch in den nächsten Jahren unter Pep Guardiola großen Erfolg haben wird“.

          Aber es kann für einen so passionierten und ehrgeizigen Mann nicht einfach sein, sein großes Werk einem anderen zu überlassen - und die vielen Angebote auszuschlagen, die ihm diese Saison aus ganz Europa eingebracht hat. Nicht ohne Genugtuung erzählte Heynckes von der großen internationalen Nachfrage, wobei er die Interessenten in drei Gruppen aufteilte. „Einmal die reichen Klubs, wo Geld keine Rolle spielt, aber das hat mich noch nie in meiner Karriere interessiert“. Dann jene Vereine, „wo man auch Urlaub machen könnten und viel Sonne hat“. Und „dann noch ein Klub, der im Moment nicht das sportliche Niveau des FC Bayern hat, aber die Aura und die Tradition“.

          Erst mal Privatmann sein

          Es war klar, dass er Real Madrid meinte. Ebenso klar war, dass es das einzige Angebot war, das ihn hätte schwach machen können - schließlich ist noch etwas gut zu machen, seit man ihn dort 1998 nach dem Gewinn der Champions League feuerte und er zum Abschied fand: „Real Madrid ist groß und gut. Aber noch größer und besser ist Bayern München“.

          So etwas würde er heute nicht mehr sagen, „heute gehöre ich zum diplomatischen Corps“, erklärte Heynckes. Heute müsse „ein Trainer gelassen und souverän sein“, weshalb er gleich anfügte, Real Madrid sei „genauso gut“ wie der FC Bayern. Aber nicht gut genug, ihn vom verdienten Urlaub abzubringen. „Erst einmal werde ich mich zurückziehen und Privatmann sein“, sagte Heynckes. „Es gibt auch ein Leben nach dem Berufsleben“.

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