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Jugendfußball : Königsklasse für Talente

Internationale Erfahrungen: Der VfL Wolfsburg spielt derzeit als einziger deutscher Vertreter in der NextGen-Series mit Bild: picture-alliance/ dpa

Viele europäische Top-Klubs schicken ihre Nachwuchsteams in einen neuen Wettbewerb. Die Uefa versagt der Eliteliga ihre Zustimmung. Als einziger deutscher Vetreter spielt der VfL Wolfsburg mit.

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          Was mit dem Begriff "internationale Härte" auch gemeint sein kann, spürte Philip Hauck nach nur 20 Sekunden: Ein gegnerischer Ellbogen traf den 18 Jahre alten A-Juniorenspieler vom VfL Wolfsburg an der Nase, das Blut tropfte. "Auch wenn diese Aktion nicht schön war, so sind auch das Dinge, die meine Spieler aus diesen Begegnungen mitnehmen", sagt sein Trainer Stephan Schmidt. Lerneffekte der schmerzhaften Art.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hauck spielte weiter. Sein erstes Heimspiel in der Königsklasse der Talente gegen den FC Liverpool wollte er vor kurzem wegen einer solchen Lappalie nicht verpassen. Und auch gegen die norwegischen Altergenossen aus Molde würde ihn so etwas im Heimspiel am Mittochabend (18 Uhr) nicht bremsen.

          Ablehnung der Uefa

          In dieser Spielzeit haben sich erstmals 16 der besten Nachwuchsteams Europas zu einem Wettbewerb verabredet, der dem Prinzip der Champions League entspricht, aber aufgrund der Ablehnung durch die Europäische Fußball-Union (Uefa) das begehrte Etikett nicht tragen darf.

          Deshalb heißt die Turnierserie mit vier Gruppen und 16 Teams "NextGen-Series". Der Wettbewerb der "nächsten Generation" ist umstritten. Die Uefa, die vor drei Jahren in Absprache mit der Europäischen Klubvereinigung (ECA) eigene Pläne eines Vereinswettbewerbs für Nachwuchsteams fallenließ, hat auf Anfrage dieser Zeitung klargestellt, dass sie "die NextGen-Series nicht billigt". 

          Der Verband fürchtet um die Sitten im Kampf um Talente und drängt die EU, das Mindestalter für Transfers von 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. Ein vor allem in England und Spanien vielbeachteter und somit prestigeträchtiger Wettbewerb wie die "NextGen-Series" konterkariert diese Bemühungen um Jugendschutz.

          Bayern München ist am Nachdenken

          Für Liverpool spielte beispielsweise der erst 16 Jahre alte eingebürgerte Jamaikaner Raheem Sterling mit, der bei seinen eleganten Dribblings seinem Ruf als Supertalent gerecht wurde. Wolfsburg verzichtete indes auf Druck des DFB auf den zuvor auswärts eingesetzten Jungbin Park. Der Koreaner darf als Nicht-EU-Ausländer im DFB-Hoheitsgebiet nicht spielen.

          Bayern München schlug die Einladung für den Wettbewerb der Nachwuchselite ganz aus - wegen Bedenken, dass man die Spieler überlastet. Nachwuchskoordinator Werner Kern sagt: "Jetzt sehen wir aber, dass das Ganze seriös organisiert ist und mit drei Auswärtsreisen im Rahmen bleibt. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass wir künftig dabei sind." Andere Nachwuchschefs verfolgen die Sache weiterhin mit Vorbehalten. "Das ist der größte Schwachsinn, 18-Jährige unter der Woche durch Europa zu karren", sagte Volker Kersting, Nachwuchsleiter vom ehemaligen deutschen A-Jugend-Meister Mainz 05. "Da müssen Uefa und Fifa endlich ihrer Verantwortung gerecht werden, sonst haben wir bald eine Bundesliga für Achtjährige."

          Organisator betont Chancen für Talente

          Selbst damit hätten die Verantwortlichen in Liverpool wohl kaum Probleme: "Bei uns will jeder Junge in erster Linie Fußballer sein. Dann kommt mit weitem Abstand die Ausbildung", sagte Akademiedirektor Frank McParland am Spielfeldrand in Wolfsburg freimütig. Der VfL Wolfsburg, aktueller A-Junioren-Meister, ist scheinbar ähnlicher Ansicht. Auf Geheiß von Trainer-Manager Felix Magath ist der VfL der einzige deutsche Vertreter, der um die Qualifikation für ein Achter-Finalturnier kämpft, das im neuen Jahr stattfinden soll.

          "Wir wollen Nachwuchsteams zusammenbringen", sagt unterdessen Organisator Mark Warburton, der gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Justin Andrews einen Investor für die Idee eines Kräftemessens der europäischen Nachwuchsteams hatte. Den naheliegenden Verdacht, über die Turnierorganisation frühzeitig einen Zugang zu den besten Talenten Europas zu erhalten, weist der ehemalige Leiter der Nachwuchsakademie des FC Watford von sich. "Wir haben da keine Ambitionen. Und die talentiertesten Spieler sind ohnehin jedem bekannt und vergeben", sagt Warburton.

          Stattdessen biete sein Wettbewerb den 17 bis 19 Jahre alten Nachwuchshoffnungen die Chance, sich auf höchstem Niveau mit Gleichaltrigen messen zu können. "Wir sind Fußballleute, die den Talenten helfen und nicht mit den Verbänden konkurrieren wollen. Bislang hakt es beim Wechsel von Toptalenten in den Erstliga-Fußball. Bei diesem Sprung wollen wir die Jungs unterstützen mit den Spielen gegen Topgegner", sagt Warburton.

          Aus Spaß wird schnell Ernst

          Genau darin liegt auch der Reiz für den VfL Wolfsburg, bei dem bislang klubeigene Talente kaum zur Geltung kamen. "Es ist eine Rieseninspiration für die Jungs, einmal im Stadion an der Anfield Road gespielt zu haben. Dort lernen sie auch Demut vor dem weiten Weg, der noch vor ihnen liegt", sagt Trainer Schmidt. Bei ihrem Auftritt auf dem fast heiligen Rasen hatten seine Jungs ein 1:1 erkämpft. Da Liverpool an die Anfield Road lud, wollte Wolfsburg beim Rahmen der "Europapokal"-Premiere in Niedersachsen nicht nachstehen. Deshalb fand das Rückspiel in der Arena der Profis statt. Die Veranstaltung hatte also wenigstens ein bisschen Europapokalflair trotz des Fehlens einer Champions-League-Hymne und der Kulisse von nur 1700 Zuschauern.

          Den 2:0-Sieg nach einem sehenswerten Freistoßtor von Andac Güleryüz und einem Treffer von Giovanni Millemaci hatte Wolfsburg vor allem seinem Torwart zu verdanken. Patrick Drewes klärte ein halbes Dutzend Mal in höchster Not. Diese Großtaten sorgten nach dem Spiel für Neckereien, die den Vorurteilen gegen den Wettbewerb Vorschub leisten. "Den Drewes hat Liverpool eben schon direkt gekauft", sagte ein Betreuer zu Trainer Schmidt. Es war ein Spaß. Aber aus Spaß wird in diesem Geschäft schnell Ernst.

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