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Enttäuschung für Klopp : FC Liverpool hat „viel Zeit zum Trainieren“

  • -Aktualisiert am

Am Ende geht er doch alleine: Trauriger Liverpooler Emre Can nach dem Schlusspfiff. Bild: dpa

Jürgen Klopp verliert auch dieses Endspiel. Vom Spirit der Anfield Road war beim FC Liverpool im Finale der Europa League nur in den ersten 45 Minuten etwas zu spüren. Es folgen Leere und Lähmung.

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          Als es einsam wurde um die Verlierer, waren die lange ohrenbetäubend optimistischen Anhänger des FC Liverpool schon weg. Alle, die es mit den „Reds“ hielten, hatten an dieser 1:3-Niederlage im Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla schwer zu knabbern. Sinnbildlich für den Schmerz des Augenblicks stand der deutsche Nationalspieler Emre Can im strömenden Regen von Basel und weinte bitterlich. „You`ll never walk alone“, die Klubhymne für die großen Gefühle wurde an diesem Mittwochabend im St. Jakob Park von rund 10.000 Liverpool-Fans immer leiser intoniert – bis sie ganz verstummte.

          Das Schlussbild nach dem „kleinen“ Europapokalendspiel gehörte den Sevillanern, die wieder einmal eine andalusische Fiesta feierten, als der große Silberpokal zum dritten Mal nacheinander erobert wurde und der Tabellensiebte der Primera División sich als großer Gewinner eines dramaturgisch wendungsreichen Abends für die kommende Champions-League-Saison qualifizierte. Der FC Liverpool aber, nur Achter der abgelaufenen Premier-League-Spielzeit, stand mit leeren Händen da.

          Jürgen Klopp, der an der Anfield Road oft genug messianisch gefeierte deutsche Trainer des europäischen Traditionsklubs, konnte und wollte seine Enttäuschung nicht verbergen, als er den aus der Sicht des Verlierers verhängnisvollen Abend kommentierte. „Da wir in der neuen Saison mittwochs oder donnerstags keinen Fußball spielen, haben wir viel Zeit zum Trainieren. Wir werden sie nutzen, um umso stärker zurückzukommen.“

          Eine Halbzeit lang sah es so aus, als könnte Klopps Mannschaft den bisher so imposanten europäischen Beutezug mit Siegen über Borussia Dortmund und den FC Villarreal im Viertel- und Halbfinale fortsetzen. Mit jenem physisch enorm wuchtigen Einschüchterungsfußball, der anderen Gegnern als dem FC Sevilla schon Angst und Schrecken eingejagt hat. Auch die Spanier waren schwer beeindruckt von den unablässigen Pressing- und Gegenpressing-Aktionen, mit denen die Engländer ihren robusten Überfallfußball durchzusetzen versuchten. Bei Halbzeit hätten die „Roten“ deutlicher als 1:0 durch ein zauberhaftes Außenristtor von Sturridge (35. Minute) führen können, doch Schiedsrichter Eriksson verweigerte Liverpool zumindest einen Handelfmeter, auf den der Schwede hätte entscheiden können.

          Klopp rechnete die Zahl der krassen Fehlentscheidungen sogar auf vier hoch, doch beim Kopfballtreffer von Lovren stand Sturridge im passiven Abseits und engte dabei das Sichtfeld von Torhüter Soria ein. Beim 3:1 für Sevilla glaubte der frustrierte Coach zunächst an ein Abseitstor von Sevilla – ein Irrtum, denn der zweite Treffer von Coke (70.) war regulär erzielt worden. Er entschied ein Spiel, das längst zugunsten der nach der Pause deutlich besseren Spanier gekippt war.

          Türöffner für den großen Drehmoment in dieser Begegnung, die Sevilla dank der stärkeren Mentalität für sich entschied, war das 1:1 nur 17 Sekunden nach Wiederanpfiff durch den französischen Torjäger Gameiro, der seinen achten Europa-League-Treffer schoss. Danach kollabierten sämtliche Systeme bei der bis dahin psychisch unerschütterlichen Liverpooler Mannschaft. „Meine Jungs haben das Vertrauen in unser Spiel komplett verloren.“ Kombiniert mit dem einsetzenden Kraftverlust nach der aufwendigen ersten Hälfte, legten die Sevillaner nun die Schwächen ihres Gegners bloß.

          Die Silbermedaille wollte er nicht: Klopp ist der Endspiel-Verlierer. Bilderstrecke

          Kapitän Coke, der in Basel seine ersten beiden Europapokal-Tore schoss, erzielte folgerichtig das 2:1 (64.) – und danach hätte es noch schlimmer als ohnehin schon für den glorreichen FC Liverpool kommen können. „Wir sind bei weitem nicht an unsere Leistungsgrenze gekommen, das ist die größte Enttäuschung für mich“, sagte James Milner, der untröstliche Kapitän des am Ende deutlichen Verlierers.

          Von dem Spirit der Anfield Road war in Basel nur in den ersten 45 Minuten etwas zu spüren. Was folgte, war die große Leere und Lähmung. „Unsere Reaktion auf das 1:1 war das große Problem“, kritisierte Klopp, dass seinen Profis in den Augenblicken, da sich der FC Sevilla zurückmeldete, die Mittel fehlten, sich wieder aufzurappeln. Klopp selbst hat von seinen sechs großen Endspielen mit Borussia Dortmund und dem FC Liverpool (der zuvor auch das englische Ligapokalfinale nicht gewinnen konnte) fünf verloren. „Es gibt größere Probleme im Leben“, sagte er, „aber wenn du ein Endspiel so verlierst, ist das schon hart.“

          Zum Glück vergaß sich der Meister selbst auch nicht an einem Abend, an dem letztlich nichts von dem wahr wurde, was sich die „Reds“ für ihre Mission Europa-League-Triumph vorgenommen hatten. „Ich bin für diesen Auftritt verantwortlich“, sagte Klopp, der das kommende Jahr auch dazu nutzen kann, als Trainer noch ein bisschen besser zu werden. Der Appetit auf weitere Endspiele ist ihm nämlich trotz des Malheurs im St. Jakob Park nicht vergangen.

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