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Premier-League-Topspiel : Klopps Vollgas-Fußball bremst Arsenal

Emotionen pur: Jürgen Klopp nach einem „spektakulären Spiel“ mit dem FC Liverpool gegen Arsenal. Bild: Reuters

Liverpool und Arsenal zeigen ein furioses Spiel. Die Gunners mit Özil und Mertesacker bleiben Erster. Doch für die besonderen Momente sorgt das Klopp-Team – allen voran zwei alte Bekannte aus der Bundesliga.

          3 Min.

          Als Jürgen Klopp 2008 Trainer von Borussia Dortmund wurde, versprach er keine Titel, aber eine ganz spezielle Spielweise seiner Mannschaft: „Vollgas-Veranstaltungen“, nannte er das, was kommen sollte. Klopp hielt Wort. Die BVB-Spieler traten das Gaspedal mächtig durch – und gewannen damit auch noch zwei deutsche Meistertitel und den DFB-Pokal. Nun ist Klopp Trainer in England, wo die Fans aus der Premier League seit jeher ein extremes Tempo gewohnt sind. „Full Throttle Football“ aber will Klopp auch hier als Markenzeichen bieten. Nun gibt es ein Spiel, das als exzellentes Lehrbeispiel dient.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Beim furiosen 3:3 seines FC Liverpool gegen den FC Arsenal am Mittwochabend zeigten beide Teams einen Schlagabtausch, der alle begeisterte. Nicht erst als Klopp in der Nachspielzeit im Schneeregen seine Kapuze abstreifte und mit der Faust voran an der Seitenlinie der Anfield Road entlangsprang, wussten alle Fans der „Reds“: So geht „Vollgas-Fußball“ a la Klopp. Zuvor hatte der eingewechselte Joe Allen Liverpool mit seinem Volleytor kurz vor Schluss noch das Remis gerettet in einer Partie, deren Tempo und Dramaturgie begeisternd waren und die keinen Verlierer verdient gehabt hätte. „Ein spektakuläres Spiel“, sagte Klopp.

          Im Mittelpunkt bei Liverpool stand nicht nur Allen, dem der auch von der Bank gekommene Christian Benteke den Ausgleich aufgelegt hatte. Auch zwei alte Bekannte aus der Bundesliga stachen hervor: Emre Can und Roberto Firmino. Der deutsche Nationalspieler war das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Er bestach hinten durch Zweikampfstärke, war aber auch vorne im gegnerischen Strafraum zu finden und versuchte sich, allerdings glücklos, mit Distanzschüssen. Dabei wurde deutlich, dass die Position des rechten Außenverteidigers in der DFB-Elf nicht der ideale Einsatzort Cans ist – seine Stärken kann er im defensiven Mittelfeld viel besser ausspielen, wo allerdings die Konkurrenz größer ist.

          Cans Auftritt überraschte unter den 45.000 Zuschauern, darunter der einst in Liverpool erfolgreiche und nun bei Real Madrid entlassene Rafael Benitez, niemanden. Viel bemerkenswerter als die gewohnte Leistung des Antreibers war die Vorstellung von Roberto Firmino, der im Sommer für 41 Millionen Euro aus Hoffenheim an die Merseyside gewechselt war. Immerhin als brasilianischer Nationalspieler, dennoch rieb sich mancher Fan die Augen – und durfte sich lange bestätigt fühlen in seiner Skepsis. Ein Tor in siebzehn Ligaspielen bedeutete keine sonderlich beeindruckende Bilanz für einen auch für englische Verhältnisse teuren Einkauf.

          Gegen Arsenal setzte Klopp Mittelfeldspieler Firmino als vorderste Spitze, neudeutsch „falsche Neun“ ein, weil er dem zuletzt glücklosen Benteke, ein robuster Mittelstürmer alter Prägung, eine (Denk-)Pause verordnet hatte. Das Konzept ging auf: Nach zehn Minuten klatschte Arsenal-Torwart Petr Cech einen scharfen Schuss von Can nur ab, Firmino nahm den Abpraller auf und traf aus der Drehung zum 1:0 ins Tor (10. Minute). Nach dem schnellen Ausgleich durch Aaron Ramsey (14.) ging es weiter – und wie! Firmino zirkelte den Ball aus 22 Metern genau in die rechte obere Ecke des Tores. Ein Traumtor.

          Für Mesut Özil und Arsenal lief nicht alles nach Wunsch. Bilderstrecke
          Für Mesut Özil und Arsenal lief nicht alles nach Wunsch. :

          Wie befreiend das Erfolgserlebnis war, zeigte der Jubel. Nach dem ersten Treffer riss er sich das Trikot vom Leib – für einen fröstelnden Brasilianer bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt eine  durchaus bemerkenswerte Aktion. Prompt sah er die Gelbe Karte vom Schiedsrichter und ließ nach seinem zweiten Tor das Shirt lieber an. Ein Platzverweis mit Gelb-Roter Karte nach knapp zwanzig Minuten wäre eine allzu frühe wie dumme Schlusspointe für ihn gewesen. Kurz nach der Halbzeit hatte Firmino zudem Pech bei einem Drehschuss an die Latte (47.). „Beide Tore waren brillant“, sagte Klopp. „Besonders der zweite Treffer. Er hat über die gesamte Spieldauer richtig gut gespielt.“

          Mit einem Doppelpack drehte Arsenal-Torjäger Olivier Giroud (25./55.) dann die Partie, ehe Allen spät für den 3:3-Endstand sorgte. Die „Gunners“ bleiben nach dem 21. Spieltag Spitzenreiter, weil das Überraschungsteam aus Leicester zwar 1:0 bei Tottenham siegte, aber mit nun ebenfalls 43 Punkten ein etwas schlechteres Torverhältnis aufweist. Dritter ist Manchester City, das gegen Everton nicht über ein torloses Unentschieden hinauskam (40 Punkte). Dahinter liegen Tottenham (36), West Ham (35) und Manchester United (34), das ohne den verletzten Bastian Schweinsteiger am Dienstag 3:3 in Newcastle spielte.

          Bei Arsenal zeigte Weltmeister Per Mertesacker in der Innenverteidigung trotz der drei Gegentore eine gute Partie. DFB-Kollege Mesut Özil, der eine überragende Saison spielt in England, knüpfte an seine bisherigen Leistungen dagegen nicht an. Das rasante Kampfspiel auf tiefem Rasen war aber auch nicht gemacht für einen feinen Fußballer; kurz vor dem Abpfiff wurde Özil, der wie Mertesacker am vergangenen Wochenende beim Sieg über Sunderland im FA-Cup geschont wurde, von Arsene Wenger ausgewechselt.



          Der Trainer zeigte sich „sehr enttäuscht.“ Wenger debattierte in der engen Coaching-Zone zwischendurch mit Klopp: „Ich sagte zu ihm, er solle sich beruhigen, sonst müsse er auf die Tribüne.“ Klopp durfte bleiben und war zufrieden: „Wir haben 60 bis 70 Prozent der Partie richtig gut gespielt und brauchten am Ende ein wenig Glück. Dennoch haben wir verdient den Ausgleich erzielt.“ Wie die Partie gegen Arsenal mit Führung und Rückstand gleicht für Liverpool, das auf Platz neun der Tabelle liegt, die Saison einer Achterbahnfahrt. 

          Der Begeisterung für den neuen Trainer und ein beeindruckender 4:1-Sieg bei Manchester City folgten Verletzungsprobleme inklusive externer Kritik an Klopp für seine physisch aufwendige Spielweise und die 2:2-Blamage bei Viertligaverein Exeter, die Liverpool im ohnehin schon proppenvollen Terminkalender nun auch noch ein Wiederholungsspiel im FA-Cup beschert. Und am Sonntag wartet schon der nächste Höhepunkt: Erzrivale Manchester United (15.05 Uhr / Live bei Sky) kommt an die Anfield Road.

          England : Klopp: „Ich bin hier, weil Liverpool ein geiler Verein ist"

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